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Liebe unter Rivalinnen
Schwestern-Beziehungen: Warum sind manche Schwestern so unterschiedlich und manche so ähnlich? Und warum können sich Schwestern lieben und hassen gleichzeitig? GeschwisterforscherInnen beleuchten eine der längsten und spannendsten Beziehungen, die Frauen untereinander haben. Und auch eine der spannungsgeladensten.

Es war ein Geburtstagsgruß per SMS. Eine langsame, vorsichtige Annäherung. Ein halbes Jahr lang hatten Priska (44) und Sonja (43) keinen Kontakt zueinander gehabt. Ein Missverständnis hatte beide, die sonst so innig miteinander waren, tief verletzt. Die zwei jüngeren Schwestern Tanja (41) und Barbara (39) wollten keine Partei ergreifen. Heute ist das Damenquartett froh, dass Priska und Sonja wieder zueinandergefunden haben. Seit Kurzem sind sie sogar Nachbarinnen.

Nähe und große Vertrautheit verbindet die Schwestern Barbara, Priska, Sonja und Tanja (von links). Doch diese unvergleichliche Liebe macht auch ziemlich verletzbar.

„Die Beziehung zur Schwester ist die engste und intensivste Beziehung, die eine Frau hat. Kein anderer Mensch kennt sie so lange, so genau und so nah in verschiedensten Lebensphasen und Gefühlslagen«, sagt der Münchner Psychologe und Familienforscher Hartmut Kasten. »Vor der Schwester ist man seelisch nackt. Dies bewirkt eine unvergleichbare Liebe, Vertrautheit und Nähe. Aber genau diese Verbundenheit macht auch ungeheuer verletzbar. Schwestern kennen wechselseitig ihre wunden Punkte so genau wie niemand anders.“

SCHICKSALHAFTE GESCHWISTERBEZIEHUNGEN. 
Beziehungen zwischen Schwestern und Brüdern sind urwüchsiger und spontaner als alle anderen. Ihnen haftet etwas Schicksalhaftes an, weil man sie sich nicht aussuchen kann, sondern in sie hineingeboren wird. Es ist ein ganz eigenes Kraftfeld, das zwischen Geschwistern herrscht und zwischen Schwestern im Besonderen. Denn Frauen artikulieren Gefühle untereinander anders als Männer. Dies ermögliche oft eine intimere Beziehung als unter Brüdern oder gemischt-geschlechtlichen Geschwisterpaaren, so Kasten.
Das bestätigt auch die US-amerikanische Linguistik-Professorin Deborah Tannen: Die Dialoge zwischen Schwestern drehen sich meist um persönliche Themen ? um emotional besetzte Fragen oder scheinbar banale Details des Alltags. Weil Frauen den Austausch von persönlichen Informationen als Voraussetzung für Nähe betrachten.

Sonja Zumpfe, 43, selbstständige Projektmanagerin

ICH MAG DICH ? DU NERVST.
Das wohl hervorstechendste Merkmal der Beziehung zwischen Geschwistern ist ihre Ambivalenz. »Uns verbindet viel Liebe«, sind sich Priska, Sonja, Tanja und Barbara einig. Barbara weiß aber noch genau, wie sehr sie es als Kind hasste, mit ihren Schwestern verglichen zu werden, und Priska hat sich in der Pubertät oft für ihre Schwestern geniert, weil sie zu laut und zu anstrengend waren. Der Schriftsteller Kurt Tucholsky beschreibt die Gegensätzlichkeit der Gefühle so: »Indianer sind entweder auf dem Kriegspfad oder rauchen die Friedenspfeife ? Geschwister können beides.«

 

Bei uns war immer viel los, ich hab?s genossen, wenn es einmal ruhig in der Wohnung war.

 

U-KURVE DER GESCHWISTERBEZIEHUNG.
Die Beziehung zwischen Geschwistern folgt im Lauf des Lebens meist einer U-Kurve. Große Nähe in der Kindheit, dann langsame Loslösung in der Pubertät. Am größten ist die Distanz normalerweise, wenn jeder mit Beruf, Partner und eigenen Kindern beschäftigt ist. Im Alter rückt man dann wieder zusammen.
Geschwister prägen das Selbstbild und die eigene Identität entscheidend mit ? oft sogar mehr als die Eltern. Schließlich haben Einjährige etwa gleich viel Umgang mit ihren Geschwistern wie mit ihrer Mutter. Und im Alter zwischen drei und fünf Jahren verbringen Kinder doppelt so viel Zeit mit ihren Schwestern oder Brüdern wie mit den Eltern. »Die Erfahrungen mit unseren Geschwistern in der Kindheit bilden die Basis für unseren Umgang mit Nähe und Vertrautheit, mit Konkurrenz und Ablehnung, mit Konflikten und Versöhnung«, schreibt der Schweizer Psychologe Jürg Frick.

