12

17

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Lebenszeichen vom Linzer Hauptplatz
Die Aktion Lebenszeichen lädt zum Mitmachen ein. Bring ein Ding und erzähle, was dir dran wichtig ist.

Eine seltsame Welt: auf der einen Seite des Linzer Hauptplatzes wutzeln sich die Menschen, drängen sich im Weihnachtsmarkt, blinkende Sternhaarreifen am Kopf, ein Punschhäferl in der Hand, sind laut, lachen, grölen, drängen. Auf der anderen Seite ein großer, fast leerer Raum, wenige Menschen, konzentrierte Ruhe. Ich bin hier, um die Ausstellung „Gemeinsam/einsam“ zu sehen. Schwester Maria Schlackl hatte mich eingeladen. Die Salvatorianerin ist schon da, aber in ein Gespräch verwickelt. Ich bitte meinen Hund Hermann, es sich in einer warmen Ecke gemütlich zu  machen, stelle meinen Weihnachtseinkauf ab und wende mich den Dingen zu. Denn um die geht es.

„Bringen Sie ein Ding mit, das eine Geschichte erzählt, die Ihnen zum Thema Gemeinsam/Allein einfällt“, so lautete die Aufforderung der Katholischen Kirche an jedermann und jederfrau. Ich stehe vor einem hübschen Weihnachtsbillet, kunstvoll ausgeschnitten, mit grünen Papiertannen und roten Papierkerzen geschmückt. Eine junge Frau erzählt dazu ihre Geschichte: In ihrer Kindheit seien in ihrer Familie an die 100 Weihnachtskarten jedes Jahr „im Akkord“ produziert und später verschickt worden. Die ganze Familie habe mitgeholfen. Seit ihre Eltern nicht mehr leben, macht das keiner mehr. Keine Zeit. Auffällig auch ein Seil, das auf einem anderen Ständer hängt. Ein Priester erzählt die Geschichte eines Verunglückten aus Bergnot, den er und sein Schwager zufällig gefunden hatten. Zwei Jahre nach dem guten Ausgang der Rettung schickte der glimpflich Davongekommene einen Brief. Er sei ein gut verdienender Manager, die Minuten der Rettung, als die beiden ihn mit ihren Körpern gewärmt hatten, ihre letzten Proviantreste mit ihm geteilt und ihm gut zugeredet hatten, hätten ihm erst bewusst gemacht, worum es im Leben geht: Wärme, Nähe, Zuwendung statt Geld und Karriere.

„Sehr berührend“, sage ich zu Schwester Maria. „Das freut mich, dass es nicht nur  mir so geht“, erwidert sie. Und erzählt, dass es gar nicht einfach war, Menschen dafür zu gewinnen, ihre Dinge und  zu bringen und  zu erzählen. Ich schaue auf das schwarze Paillettenkleid an der Wand. Die Frau, der es gehört, erzählt, dass sie ungemein gerne in der Disco tanzt, am liebsten alleine unter vielen, mit geschlossenen Augen, hingegeben. Urlaub müsse daher auf Ibiza sein, weil dort die größten Discoparties steigen. Ungewöhnlich in einer Ausstellung, die die Kirche organisiert. „Wir möchten ja erfahren, was Menschen heute wichtig ist und dann fragen, was das für uns in der Pastoral heißen kann“, argumentiert die Ordensfrau.

„Gemeinsam/allein“ ist die vierte Station einer Serie zum Thema „Lebenszeichen“. Gegenstände, die mit „Alt/Jung“, „Lärm/Stille“, „Geburt/Tod“ in Verbindung gebracht wurden, waren bereits zu sehen. Ab 16. Jänner geht es in Bad Ischl um „Krank/Gesund“, ab 23. Jänner in Sarleinsbach um „Mut/Angst“, ab 25. Februar in Steyr um „Nähe/Ferne“ und ab 13. März in Grieskirchen um „Frust/Freude“. Zu allen Veranstaltungen sind jede und jeder eingeladen, ihren Beitrag zu bringen. Die Leihgeber werden so weit anonymisiert, wie sie möchten. Die Aktionen können auch im Internet begleitet und besichtigt werden: www.dioezese-linz.at/lebenszeichen.

Als ich mit Hund und Packerl wieder in den kalten Winterabend hinaus auf den Linzer Hauptplatz trete, fühle ich  mich bereichert, aber auch etwas irritiert. Dort, wo es angeblich um Weihnachten geht, wanken alle auf den Zustand völliger Benommenheit zu, und dort, wo es um Fragen der Zukunft von Glaube und Kirche geht, ist es ruhig und sehr persönlich. Womöglich ist das sogar programmatisch.

Die Linzer Lebenszeichen gibt es noch bis 22. Dezember im ehemaligen Linz09-Infocenter am Linzer Hauptplatz, Samstag 10 bis 13 Uhr, Sonntag 15 bis 18 Uhr.