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Helena Tholstrup, die Ich-Erzählerin, die dieses Familien-Wimmelbild führt, verliert nicht so leicht den Kopf. Dass ausgerechnet an dem Tag, an dem sie aus der Hand der Deutschen Bundeskanzlerin den Demokratiepreis der deutschen Medien überreicht bekommen soll, ihre Wohnung unter Wasser steht, bringt sie nur kurz aus dem Takt. Zuviel hat sie erlebt, als dass sie hier stolpern würde, zu zielstrebig verfolgt sie ihre Ziele, als dass sie darüber nicht genau wüsste, welche Töne sie bei ihrer Dankesrede anzuschlagen hat. Doch da ist Sophie, die extra zur Preisverleihung nach Berlin kommt und das mit ihrem neuen Freund Khalil, einem im Mjölnerpark aufgewachsenen Palästinenser.

Sophie kann bei der Begrüßung am Flughafen nicht umhin, ihrer Mutter – überflüssigerweise – die Assoziationskette Mjölnerpark – Norrebro, eins der größten Ghettos Dänemarks – vorzugeigen. Dieser Erzählstrang eines Tages, der eigentlich Helenas Triumphtag werden könnte, wird mit Rückblicken verwoben, mit Geheimnissen, die nach Dänemark und Russland reichen: Ein Blick zurück in Generationen, getrieben von Sehnsüchten, Widerstand und nicht gelebter Liebe. Doch noch hat Helena alles unter Kontrolle: Die Vergangenheit, ihr Verhältnis zu dem russischen Liteteraturnobelpreisträger und die Drohungen, die sich gegen ihre Person als Intendantin und Direktorin der Berliner Oper sowie ihrer umstrittenen Auslegung des „Idomeneo“-Stoffes richten. Es geht um künstlerische Freiheit, um Unabhängigkeit der Kunst und weitere schöne Phrasen, währenddessen Helena ihre Tochter und deren Begleiter kritisch beobachtet: Warum dieser Junge? Warum diese Show?

Sophie hatte erwartet zu triumphieren, wenn sie ihre Mutter weinen hört. Dass sei aufrecht in einem offenen Wagen stehen und eine Fahne schwenken würde wie ein jubelnder Fußballband, der in einem Konvoi durch die südeuropäischen Straßen fährt. Doch als Helenas Weinen von dem Büro zu ihr ins Badezimmer dringt, muss sie gegen den Impuls ankämpfen, sich die Ohren zuzuhalten.

Wer hier einen Thriller erwartet, wird enttäuscht. Wer eine triefende nordische Familiensage erwartet, der ist ab dem ersten Hinweis auf Armani-Hosenanzug und Jil-Sander-Kleid aus seiner nordischen Romanze herausgerissen: Da hat sich eine befreit, da ist eine Hauptperson einsam, da trägt eine mutige Frau ein Geheimnis mit sich, das sich doch auch gut teilen ließe. Doch noch immer dauert das Dinner der Preisverleihung und kündigt dabei an, dass der Tag mit einer Katastrophe enden wird: Die Macht der Inszenierung zieht sich auch durch Sophies Leben, wie sie auch Helenas Leben als Diplomatentochter prägte.

Die Alkoholkrankheit ihrer Mutter Ninni, deren Sehnsucht nach ihrer großen Liebe und der Verrat an ihnen allen: Zwillingsbrüder, die ein Spiel begannen, damals in den 40-er Jahren in Dänemark, als sie beide das schwedische Mädchen kennenlernen und begehren. Sophie trägt jenes Armband, das Helena von ihren Eltern geschenkt bekam und nie tragen wollte, vertrug es sich doch nicht mit ihrer damaligen Lederkluft. Widerstände prägen das Buch, politische Fragen durchdringen manch zufällig wirkenden Plauderton: Lebenslügen wollen erkannt und eingestanden sein. Auch wenn es weh tut. Die 1959 geborene Autorin ist eine der erfolgreichsten Dänemarks, nach Lektüre weiß man auch, warum.

Hanne-Vibeke Holst: Das Mädchen aus Stockholm
Roman. Übersetzung aus dem Dänischen von Hanne Hammer
München u. a.: Pendo Verlag 2014

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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