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Malak sorgt jetzt für alle sechs

Die Organisation „Basmeh and Zeitooneh“ hilft syrischen Flüchtlingsfrauen im Libanon und bildet sie in traditionellem Handwerk aus. Ebenso wichtig wie die Arbeit ist aber der Kontakt untereinander.

Sie sind alle hier, um den roten Faden in ihrem Leben wiederzufinden: die Stickerinnen von „Basmeh and Zeitooneh“, einer Organisation, die syrischen Flüchtlingsfrauen bei der Existenzsicherung hilft. Sie sind im Libanon gestrandet, in Schatila, einem großen Flüchtlingslager inmitten der libanesischen Hauptstadt Beirut. Eigentlich ist es ein Lager für palästinensische Flüchtlinge. Jetzt leben dort auch syrische Vertriebene. Oft sind die Frauen allein mit ihren Kindern hergekommen, ohne Mann. Sie haben alles aufgegeben, um Leib und Leben zu retten: ihren Beruf, ihren Besitz und ihren Stolz. Und oft haben sie schwere Schicksalsschläge hinter sich.

So wie beispielsweise Malak Bakkour. Die 32-Jährige aus Aleppo ist alleinerziehende Mutter von sechs Kindern. „Die Atmosphäre hier gefällt mir“, bestätigt Malak. „Wir machen Witze, lachen, erzählen uns Geschichten. Wir haben viel Spaß hier zusammen. Aber noch wichtiger ist die Arbeit hier: Sie hat meine Persönlichkeit gestärkt.“ 

Vor ungefähr einem Jahr floh Malak Bakkour aus ihrer Heimatstadt Aleppo. Kämpfer des Islamischen Staats (IS) besetzten ihr Haus und vertrieben die Familie. „Mein Mann ist Kurde. Der IS betrachtet Kurden als Ungläubige und verfolgt sie. Da ist mein Mann nach Jordanien geflohen, und ich ging mit den Kindern in den Libanon“, berichtet sie. 

„In Aleppo ging es mir gut. Wir hatten eine große Wohnung, ein Zimmer davon war als Schneiderwerkstatt eingerichtet. Denn ich habe das Schneidern gelernt und auf Bestellung Kleider angefertigt. Gestickt habe ich damals auch schon,“ erzählt Bakkour weiter. „Ich hatte viel Gold von meinem Mann zur Hochzeit bekommen – aber jetzt habe ich all meinen Schmuck verkauft, um zu überleben.“ 

Die Handarbeit bei „Basmeh and Zeitooneh“ (übersetzt: „Lächeln und Oliven“) hilft ihr, dort wieder anzuknüpfen, wo sie in Aleppo aufgeben musste: als Schneiderin und Stickerin. „Die Arbeit macht mir großen Spaß.“ Sie hebe ihr Selbstwertgefühl, und darüber hinaus brauche sie das Geld, das sie hier verdient, dringend, um sich und ihre sechs Kinder zu versorgen. Denn die Unterstützung, die sie vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) bekommt, reicht nicht zum Leben.

Das große Flüchtlingslager Schatila gleicht einem großen Slum.

Das große Flüchtlingslager Schatila gleicht einem großen Slum.

FRUST, WUT, TRAUER
„Das Leben ist teuer hier“, klagt auch Iman Hassan (Name geändert). Selbst im Flüchtlingslager, das einem großen Slum gleicht, kosten karge Wohnungen um die 300 Dollar. Dazu kommen Ausgaben für Essen und Kleider.

Die 54-Jährige aus der Nähe von Damaskus erlitt ein schweres Schicksal: Eines Nachts drangen Fremde in ihr Haus ein und töteten fast alle Verwandten. Außer ihr und den beiden Kindern überlebten noch ihr Mann und ihre Schwester. Ihr Bruder wurde entführt. Über die Gründe will sie nicht sprechen, und sie will auch nicht preisgeben, wer die Mörder waren. Jetzt lebt sie mit ihrem Mann und den beiden Kindern in Schatila. 

Lange hat Iman Hassan gebraucht, um aus ihrem kargen Haus herauszukommen – zu groß waren die Verzweiflung, die Frustration und die Hilflosigkeit. Bis sie von Bekannten von „Basmeh and Zeitooneh“ erfuhr. Die Organisation veranstaltet regelmäßig Workshops, in denen syrische Flüchtlingsfrauen die traditionelle arabische Kreuzstickerei erlernen können. Iman nahm daran teil und lernte die alte Technik, mit der früher die langen Kleider und Kopftücher der Frauen verziert wurden. Inzwischen besticken die Frauen aber auch Kopfkissen, Brillen- und Handyhüllen, Handtaschen und Servietten. Stich für Stich entstehen Muster in bunten Farben. Und mit jedem Stich sollen die Frauen ein bisschen ins normale Leben zurückfinden.

„Unser Hauptanliegen ist es, dass die Frauen zu einem ganz normalen Alltag zurückkehren,“ sagt Nibal Alalo, Sozialarbeiterin bei „Basmeh and Zeitooneh“. Sie betreut Frauen und Kinder, die zur Organisation kommen. „Die Flüchtlingsfrauen leiden unter Anpassungsschwierigkeiten“, erklärt sie. Das Leben hier sei hart, die schwierigen Lebensumstände erzeugten Frust, Wut und Trauer – oft seien die Frauen wie gelähmt. Dazu kämen Albträume von den schlimmen Kriegserlebnissen. „Wir helfen Frauen, mit ihren Traumata umzugehen und langsam eine normale Alltagsroutine aufzubauen“, sagt die Sozialarbeiterin. 

