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Letzte Fragen rund um Gerhard
Vor seinem Tod gab es keine Versöhnung. Ein Nachruf und ein Aufruf.

Dieser Text ist eine Suche. Es ist die Suche nach drei Frauen, die gerade einen nahen Angehörigen verloren haben, ohne davon zu wissen. Am 21. Oktober 2013 ist in Neumünster bei Hamburg Gerhard Haidn gestorben. Er wurde 65 Jahre alt. Um ihn trauern seine (zweite) Ehefrau Bärbel und sein (viertes) Kind Annika. Von seinem Tod wissen nichts: seine Mutter, seine Schwester, seine Tochter (die sein zweites Kind ist). Dahinter steht eine lange Geschichte.

 

Die Spur seiner Mutter verliert sich vor 47 Jahren. Damals war Gerhard 18 Jahre alt. Seine Eltern waren lange schon geschieden. Gerhards Vater war Eisenbahner in Amstetten. Seine Ehefrau, so erzählt es die Familiengeschichte, konnte mit Geld nicht umgehen. Was wirklich geschehen war, liegt im Dunkeln. Nach der Scheidung blieben die Kinder beim Vater, sie zog nach Vorarlberg. Der letzte Name, der von ihr überliefert ist, lautet Gertraud (oder Gertrude) Buchberger, sie ist Jahrgang 1921. Ob sie noch lebt, ist unbekannt. Gerhard Haidn war 16 als sein Vater wieder heiratete. Mit seiner Stiefmutter gab es Konflikte. Als er ausgelernt hatte, wollte er unbedingt zu seiner leiblichen Mutter. Sein Vater ließ ihn ziehen. Nach sechs Monaten kam Gerhard zurück. Bis zu seinem Tod wollte er nicht darüber reden, was bei seiner Mutter vorgefallen war und warum er so schnell wieder zurückgekommen ist.

 

Die Spur von Gerhards Tochter, der Name ist nicht bekannt, verliert sich vor ungefähr 30 Jahren. Gerhard war damals in erster Ehe verheiratet mit Veronika Czech. Für sie war es die zweite Ehe, in die sie schon einen Sohn mitbrachte. Mit Gerhard bekam sie drei Kinder, das jüngste starb. Der Sohn wurde nach seinem Vater benannt, Gerhard. Er lebt heute in Rom. Zu ihm hatte sein Vater in den letzten Lebensjahren Kontakt. Er kam auch nach Neumünster, um seinen toten Vater zu verabschieden. Aber auch er hat zu seiner Mutter und zu seiner Schwester keinen Kontakt, weiß weder wie sie aktuell heißen, noch wo sie wohnen.

 

Die Spur von Gerhards Tochter verliert sich in St. Pölten. Die junge Familie hatte dort eine Wohnung gekauft. Um sie zu finanzieren, heuerte Gerhard Haidn bei den UN-Truppen auf dem Golan an. Zwei Einsätze machte er mit. Als er zurückkam, war die Wohnung leer, das Konto leer und seine Frau samt den Kindern bei einem anderen Mann. Gerhard trat dessen Wohnungstüre ein und fuhr noch am selben Abend nach Hamburg. Weit genug weg, wie er erzählte, um nicht in Versuchung zu kommen, einen Mord zu begehen. Dort baute Gerhard ein neues Leben auf, eines mit einer verlässlichen Partnerin, einer Tochter, mit einem Job, mit Freunden, mit einem eigenen Haus. Nur die Scherben der ersten Ehe und seiner voran gegangenen Familien lagen bis zum Ende wie unbeschriftet herum.

 

Von seiner Schwester Renate hatte Gerhard später sogar Name und Anschrift. Sie hieß damals, es müssen die 1980 oder 1990er Jahre gewesen sein, Renate Schachner, lebte in Bregenz und war Kellnerin in einem Cafe in der Nähe des Bahnhofs. Renate lehnte den Kontakt mit ihrer ersten Familie ab. Als ihr Vater sie einmal besuchte, kehrte er gedemütigt mit einem Sack voller Vorwürfe zurück. Gerhard blieb auf der Seite des Vaters, Renate auf der Seite der Mutter.

 

Warum ich das schreibe? Ich bin die Nichte der Stiefmutter von Gerhard Haidn. Mich berührt diese unaufgelöste, unversöhnte Geschichte. An Renate erinnere ich mich als „große Cousine“, die im Erwachsenwerden ein Vorbild war. Ich würde sie gerne wieder sehen, hören, wie es ihr geht. Und Gerhards Witwe Bärbel und seine Tochter Annika würden gerne die Schwiegermutter, die Halbschwester, die Tante kennen. Wie findet man nun diese Spuren wieder?