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Märchenstunde<br>ab 4 Jahren

Beim Schein des knisternden Kaminfeuers erzählt der Großvater seinen Enkelkindern eine Geschichte. Das ist eins der Bilder von heiler Kindheit, Heimatgefühl und Geborgenheit wie sie uns besonders zur Vorweihnachtszeit verlässlich via Bildmedien geliefert werden: Alle Generationen haben sich lieb, sagen „Merci“, nehmen sich füreinander Zeit, legen dafür sogar ihr Smartphone zur Seite und fühlen sich trotzdem mit allem verbunden, auch mit der Tradition. Die Frauen werken emsig in ihren Küchen und die Männer sorgen für genügend Brennholz.

Der Grimm´sche Märchenschatz ist als Teil unserer Kulturtradition ideales Material für kreative Bearbeitungen. „Rotkäppchen“ wird besonders gern neu interpretiert. Sebastian Meschenmoser, der Berliner Künstler, Illustrator und Kinderbuchautor hat heuer seine Version vorgelegt und ich bin hingerissen! Und das, obwohl ich kein Meschenmoser-Fan bin. Sein skizzenhafter Strich wirkt auf mich unruhig und fahrig. Ich bin mir bewusst, wie unsachlich und völlig subjektiv diese Aussage ist. Doch die Geschichten, die er zeichnend erzählt und der Ausdruck in den Gesichtern seiner Figuren sind so direkt und unmittelbar, dass ich beim Lesen seines Rotkäppchens laut lachen musste. Was bei mir nicht oft vorkommt. Die Slapsticks der Hühner, die kuriosen Details in Großmutters Stübchen, das alles hat mich sehr erheitert. Und erst die Gestik und Mimik des Wolfes!

Ich war ein unfassbar grantiges Kind. Und ich weiß haargenau, wie sich dieses Rotkäppchen 2016 fühlt. Mit von Trotz und Zorn glühend geröteten Wangen stapft es widerwillig durch den Wald. Es will sich nicht gängeln lassen, sondern selbstbestimmt seinen Tag leben. Null Bock, die Oma zu besuchen. Der Sonntag ist jedenfalls hin!

So trifft es auf den Wolf. Der fühlt sich bitter und sein Magen knurrt. Glücklicherweise erinnert er sich an den Rat seiner Großmutter: „Wenn du einmal traurig bist, frühstücke einen Clown, das macht lustig! Wenn du dumm bist, verschlucke einen Lehrer, davon wirst du schlau. Und wenn du dich einmal bitter fühlst, friss ein süßes Kind. Das hilft immer!“

Doch der althergebrachte Handlungsverlauf des Märchens hat nicht mit Meschenmosers Rotkäppchen gerechnet – von wegen süß. Störrisch und unangepasst, mit befreiend respektlosen Äußerungen über die Oma erfüllt es die ihm lästigen Enkelpflichten. Endlich Raum für den Wolf, sich zu entfalten. Immer musste er den Bösewicht spielen, seine fürsorglichen Qualitäten kamen nie so recht zur Geltung. Wenn Rotkäppchen die Hauptrolle abtritt, erscheint er im Rampenlicht. Voll motiviert und überschwänglich übernimmt er die Vorbereitungen zu Großmutters Geburtstag. Als hätte er nie etwas anderes getan: Blumen pflücken, Kuchen backen, eine Flasche guten Weins besorgen. Er weiß ja schließlich, was sich gehört.

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Sein Besuch bei Rotkäppchens Großmutter wird ein voller Erfolg. Das griesgrämige Mädchen kommt nur mehr am Rande vor. Gleich nach dem Kuchenessen verdünnisiert es sich. Fotoalben haben es noch nie interessiert. Der Wolf aber liebt es, Bilder anzusehen und feiert ausgelassen weiter. Und spätabends wird er zum Übernachten auf dem Sofa eingeladen. Was nun eigentlich im Drehbuch stünde – Großmutter auffressen, zum Dessert noch das Rotkäppchen dazu, dann Rettung der beiden durch den Jäger – haben wir beim Lesen fast vergessen, so überzeugend spielt der gute Wolf seinen neuen Part. Am nächsten Morgen würde er Brötchen holen. Und nach dem Frühstück, so hatte die Großmutter es ihm versprochen, würde sie ihm zeigen, wie man Socken strickt.

Zu guter Letzt zieht er sogar ganz bei Großmutter ein. Bei all dem hochengagierten Einsatz hat sich der Wolf sein Happyend auch wirklich verdient.

… und Rotkäppchen? Die hat sich in der Wolfshöhle längst häuslich eingerichtet. Sie ist von der unfolgsamen Enkeltochter zur gefürchteten Räuberin aufgestiegen. Mit Hingabe genießt sie ihre Freiheit und kann sehr gut auf sich selbst aufpassen. Ausgerüstet mit imposantem Säbel und zwei Hotzenplotz´schen Pfefferpistolen lebt sie ihre männlichen Persönlichkeitsanteile. Das nächste Ziel mit dem Fernrohr fest im Blick. Wenn das keine glänzenden Zukunftsaussichten für eine junge Dame sind!

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P.S.: Als Kind war ich natürlich nicht immer nur grantig, launenhaft schon, zugegeben. Meinen Eltern bin ich dankbar, dass sie mich meistens so sein haben lassen: eine „Kleine Hexe“, wie es als liebevolle Bildunterschrift in unserem Familienalbum steht. Und Hexe ist eindeutig vielversprechender als Räuberin, vielleicht sollte man das der Kleinen flüstern?

 

 

Sebastian Meschenmoser

Rotkäppchen hat keine Lust

Ab 4 Jahren

Thienemann Verlag 2016

ISBN 978-3-522-45827-6

Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren und lebt als Buchhändlerin in Ottensheim (OÖ). Als Mitarbeiterin des „Kleinen Buchladens“ sieht sie sich als Vermittlerin – als Leseanimateurin für Kinder besucht sie Bibliotheken und Kindergärten. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ während ihrer dritten Karenz war ein Glücksfall. Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus“ gaben neue Ausrichtung und inspirierten zu Referententätigkeit übers Bilderbuch. Mit ihrer schauspielenden Freundin teilt sie neuerdings die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und tritt fallweise als Grille oder sogar Meerjungfrau auf.

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