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Liebe und Alltag zwischen Grappasorbet und Hammerwerferinnen

Der Einstieg in diesen Roman fällt leicht und gibt eine bestimmte Lesart vor: Hier sitzt ein 80-Jähriger und verliebt sich via Fernsehen in eine 83 kg schwere Hammerwerferin. Da will man hin, da will man bleiben und sich gleich zu Beppi aufs Sofa setzen. Beppi ist der Anführer des Familienclans der Eismacher aus einem Dorf in den Dolomiten: Die beiden Söhne müssen bis sie in den Niederlanden im Eiscafe der Familie mitarbeiten dürfen bei der Großmutter im Dorf bleiben. Ein Schicksal, das die beiden Buben mit allen Dorfkindern teilen, nur Sophia, die Tochter eines Unternehmers wohnt behaglich mit ihren Eltern in der Nachbarschaft. Sie wird von den beiden Brüdern umschwärmt, beide sind in sie verliebt, würden das aber nie zugeben. Die Frauen arbeiten im Eisverkauf, füllen Waffeln und türmen die begehrten Eiskugeln auf die Eistüten: Ihre Hoffnungen sind ein wenig eingefroren, die Männer arbeiten hart und gönnen sich im Winter dann Zeit für ihre Hobbys, Alkohol trinken, Maschinen reparieren und über neue Eissorten nachdenken.

Es war das Los von Eismacher-Kindern. Als Babys, als Kleinkind, als Kindergartenkind kann man jede Saison bei seinen Eltern im Eiscafe verbringen, aber irgendwann muss man zur Schule. In Italien. Der Vorteil war, dass man im Winter nach Hause konnte und in den langen Sommerferien, die in Italien drei Monate dauern, in die Niederlande.

Es ist eine Kunst, Grappasorbet herzustellen, es muss das Verhältnis stimmen, es muss die Temperatur richtig sein: Die Männer experimentieren, fluchen und freuen sich, wenn eine neue Eissorte zum Verkauf steht. Die Rücken werden immer gebeugter, Luca hat schließlich Sophia bekommen, sein Bruder deren Mutter verführt oder auch umgekehrt: Beim Eismachen wird geschwiegen, beim Eisverkaufen nur mit den KundInnen geredet und nur Giovanni, der ältere Bruder, bricht mit der Tradition und widmet sich der Sprache und Poesie.

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: das feine Gespür für Eis, für Sorbets, für ein Handwerk, das im Aussterben begriffen ist, für den Wechsel der Saisonen, für die Kauzigkeiten der starken Charaktere, für die Sehnsüchte der Frauen und die Visionen der Männer, für Verfall, für Schönheit und Eleganz, für Fleiß, Liebe und Leidenschaft.

 

Der Autor wurde 1981 in Bombay geboren, ist halb indischer, halb niederländischer Herkunft. Sein Besteller „Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ ist eine kleine, feine Geschichte und zeugt von großer Beobachtungsgabe. Jetzt ist Ernest van der Kwast, der in Rotterdam und in Südtirol lebt, Bestsellerautor.

 

 

Ernest van der Kwast:

Die Eismacher.

Roman.

Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke.

München: Random House 2016.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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