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Leselampe mit Fjordblick

Das norwegische Dorf Fjærland liegt abgelegen und einsam. Einst drohte ihm der Abstieg in die Bedeutungslosigkeit. Aber dann kamen die Bücher.

Bei Marianne Supphellen braucht der Postbote gar nicht erst zu klingeln. Sie spürt es, wenn der rote Kastenwagen daherrollt. Die Adresse „Den norske Bokbyen, Mundal“ wird oft beliefert, sehr viel öfter als die anderen Häuser im norwegischen Dorf Fjærland. Wenn Marianne die schweren Pakete in Empfang nimmt, ist sie immer noch aufgeregt. Das Auspacken ist Abenteuer geblieben. Was wird sich diesmal unter Pappendeckel und Zeitungspapier verstecken? Sind es neue Krimis, längst vergriffene Magazine zur Praxis des Ackerbaus in Skandinavien oder eine seltene Partitur? Vielleicht sogar eine illustrierte Ausgabe von Flauberts „Madame Bovary“?

In solchen Momenten ist Marianne glücklich: Sie ist am richtigen Ort gelandet. Fjærland ist ein „Bücherdorf“ und als solches eines der bekanntesten und ältesten, die es gibt. Seit 1995 ist die 300-Seelen-Gemeinde am gleichnamigen Fjord ein Mekka für alle, die sich von ihrer Sammel- und Leselust treiben lassen. Marianne Supphellen ist Managerin von „Den norske Bokbyen“, was übersetzt „Die norwegische Bücherstadt“ heißt. Sie sorgt dafür, dass der Inhalt der Kisten katalogisiert und an der richtigen Stelle platziert wird und jeder findet, wonach er sucht. 

NABELSCHNUR ZUR WELT
Der örtliche Informationspunkt ist zugleich das größte der zehn Antiquariate des Ortes und als solches bestens bestückt. Man hat eine Abteilung für zeitgenössische Literatur eingerichtet, selbstverständlich in mehreren Sprachen, man hat Regale mit Publikationen zu Kunst, Medizin und Juristerei, zu Jagd, Botanik oder Küchentechniken. Rücken an Rücken gereiht würden die in Fjærland gehorteten Bände eine 2,4 Kilometer lange Linie bilden: eine Nabelschnur zur Welt.

Ein paar Holzhäuser entlang der Hauptstraße, grau, gelb und weiß gestrichen, zwei Hotels, die rote Kirche, die frühere Fährstation und etliche Bauernhöfe. Hohe Berge rundum, Gletscher blitzen aus dem Grau des Gesteins. Dazu dichte Wälder, prallgrüne Wiesen und das dunkle Blau der Wellen. Natur ohne Ende. Mit reichlich Regen sollte man rechnen, im Winter kann es kalt werden und auch kräftig schneien. Fjærland ist kein Garten Eden und doch ein faszinierender Landstrich. Wer hier wohnt, muss gut mit sich selbst sein. Mehr als sechs Stunden sind es bis nach Oslo, nicht viel weniger bis nach Bergen. Kein Katzensprung. Helfen Bücher gegen die Einsamkeit? „Nein“, meint Marianne Supphellen. Allein fühle sich hier niemand, die Gemeinschaft stehe eng beisammen. „Die Leute aus Fjærland lesen nicht mehr als in anderen Dörfern Europas.“ Mit einem Unterschied: Es gibt kaum jemanden, der Bücher nicht schätzen gelernt hat. Sie haben dem Dorf und seinen BewohnerInnen das Leben gerettet – oder zumindest das Weiterleben in einer Gegend gesichert, die dem Untergang geweiht zu sein schien. 

EIN DORF FLORIERT
Was brachte die SiedlerInnen dereinst an diesen abgelegenen Winkel, der jahrhundertelang nur mit dem Boot erreichbar war? Schon die ersten Hirten bemerkten, dass der Boden am Fuß des Eises besonders fruchtbar war. Das Wasser, das aus den Gletschertoren flutete, war mit Mineralien angereichert und ließ das Gras auf den Wiesen kräftiger sprießen als anderswo. Also begann man, Schafe und Kühe zu züchten, und schlug sich damit durch.

