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Leben im Jetzt zwischen<br>nirgendwo und irgendwo

Die Autorin Julya Rabinowich weiß, wovon sie schreibt. Selbst als siebenjähriges Kind von St. Petersburg nach Wien emigriert, kennt sie den Alltag als Fremde, als die Neue, als die, die sich erst einfinden muss. Hier lässt sie die 15-jährige Madina frei heraus erzählen und schafft damit ein präsentes, starkes, reflektierendes Ich: Gern folgt man ihr in die Schule, leidet mit ihr, wenn ihr nachgerufen wird „Du stinkst“ und sorgt sich um sie, wenn es ihre Tante Amina in der gemeinsamen Unterkunft einer Pension im Irgendwo wieder einmal zu bunt treibt.

Die Eltern passen sich an die Regeln in der Pension an, die Mutter nimmt kein Essen mit aufs Zimmer, das, was vom Essen, dem Brot, der Wurst und dem Käse, übrigbleibt, rafft die Köchin in ein Plastiksackerl. Ja, sie klaut es. Wie anders könnte man diese Tat denn nennen? Doch hier beobachten Verfolgte und keine Richter und schon gar keine Kläger ihr Tun; Madina fühlt sich gut, wenn sie Brot erhascht hat, mit dem sie vor der Schule oder auch am Abend die Vögel füttert. Rami, ihr kleiner Bruder, ist die Pest und ein Schleimer, er ist dumm und irgendwie auch schutzbedürftig.

Bald kann Madina dem Unterricht folgen und die Hierarchien in ihrer Klasse erkennen. Laura ist ein Alpha-Mädchen, dem viele Mitschülerinnen nacheifern. Doch aus einem sehr unklaren Grund, interessiert sie sich für die Neue, das Flüchtlingsmädchen, das angeblich stinkt und seine dicken Haare zu einem dicken, altmodischen Zopf geflochten trägt. Laura nimmt ihre neue Freundin mit nach Hause, ein Zuhause, das für Madina einem Paradies gleicht, wunderschön eingerichtet, mit Zimmern, in die man sich zurückziehen kann. Lauras Mutter ist manchmal seltsam, aber immer freundlich und an dem Schicksal der Familie mehr als nur oberflächlich interessiert. So etwa bekommen beide Mädchen neue Badeanzüge, während nur Madina sich für ihren alten Badeanzug genierte und den neuen ganz hinten im Kasten in der Pension versteckt. Wenn den die Eltern entdecken! Dann wieder sitzen die beiden Freundinnen im Buswartehäuschen und reden und reden und die Busfahrer schütteln ihre Köpfe.

Es hätte gut gehen können, schließlich lief der Anfang gar nicht so schlecht: Laura achtet darauf, dass die Klasse Madina zumindest in Ruhe lässt, sie lernt mit ihr und beschützt sie. Madina wird immer besser und die Deutschlehrerin, Frau King, fördert sie. Der Vater arbeitet bei Lauras Mama im Garten und pfeift, wenn er zum Arbeiten kommt. Die Mutter und Tante Amina geraten seltener aneinander. Doch da gibt es Briefe von der Großmutter von zuhause, da gibt es Vater, der sich zu oft an die Brust greift, wenn er schwer arbeitet und da gibt es die eine Übernachtung bei Laura: Der Vater stürmt in die Schule, brüllt und drischt auf seine Tochter ein: Wo hat sie diese Nacht verbracht? Rami, der kleine Bruder, muss ab sofort auf sie aufpassen, der Kontakt zu Laura ist gekappt. Hier könnte der Roman enden, aber das wäre kein Roman von Julya Rabinowich, wenn sich in dieser Dunkelheit nicht doch noch ein Türspalt fände.

Frau Wischmann erklärt, dass man in diesem Land keine körperlichen Strafen einsetzen darf. Das ist verboten. Das muss mein Vater akzeptieren, und wenn es nicht noch einmal vorkomme, gebe es keine Anzeige. Sie versteht, dass er außer sich vor Sorge war. Aber. (S. 173)

Laura erklärt ihrer Freundin, dass auch hier Männer ihre Frauen und Kinder misshandeln, dass diese Gewalttäter weggewiesen werden und dass sie, ihr Bruder und die Mutter Opfer eines solchen Gewalttäters waren. Die Narben am Bauch der Mutter erzählen diese Gewaltgeschichte – doch hier geben viele der Mutter die Schuld. Ja, es sei ihre gerechte Strafe gewesen, denn ein Scheit brenne ja bekanntlich nicht. Madinas Vater kehrt ins Nirgendwo zurück, er will seine Mutter schützen und hofft, zurück kommen zu dürfen. Zerrissenheit charakterisiert alle Personen, die Situationen zwischen Vergangenem und der Gegenwart, in der die Pizza einfach gut schmeckt. Und manches schmerzt und manches, Zärtlichkeit und Verliebtheit, sich zu entwickeln beginnt.

 

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Poesie, ganz pure Poesie, kein Abschreiben der Wirklichkeit, sondern deren Gestalten. Charaktere, die in sich gebrochen sind, die sich selbst zusammenkleisterten und einfach weitermachten, die Idee einer besseren Welt, die Macht kleiner Schritte, die Bedeutung, die Erwachsene im Leben Heranwachsender haben.

 

Die Autorin, 1970 in St. Petersburg geboren, 1977 mit ihrer Familie nach Wien gekommen, ist auch gefragte Kolumnistin und Malerin, sie erhielt 2009 den Rauriser Literaturpreis für ihren Roman „Spaltkopf“, weitere Auszeichnungen folgten. 2011 war sie mit einem Auszug ihres Romans „Die Erdfresserin“ für den Bachmann-Preis nominiert. 2016 „Luchs des Monats Dezemeber“ für das vorliegende Buch. Als Dolmetscherin unterstützte sie den Diakonie-Flüchtlingsdient und Hemayat, ein Betreuungszentrum für Folter- und Kriegsüberlebende.

 

Julya Rabinowich:

Dazwischen: Ich.

Hamburg: Carl Hanser Verlag 2016.

254 Seiten.

 

 

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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