Die Stickereiarbeit in einer Gruppe von Schicksalsgenossinnen hilft den Flüchtlingsfrauen dabei, ein Stück weit zur Normalität zurückzukehren. Jeden Tag können die Frauen zu „Basmeh and Zeitooneh“ kommen, von 12.00 bis 18.00 Uhr dauert ein Arbeitstag. Hier treffen sie auf andere Syrerinnen, die Ähnliches durchgemacht haben, hier können sie sich austauschen. Das ist noch wichtiger als das Zubrot, das sie sich durch die Stickereien verdienen. 

Malak Bakkour trifft bei „Basmeh and Zeitooneh“ andere Frauen. Die Organisation ermöglicht ihnen, sich mit Stickereien ein Zubrot zu verdienen. Ziel ist es, die Frauen zu einem normalen Alltag zurückzuführen. 

Malak Bakkour trifft bei „Basmeh and Zeitooneh“ andere Frauen. Die Organisation ermöglicht ihnen, sich mit Stickereien ein Zubrot zu verdienen. Ziel ist es, die Frauen zu einem normalen Alltag zurückzuführen.

NEUES ROLLENBILD
„Wir haben hier auch Fälle von häuslicher Gewalt“, führt Sozialarbeiterin Nibal Alalo weiter aus. „Manchmal müssen wir die Frauen an andere Organisationen weitervermitteln, die sie rechtlich beraten.“ Syrische Männer finden nur schwer Arbeit im Libanon. Dann springen ihre Frauen in die Bresche, werden zu Alleinverdienerinnen und mischen damit ungewollt das traditionelle Rollenverständnis auf. Darauf reagieren Männer oft hilflos mit Gewalt. „Wir sagen den Frauen: Erklärt euren Männern, dass ihr das nicht aus Bosheit macht, sondern um das Überleben der Familie zu sichern“, sagt Nibal Alalo. Oft helfe schon so ein klärendes Gespräch zwischen den Eheleuten.

Schwierigkeiten mit einem gewalttätigen Mann hatte Malak Bakkour nicht. „Wir haben aus Liebe geheiratet, obwohl mein Mann Kurde ist und ich Syrerin. Daheim hatte ich viele Freundinnen verschiedener Religionszugehörigkeit. Religion war nie ein Thema für uns“, erzählt sie. Bis der IS kam, Aleppo weitgehend unter seine Kontrolle brachte und die dortige Bevölkerung drangsalierte. Sie habe in Freiheit gelebt, doch das ginge jetzt nicht mehr.

Bei „Basmeh and Zeitooneh“ kommen Syrerinnen aus dem ganzen Land zusammen. Ethnische oder religiöse Zugehörigkeit spielen keine Rolle. „Wir sind eine humanitäre Organisation, die Frauen unterstützt,“ sagt Fadi Hallak, Projektleiter von „Basmeh and Zeitooneh“. „Wir verkaufen unsere Stickereien auf Weihnachtsmärkten im Libanon, aber auch ins Ausland, nach Europa und Amerika. Vor allem die ausländischen Kunden sichern das Überleben unserer Organisation und helfen den Flüchtlingsfrauen, besser zurechtzukommen.“

Es ist Feierabend, Malak Bakkour nimmt uns mit zu ihrer Wohnung, wo sie die Kinder den Nachmittag sich selbst überlassen musste. Die Zweizimmerwohnung ist karg: Auf dem Boden liegen Matratzen, die ganze Habe passt in einen kleinen Schrank. Wenigstens gibt es einen Kühlschrank und einen Fernseher – ohne den könnte Malak Bakkour die Kinder kaum so viele Stunden alleine lassen. „Mein Mann hat mir schon gesagt, dass er mit dem Schiff nach Europa will“, sagt sie. „Wie soll das denn gehen? Mit all meinen Kindern?“ Die Jüngste ist erst ein paar Monate alt, Farah heißt sie, was übersetzt „Hoffnung“ bedeutet. „Aber ich bin doch nicht vor dem Krieg geflohen, um im Mittelmeer zu ertrinken! Da bleibe ich lieber hier“, sagt Bakkour und hofft, dass ihr Mann bald die Papiere fertig hat, damit sie zu ihm nach Jordanien übersiedeln kann – um irgendwann nach Syrien zurückzukehren. Das ist ihr größter Traum.     

Wir helfen Frauen, mit ihren Traumata umzugehen und langsam eine Alltagsroutine aufzubauen.

Nibal Alalo, Sozialarbeiterin bei „Basmeh and Zeitooneh“

Syrische Flüchtlinge im Libanon

Nach Zählungen des Flüchtlingshilfswerks UNHCR leben im Libanon derzeit über eine Million syrische Flüchtlinge. Die Dunkelziffer wird aber viel höher geschätzt – zwischen 1,5 und 2 Millionen. Das kleine Nachbarland von Syrien hat insgesamt nur 4,5 Millionen EinwohnerInnen, die große Zahl der Flüchtlinge stellt daher eine enorme Belastung dar. Inzwischen ist fast jeder dritte Einwohner Syrer.
 

Wenn Sie „Basmeh and Zeitooneh“ unterstützen wollen oder Stickereien kaufen möchten, wenden Sie sich an:
fadihallak@basmeh-zeitooneh.org
www.basmeh-zeitooneh.org
www.facebook.com/basmehzeitooneh

Erschienen in „Welt der Frau“ 11/15 – von Christina Foerch Saab