 

Tanja Schanzer, 41, Steuersach-
bearbeiterin

Ich habe das Gefühl, dass ich nicht nur von meinen Eltern, sondern auch von meinen Schwestern erzogen wurde.

 

RINGEN UM DIE ZUNEIGUNG DER ELTERN.
Der Ursprung von Konkurrenz und Rivalität ist meist der Wunsch nach elterlicher Zuneigung und Liebe. Bei Brüdern äußert sich dieses Rivalisieren eher physisch, bei Frauen eher auf der emotionalen und verbalen Ebene mit Sticheleien und Intrigen. Eltern könnten zwar einiges tun, um das Verhältnis ihrer Kinder positiv zu beeinflussen, indem sie zum Beispiel keine offenen Vergleiche darstellen, sagen Geschwisterforscher. Doch vieles hänge auch von Faktoren ab, die Mutter und Vater nicht ändern können, etwa vom Altersabstand. In der Regel gilt: Je geringer der Altersunterschied, desto größer ist die Nähe, aber auch das Konfliktpotenzial.

Die meisten Eltern versuchen zwar, ihren Kindern gleiche Bedingungen zu bieten: Doch sie können es nicht. Denn von einem Kind zum nächsten verändert sich oft nicht nur die psychische und partnerschaftliche Situation, sondern auch die berufliche und körperliche. Außerdem schaffen sich Kinder ihre eigene Welt und sie nehmen die Eltern subjektiv anders wahr.
»Könnt ihr euch noch an die Geschichte mit den Erdbeeren erinnern?«, fragt Tanja in die Schwesternrunde. »Mama hat die Erdbeeren vor uns abgewogen, um uns zu zeigen, dass wir alle gleich viel bekommen. Priska hat dabei fünf Beeren bekommen und ich vier, das hab ich damals überhaupt nicht verstanden.« Die pragmatische Lösung der Mutter: Sie schnitt eine Frucht auseinander, sodass beide Mädchen viereinhalb Erdbeeren bekamen.

Barbara Mladek, 39, Buchhändlerin

 

Mir, der sogenannten Kleinen, können schwesterliche Ratschläge manchmal ziemlich auf die Nerven gehen.

 

WIR SIND SO UNTERSCHIEDLICH.
Obwohl der Altersunterschied zwischen den vier Schwestern sehr klein ist, haben sie einander eher bewundert als beneidet, sind sich die Frauen einig: »Vielleicht, weil wir so unterschiedlich sind.«
Forscher nehmen an, dass Schwestern und Brüder durchschnittlich die Hälfte der Gene gemeinsam haben. Daher verblüfft es, dass sich viele Geschwister so unterschiedlich entwickeln. Psychologen haben hierfür folgende Erklärung: Um sich voneinander abzugrenzen, versuchen Brüder und Schwestern eine Nische zu finden, in der sie konkurrenzlos anerkannt sind. In der Fachsprache wird dieser Prozess, der sowohl bewusst als auch unbewusst ablaufen kann, als »Deidentifikation« bezeichnet. So sind Priska, Sonja, Tanja und Barbara zwar alle sehr kreative Köpfe? sie haben sich aber unterschiedliche Nischen gesucht, wo sie ihre Begabungen ausleben. Sonja ist klassische Sopranistin, Barbara singt als Mezzosopranistin in einer Jazzband, Tanja hat mit ihren Zeichnungen viel Lob und Anerkennung geerntet und Priska gestaltet besonders gerne Innenräume.

Die Deidentifikations-Theorie wird durch zahlreiche Studien gestützt: Zwillinge, die zusammen aufwachsen, unterscheiden sich in ihrer Persönlichkeit, ihren Vorlieben und Abneigungen stärker als Zwillinge, die nach der Geburt getrennt wurden und daher nicht unter dem Druck standen, sich abzugrenzen. Geschwister mit wenig Altersdifferenz unterscheiden sich in ihrer Persönlichkeit stärker als solche, die mit großem Abstand voneinander geboren wurden.
Konflikte wird es trotz aller Abgrenzungsversuche immer geben. »Die meisten Schwesternbeziehungen sind wie Ehen: eine große Quelle des Trostes, aber nicht selten ?wenn nicht sogar häufig ?Anlass für Enttäuschungen, Ärger und Leid«, schreibt Deborah Tannen. »Und im Gegensatz zur Ehe, die durch eine Scheidung beendet werden kann, bleiben Schwestern immer Schwestern.«

 

Priska Binder, 44, Tourismuskauffrau

Meine Schwestern sind zugleich meine besten Freundinnen. Deshalb tut auch ein Streit doppelt so weh.

