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Nichtstun, das ist für junge Menschen eine Qual. Erst recht, wenn man in einem Flüchtlingslager sitzt. Junge Asylbewerber aber dürfen eine Lehre machen. Wie das funktionieren kann, macht der Tourismus vor.

Heike Ladurner streut ihrem Kochlehrling Rosen. „Der Kerl ist hochintelligent, im letzten Zeugnis hatte er lauter Zweier“, schwärmt die Chefin des Hotels „Zimba“ in Schruns. Aber der Ashkan, setzt sie nach, der sei schon eine Ausnahme. „Das wär er auch als Lehrling aus Österreich.“ Ashkan Sohrabi ist Flüchtling. Zumindest war er das. Seine Heimat war der Iran, ein Land, dem seine jungen Menschen nicht grundlos davonlaufen. Die Grüne Revolution gegen das totalitäre Regime wurde 2009 brutal niedergeschlagen. Allein im Vorjahr wurden nach Angaben der Vereinten Nationen mehr als 700 Todesurteile vollstreckt. „Ich wollte in Sicherheit, egal wohin“, erzählt Ashkan. Er ist noch keine 16 Jahre alt, als er 2012 ganz allein flieht. Drei Jahre später wohnt der 19-Jährige in Vorarlberg in einer eigenen Wohnung und steht mitten im Leben. Er hat Deutsch gelernt und unterhält sich problemlos in der neuen Sprache. Er hat mit Bravour das dritte Lehrjahr als Koch erreicht und krönte im vergangenen März seine bisherige Laufbahn mit dem Sieg der „Junior Mentor Chef Challenge“. Hotelchefin Ladurner freut sich nicht nur für ihren Schützling: „Es kann uns im Tourismus nichts Besseres passieren als solche jungen Leute.“ Dass jedoch jugendliche Flüchtlinge wie Ashkan eine Stelle und damit eine Chance bekommen, ist noch alles andere als die Regel. Zwar dürfen in Österreich seit 2013 junge AsylbewerberInnen bis 25 Jahre eine Lehre in den sogenannten Mangelberufen antreten, wenn es zu wenige BewerberInnen aus dem Inland gibt. Doch von allein finden Betriebe und Flüchtlinge kaum zueinander. „Viele Leute scheuen die Dinge, die nicht aus der Routine entstehen“, sagt Arbeitsmarktexperte Alexander Rauner von der Sparte „Tourismus“ in der Wirtschaftskammer Österreich. Und es herrsche auch Unsicherheit im Umgang mit möglichen Kriegstraumata. „Als Arbeitgeber fragt man sich: ,Wer weiß, was dem passiert ist?‘“

Es wäre schön, könnten mehr junge Asylsuchende auch in anderen Berufen eine Ausbildung machen.
(Karoline Mätzler, Caritas Vorarlberg)

Ruhollah Haydari (16) kommt aus Afghanistan. Seit Juli lernt er im Hotel "Zimba" Koch. Ihm fehlt seine Familie sehr – darum kümmern sich seine Kollegen ganz besonders um ihn.

Ruhollah Haydari (16) kommt aus Afghanistan. Seit Juli lernt er im Hotel „Zimba“ Koch. Ihm fehlt seine Familie sehr – darum kümmern sich seine Kollegen ganz besonders um ihn.

EIN GLÜCKSFALL
Wie es gelingen kann, dass junge Flüchtlinge und heimische Lehrbetriebe zusammenkommen, zeigt ein für die Tourismusbranche maßgeschneidertes Pilotprojekt in Vorarlberg. Caritas und Wirtschaftskammer haben es vor einem Jahr gemeinsam initiiert, acht Jugendliche konnten bisher vermittelt werden. Seit heuer ist das Projekt, in das die Caritas zum Start 50.000 Euro investiert hat, eine Dauereinrichtung. Das Rezept des Erfolgs: Neben vorbereitenden Deutschkursen für die Jugendlichen werden sowohl die Betriebe als auch die jungen AsylbewerberInnen während der Lehre professionell begleitet. Eingebunden ist auch die Berufsschule. Das Unterrichtsmaterial aber ist für alle gleich, egal, woher die Jugendlichen kommen. „Es ist eine Freude, wie die Mitschüler hier helfen“, betont Karoline Mätzler von der Caritas Vorarlberg. Mätzler selbst ist für das Projekt ein Glücksfall. Sie kennt nicht nur die Probleme von Flüchtlingen, sie war auch 20 Jahre lang in der Hotellerie tätig. Die Branche verfüge über eine hohe Kompetenz, was den Umgang mit Menschen betreffe, betont sie. Betriebe für das Projekt zu finden sei auch nicht schwer gewesen. Eine größere Herausforderung sei wegen der Sprachbarriere die Suche nach geeigneten Jugendlichen. Am Arbeitswillen aber scheitere es nicht, „die jungen Leute wollen alle unbedingt etwas tun“. Beim Warten auf den Asylbescheid nur Däumchen drehen zu dürfen, sagt Mätzler, sei für die meisten unerträglich.

HOHE ZIELE
In einem aber sind sich Jugendliche auf der ganzen Welt wohl ähnlich: „Manchmal ist es schon zum Verzweifeln mit ihnen“, sagt Hotelchefin Heike Ladurner. Mit Sadiqu Hossein bildet sie in ihrem Haus auch einen jungen Asylbewerber aus Afghanistan aus. Der 22-Jährige macht eine Lehre als Restaurantfachmann und sei „eher der Typ, der lieber ins Fitnessstudio geht, anstatt Deutsch zu lernen“, sagt Ladurner. Noch bestehende Sprachmängel mache er bei den Gästen jedoch durch seine Freundlichkeit wett. Arbeiten musste die Hotelchefin am Frauenbild des jungen Manns: „Dass ihm auch jüngere Frauen etwas anschaffen können, damit hatte er am Anfang so seine Schwierigkeiten.“ Jetzt seien die Dinge klargestellt und in Summe würden die guten Erfahrungen überwiegen, betont Ladurner. Das Projekt sei für beide Seiten ein Erfolg. „Wenn die jungen Asylbewerber unter sich in den Wohnheimen bleiben, dann lernen sie ja nichts vom Land und den Leuten in Österreich kennen. Wie soll so Integration funktionieren?“ Seit einigen Monaten ist mit Ruhollah Haydari übrigens noch ein junger Mann im Hotel „Zimba“ mit an Bord: Der 16-jährige Afghane, der ohne seine Familie hier ist, absolviert eine Kochlehre. Noch ist der Tourismus die mit Abstand engagierteste Branche, die junge AsylbewerberInnen als Lehrlinge aufnimmt. Von den österreichweit 106 AsylbewerberInnen mit Beschäftigungsbewilligung als Lehrling werden derzeit 72 – und damit weit mehr als die Hälfte – in der Hotellerie und Gastronomie ausgebildet. „Es wäre schön, könnten mehr junge Asylsuchende auch in anderen Berufen eine Ausbildung machen“, sagt Karoline Mätzler. Auch Ashkan hat trotz Erfolgs als Koch noch andere Ziele. Der 19-Jährige will nach der Lehre die Matura machen und irgendwann Chemie studieren.

 

Erschienen in „Welt der Frau“ 11/15 – von Brigitta Schörghofer
Erstmals erschienen in den Salzburger Nachrichten vom 31. Mai 2015