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My life is the most fucking event!

Eigentlich eine Frechheit von mir, den ersten Satz dieses Romans als Titel dieser Buchempfehlung zu nehmen. Und Frechheiten passen gut zum Buch, dass die Sprache und Anbiederungen von Erwachsenen an Jugendliche zum Thema nimmt. Wer bereits Wolf-Haas-erprobt ist, kommt leichter in den Lesefluss, die anderen können ja erst einmal einen Kaffee trinken.

„An diesem Sonntag war es noch sonntager als sonst.“ So geht´s hier also zu und schon flitzt das mit Clearisil getränkte Wattebäuschchen übers Testgelände, also das Gesicht der Ich-Erzählerin. Vollständige Sätze waren wohl gestern und das Bildungsbürgertum mit seinen Leselisten liegt auch schon am Boden: „Und ich sollte eine Buchbesprechung von so einem Grass oder wie der Joint hieß.“ Hier geht es nicht um best of Jugendsprache, sondern um Ausdruck von Leben in neuer Grammatik, überspitzt, gespickt mit Anspielungen auf Literatur, auch auf Texte wie „Stoßgebete“ und „Feuchtgebiete“ und das neue Lebensgefühl der alten Eltern. Mama tauscht Papa gegen Heidi. Eh alles gut.

Heidi und meine Mutter waren lesbisch. Also, wenn Heidi auch noch lesen könnte, dann wär die Welt für meine Mutter perfekt. Meistens setzte sich Heidi aber nur auf das Buch, das meine Mam gerade las und schaute mit einem Blick: Wer ist wichtiger? Das Buch oder ich?

Regen Sie sich jetzt bloß nicht auf und melden sich gleich mal bei den Sittenwächtern, cool bleiben, Heidi ist eine Katze, steht gleich auf der Folgeseite. Gut gelungen oder? Vielleicht nutzt sich die Freude, hier Hauptsätze ohne Verben vorzufinden, auch im Laufe der Lektüre ein wenig ab, jetzt könnte man es ja selber. Heidi wird zur konstanten Bezugsperson von Phigie, der Ich-Erzählerin, die ja eigentlich Iphigenie heißt und sechszehn Jahre alt ist. Ja, sie freundet sich auch mit einer Muslimin namens Merve an, trägt den Hidschab und bringt damit Mama ordentlich in die Gänge. Papa, der Ex-Unternehmensberater, berät sich jetzt nur mehr selbst in der Auswahl seiner Damenunterwäsche. Flucht aus der Wirklichkeit, so ließe sich das Verhalten der Eltern beschreiben, die in ihrer Selbstvergessenheit sogar Heidi verkümmern ließen, aber extrem gern über ihre Werte quatschen.

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Überraschung, Herausforderung, Irrwitz, Humor, Szenen wie im noch nie geschriebenen Tatort-Drehbuch

 

Die Autorin ist 1960 in Graz geboren, hat ein Lehramtsstudium sowie ein Studium an der Filmakademie absolviert, schreibt Drehbücher – vielleicht wird das ja auch noch was mit einem Tatort.


Gabriele Kögl:

Auf Fett Sieben.

Göttingen: Wallstein 2013.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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