Bis Ende des 19. Jahrhunderts die TouristInnen im Fjordland eintrafen. Briten und Deutsche jagten den Lachsen und Rentieren nach und suchten die einzigartigen Naturwunder der Region zu erkunden: wild schäumende Wasserfälle, einsame Bergseen und Hochtäler im Schatten mächtiger Eisflächen. Bei ihren Entdeckungsfahrten spürten sie auch Fjærland auf. Wer am Ende des gleichnamigen Fjordes ankerte, hatte es nicht weit hinauf zum Jostedalsbreen, dem mächtigsten Gletscher Europas. Für derlei Bergwanderungen aber benötigte man kundige Einheimische, die mit dem Gelände und den Wegen über das Eis vertraut waren. Die Bauern waren froh über einen zusätzlichen Verdienst. Das Dorf florierte, man baute ein Hotel und schließlich sogar ein zweites. 

BEDROHLICHE RUHE
Als Fjærland 1984 endlich ans öffentliche Verkehrsnetz angeschlossen wurde, stieg die Zahl der BesucherInnen weiter an. Wer aus dem Landesinneren kommend nach Balestrand oder Bergen wollte, gelangte nun über einen Tunnel nach Fjærland. Dort legte man eine Pause ein, blieb für eine Nacht oder auch zwei und zumindest auf einen Kaffee oder Imbiss und reiste dann auf einer der Autofähren weiter. Der Tourismus florierte, an Fjærland kam man nicht so leicht vorbei. Bis zehn Jahre später zwei weitere Röhren in den Berg geschlagen wurden. Man hatte Glück, weil die neue Straße in einigen Kilometern Entfernung verlief und der Lärm nicht weiter störte. Gleichzeitig schien die neue Verbindung den Niedergang des Gebietes einzuleiten. Der Fährverkehr in den Süden kam fast vollends zum Erliegen, die Gäste folgen fortan der Direktroute.

Eine bedrohliche Ruhe legt sich über Fjærland. Erste BewohnerInnen wollen wegziehen. Mit der Post verabschiedet sich die Bank. Und wenn jetzt die Schule ihre Existenzberechtigung verlöre, wenn die zwei kleinen Supermärkte nicht mehr rentabel wären und die Hotels zusperrten? Der Schrecken schweißt die Menschen zusammen. In ungeahnter Einigkeit überlegt man, wie man den Ort retten kann. 

DIE RETTENDE IDEE
Zwei pensionierte Lehrer haben schließlich eine zündende Idee. Die beiden hatten kurz zuvor das walisische Hay-on-Wye kennengelernt, wo 1961 das erste internationale Bücherdorf gegründet worden war. Dank der Antiquariate hatte es sich zu einer regelrechten Boomtown entwickelt. Wieso dies nicht auch hier probieren?

Etliche der FjærländerInnen schütteln den Kopf, als sie von diesem Plan hören. Die OptimistInnen aber krempeln die Ärmel hoch. Als Erstes gilt es, Bücher aufzutreiben und damit für den nötigen Grundstock an Waren zu sorgen. Man schreibt Bittbriefe und staunt, wie groß Echo und Hilfsbereitschaft sind. Bald schon treffen erste Pakete von Buchhandlungen, Verlagen und Privatpersonen ein. Entsprechend motiviert richtet man in Fjærland die Geschäfte ein. In die inzwischen leere Bank, ins ehemalige Postgebäude und ins frühere Kühlhaus ziehen die Bücher ein, dazu noch in private Garagen, Bootshäuser und Abstellkammern. 1995 wird das „Bokbyen Fjærland“ offiziell eröffnet. JournalistInnen rücken an, Fernsehanstalten berichten von einer Gemeinde in wundersam schöner Umgebung, in dem es sich nach Herzenslust in den Antiquariaten stöbern lässt. Immer mehr BesucherInnen reisen an. Die FjærländerInnen sind wieder guten Mutes: Es geht weiter. 

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Erschienen in „Welt der Frau“ 06/16 – von Susanne Schaber