11

17

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Marke Eigenanbau

Eier von eigenen Hühnern, Gemüse aus eigenem Anbau – wir werden zwar nicht alle wieder zu Bäuerinnen und Bauern, aber Selbstversorgung ist ein hochaktuelles Thema. Auf Ökoparzellen und Balkonen, in Gemeinschafts- und Hausgärten werden neue Wege beschritten zu mehr Lebens- und Produktqualität.

Dort, wo Margarethe Triebaumer herkommt, war es immer ganz normal, dass eine Familie möglichst viel von dem, was sie brauchte, auch selbst produzierte. „Im Prinzip waren alle Selbstversorger“, sagt die 62-jährige Weinbäuerin aus dem burgenländischen Rust. Und viele sind es, mehr oder weniger, immer noch. Wie man sich das vorzustellen hat? Ungefähr so wie bei Margarethe Triebaumer und ihrer Familie: Da ist einmal ihr 3.000 Quadratmeter großer Gemüsegarten am Ortsrand. Auch jedes ihrer vier Kinder, die ebenfalls in der Landwirtschaft arbeiten, hat einen eigenen Gemüsegarten. Es gibt Obstbäume und Beerensträucher. Eigenen Wein sowieso. Von einem ihrer Söhne, der Freilandschweine hält, kommt das Schweinefleisch. Außerdem gibt es Schafe, Enten, Hühner, Haushasen und das Fleisch, das die Jagd abwirft. Die alten Hühner kommen in die Suppe, das frische Gemüse und Obst wird aufgegessen, der Überschuss im Sommer für den Winter eingelagert, eingekocht und eingefroren. „Wir machen Paradeisersauce und sauren Paprikasalat, frieren Paprikastreifen, kurz geschnittenen Spargel oder Himbeeren ein, legen Weingartenpfirsiche in Gläser, machen Marmeladen und Säfte. Einen Teil des Obsts lagern wir ein. Die ganzen Rüben – Pastinaken, Petersilie, Weiße und Rote Rüben – kommen in den Gemüsekeller. Auch Bohnen sind bei uns ein großes Thema“, erzählt sie. Brot wird, mit zugekauftem Getreide, selbst gebacken, die Samen fürs nächste Jahr werden möglichst selbst gewonnen.

RUND UMS JAHR VERSORGT
Margarethe Triebaumer nennt all das und die Pflege des großen Gemüsegartens „meinen Ausgleich“. Im Frühling, bis alles in der Erde ist, fährt sie mit dem Fahrrad dreimal pro Woche für zwei Stunden in den Gemüsegarten an den Ortsrand. Im Sommer abends oder in der Früh für eine Stunde. Die Pflanzreihen sind so breit, dass das Unkraut mit dem Traktor bearbeitet werden kann. Schon ab Mai, erzählt sie, gehe sie „immer mit irgendetwas vom Gemüsegarten nach Hause“. Es gibt Salate und Bohnen, Kräuter und Artischocken, Hafer- und Schwarzwurzeln, Kraut, Paradeiser, Paprika, Karotten, Zwiebeln und Kartoffeln und natürlich auch Blumen. Die fast vollständige Selbstversorgung ist nicht nur Familientradition, sie ist auch bewusster Akt, sagt Margarthe Triebaumer.

EIGENE EIER, EIGENES OBST
Margarethe Triebaumer repräsentiert die traditionelle, bäuerliche Form der fast vollständigen Lebensmittelautonomie. Ihren hohen Grad der Selbstversorgung, den sie mit 95 Prozent angibt, werden die meisten sicher nie erreichen. Aber das Thema selbst – nämlich Selbstversorgung, Selbsternte, höhere Lebensmittelautarkie, gemeinsames Landwirtschaften – interessiert mehr und mehr Menschen. Man braucht nur einmal zu schauen, wie viele Bücher dazu in den letzten Jahren erschienen sind.

