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Die Syrer in unserem Dorf sind unsere Freunde. Als Trainerin in einem Reportage-Fotografie-Workshop, schickte ich den ambitionierten Jungfotografen R. zu „unserem“ Asylwerber-Haus. Und die Ergebnisse, die er in mitbrachte, waren erzählenswert spannend.

Am Tag der ersten Begegnung ließ er Fotos entstehen, die richtig dramatisch waren. Sein Blick war immer auf dem Schrägen, Traurigen, Sonderbaren. Er machte sogar Schwarz-Weiß-Bilder daraus und argumentierte: „Die müssen sich ja sooo verloren fühlen, so leer und allein hier…“.  Okay – mal sehen, dachte ich, und bat ihn, die Arbeit dort noch fortzusetzen – eventuell die Serie noch zu erweitern oder auch auf anderes zu schauen, den Männern mal nur zuzuhören, vielleicht die Kamera zumindest in der ersten Stunde dort im Haus in der Tasche zu lassen. Am nächsten Tag ging er wieder zu den gleichen Menschen, der Deutschkurs wurde zum Thema, farbige Bilder mit den Gesichtern und den Emotionen landeten auf der Speicherkarte. Er kam den Leuten sichtlich näher. Fotograf R. ist selbstkritisch und bereit, seine Arbeit zu überdenken, zu schärfen, auszubessern. Das Endergebnis war eine Fotogeschichte mit all den Elementen – mit schmeichelhaften und warmen Fotos dabei, die dramatischen Bilder wurden entschärft, indem R. ihnen die Farbigkeit zurückgab.

„Es war einfach nicht mehr stimmig“ erklärte er mir, als ich R. fragte, warum er auch das Bearbeitungs-Stil-Konzept verändert habe. Und wenn es auch nur „so ein Gefühl“ war – keine rationelle Erklärung greifbar – hüpfte mein Herz ein klein wenig, weil ich wusste: „unsere“ Syrer überzeugen. Es geht nicht immer um Drama und Tragik. Diese Menschen haben es schwer und sie haben Dinge erlebt, die wir uns nicht vorstellen können. Aber sie schauen nach vorne. Sie sind lebendig, sind nicht ertrunken im Mittelmeer. Ein pensionierter Lehrer aus der Gemeinde versucht ihnen das Deutschlernen leichter zu machen, und das ist Schwerstarbeit. Für beide Seiten. Richtig gute Reportagefotos lassen uns mitfühlen.

Die Gespräche mit den Syrern machten den Fotografen zum Vertrauten, er sah sie wohl irgendwie in einem neuen Licht. Jedenfalls sprach die Veränderung der Bilder Bände, obwohl da nie Vorurteile waren, in R.s Fall, würd ich hier gern mal behaupten. Das Foto-Beispiel soll wahrscheinlich aber nur umschreiben, was mich selber immer wieder zwickt. Wenn ich da nämlich so gönnerhaft schreibe „unsere Freunde“, dann muss ich auch zugeben: diese Anderen, die in dem anderen Dorf – denn neulich erzählte mir L. von den Asylanten in W. – die waren mir anfangs auch suspekt. Ich musste mich selbst sehr an der Nase nehmen, um den Vorschlag rauszubringen: „Ach komm, ich hab noch Bettwäsche übrig, lass uns mal hingehen und Hallo sagen.“ – So ähnlich hat es nämlich mit unseren syrischen Freunden begonnen. Nur brauchten die Suppenteller und Löffel.

 

roland koch_5

 

 

Alexandra Grill

lebt und fotografiert derzeit hauptsächlich im Mühlviertel, OÖ. Die Fotografin ist seit 2011 Bildredakteurin der Zeitschrift „Welt der Frau“ und unterrichtet u.a. an der Prager Fotoschule Österreich. Das Alltagsleben mit Mann, Kind, einem spannenden Job und vielen bunten Extras bietet oft überraschende Motive. Und wenn Alexandra Grill auf Reisen geht, dann gibt es Impressionen von anderswo hier im Blog.
Foto: Kurt Hörbst
http://www.alexandragrill.com

 

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