Eine Kindheit ? vier Erinnerungen – Schwestern-WG im Elternhaus

Jede der vier Schwestern lebt ein sehr eigenständiges Leben. Dennoch genießen Priska, Sonja, Tanja und Barbara die Gewissheit, auf die anderen zählen zu können. Text: Michaela Herzog

Sie sind knapp hintereinander geboren, haben die gleiche Körper- und Kleidergröße, den gleichen Humor und denselben lauten Lacher. Alle vier sind selber Mütter. Als Kind war Priska, 44, die Ernste und Schüchterne, Sonja, 43, die Vorlaute und Verantwortliche, Tanja, 41, die Unscheinbare und Brave und Barbara, 39, die Pflegeleichte und das Nesthäkchen. Wird man diese Etikettierungen gar nicht mehr los? Doch, sie haben sich verändert, alle vier, und konnten sich im Lauf der Jahre unabhängig voneinander entwickeln, ohne weiterhin in eine Rolle gedrängt zu sein. Nur manchmal fühlen sie sich in ihre Kindheit zurückversetzt. »Könnt ihr euch an den Urlaub erinnern, zu dem Papa vor einigen Jahren uns alle eingeladen hat?«, fragt Barbara. »Da habe ich mich von meinen beiden großen Schwestern wieder so bemuttert gefühlt und mich gleich wieder in der Rolle der Kleinen gefühlt.« Sonja blickt in die Schwesternrunde. »Dabei hat sich bei jeder von uns sehr viel getan.«

ERPROBTE GEMEINSCHAFT.
Nach der Scheidung ihrer Eltern haben sich die bereits volljährigen Schwestern ? statt enger zusammenzurücken ? in alle Richtungen zerstreut. Vom Wiener Gemeindebezirk Floridsdorf bis Kalifornien. Um sich neu zu orientieren. Um dem eigenen Lebensweg zu folgen. Nach diesen wenig vertrauten Zeiten gelang es den vieren, sich wiederzufinden. Jetzt leben sie in einem Umkreis von fünf Kilometern. Die räumliche Nähe macht es möglich, dass jede bei jeder einfach vorbeischauen kann. »Einer Schwester kann man leichter sagen, du, ich habe jetzt gar keine Zeit«, sagt Barbara.
Sonja hat inzwischen gelernt, sich nicht für alles zuständig zu fühlen. Denn wer hat sich früher beim gemeinsamen Auto um den Service und den Reifenwechsel gekümmert? »Die Sonja«, rufen die drei anderen im Chor. Wer ist täglich mit dem Hund gegangen? Wer wollte, dass ihr die Schwestern folgen? »Du hast automatisch alles übernommen.« Da sind sich Priska, Tanja und Barbara einig. »Sonja war im Gegensatz zu mir viel schneller, zack, zack.« Priska ist bis heute die geblieben, die sich um alle Sorgen macht.
Zu Hause gab es große Toleranz für die persönliche Entwicklung der Mädchen. »Die Eltern haben uns erzogen, aber auch wachsen lassen«, sagt Tanja. Sonja spricht von einer »Schwesternwohngemeinschaft im Elternhaus«. Und da war immer etwas los. Der große gemeinsame Freundeskreis ist daheim ein und ausgegangen. »Ich war die Vorkämpferin für die Kleinen«, sagt Priska augenzwinkernd. Bezüglich Ausgehzeiten, Mode und ab wann der Freund daheim übernachten darf. Außerdem hat sie die Schwestern aufgeklärt. »Und zugleich habe ich eine Art Mutterrolle für Barbara eingenommen«, ergänzt Priska. Gegen die die pubertierende Barbara später angekämpft hat. »Ich erinnere mich, dass ich als Kind gerne krank war, denn da war mir die ungeteilte Aufmerksamkeit unserer Mutter sicher.« Tanja galt zwar innerhalb der Schwestern als das »Papamädi«, doch bevorzugte Lieblingskinder der Eltern gab es in der Familie keine. »Wir haben uns alle gleich geliebt gefühlt«, bemerkt Barbara.

SCHWESTERLICHES STREITTHEMA.
Familienfeste mit den eigenen Kindern, Partnern und ihrer Mutter haben Tradition. Ziemlich emotional kann es dann werden, wenn die Schwestern über Kindheitserinnerungen diskutieren. »Durch die eigenen Kinder kommt vieles hoch«, findet Barbara. In dieselbe Familie hineingeboren zu sein und zu schauen, dass jede ihren Platz hat, und sich dennoch verändert, empfindet Sonja als »total aufregend und spannend«.
Zanken und Streiten hält ihre starke Beziehung aus. Sobald aber jemand von außen etwas gegen eine von ihnen sagt, stellen sie die Stacheln auf. Und zwar alle vier gleichzeitig.

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 1/ 2012 – von Julia Langeneder