Der „Trend zur Selbstversorgung“ sei deutlich spürbar und werde jede Saison stärker, sagt auch Marion Schwarz vom Kulturpflanzenvielfalts-Verein „Arche Noah“ im niederösterreichischen Schiltern. „Es gibt immer mehr telefonischen Anfragen zur Unterstützung beim Aufbau von Selbstversorgerprojekten, und auch die Besucher im Schaugarten, im Shop und in unseren Seminaren möchten mehr übers Gemüse- und Samengärtnern wissen, weil sie es selber tun und richtig machen möchten.“ Der eine zieht sein Obst und Gemüse, der andere braut sein eigenes Bier. Die eine beginnt ihr Brot zu backen. Die andere legt sich ein paar Hühner zu. Hier pachtet jemand eine Selbsternte-Parzelle. Da beginnt wer mit der Sauerkrautherstellung, gründet ein Gemeinschaftsgartenprojekt, erlernt nebenbei das Imkerhandwerk oder zieht ein Wollschwein im Garten auf. Was ist da los? Drängen immer mehr Menschen, auch aus dem städtischen Raum, zurück in die Landwirtschaft? „Es geht dabei um Erfahrung und Vertiefung, aber die meisten von uns werden keine Bauern und Bäuerinnen werden. Es ist vor allem Ausdruck einer neuen Suche nach hoher Lebensmittelqualität“, sagt die Wiener Ernährungswissenschaftlerin und Ernährungstrendforscherin Hanni Rützler. Die Expertin sieht das steigende Interesse am Selbstherstellen von Lebensmitteln als Teil des großen gesellschaftlichen Do-it-yourself-(DIY-)Phänomens. Die vielen Bio-, Bauern- und Regionalmärkte, die wie Schwammerln aus dem Boden schießen, gehören für Rützler ganz eng dazu. Diese Treffpunkte – und die Vernetzungsmöglichkeiten des Internets – sind der Garant dafür, dass die Vielfalt des Selbstgemachten auch genossen und umverteilt werden kann. 

SUCHE NACH GUTEN PRODUKTEN
„In meinem Freundeskreis ist das Thema ,Selbstversorgung‘ gang und gäbe. Wir tauschen Jungpflanzen aus, geben uns Tipps und fahren zu Biomärkten. Vor zehn Jahren war das noch nicht so. Da hat eindeutig eine Sensibilisierung stattgefunden“, sagt die Fotokünstlerin und Fotografin Nicola Hackl-Haslinger. Die 41-jährige Linzerin (siehe Kasten Seite 49) glaubt, dass es immer wichtiger wird, „Dinge selbst anzupflanzen und Tiere selbst zu halten“. Eins von Nicola Hackl-Haslingers Hauptmotiven findet sich auch bei vielen anderen, für die teilweise Selbstversorgung Thema geworden ist: „Man weiß immer weniger, was man isst, und hat immer weniger Kontrolle.“ Mit Eiern von eigenen Hühnern und Gemüse aus eigenem Anbau wächst das Gefühl, über Herkunft und Produktionsbedingungen Bescheid zu wissen. Es geht also auch darum, im privaten Rahmen eine Alternative zur industriellen Nahrungsmittelproduktion zu entwickeln, der man mit zunehmender Skepsis begegnet. Darum ist den neuen Teilzeit-SelbstversorgerInnen  etwas mehr Autarkie und Lebensmittelsouveränität sehr wichtig. Und sie wollen draußen sein, Naturbezug für sich und ihre Kinder herstellen und sinnerfüllten Ausgleich erleben.

Ökologische Gedanken, die den nachhaltigen, sorgsamen Umgang mit der Natur, ihren Geschöpfen und allen Ressourcen im Blick haben, spielen ebenfalls als Motive mit. Für die Gemüsezucht auf seinem Wiener Balkon setzt Michael Lenz (siehe auch Kasten Seite 51) etwa ganz bewusst auf torffreie Erde. „Ich sehe nicht ein, warum für mein Gärtnerhobby so besondere Lebensräume wie Hochmoore zerstört werden sollen. Es ist einfach nicht notwendig“, argumentiert er. Und auch bei der Pflanzenlausbekämpfung geht er so vor, dass nur die Schädlinge selbst, nicht aber auch alle anderen Insekten wie Bienen, Schmetterlinge, Käfer oder Spinnen gleich mit dran glauben müssen. „Ich sprühe verdünnte Kaliseife aus der Apotheke. Das ist ein unbedenklicher Vorgang. Außerdem reicht es, wenn man es schafft, den Schädlingsdruck für die Pflanzen gering zu halten.“ Den Rest bewältigen gesunde Pflanzen meist selbst.

SELBSTVERANTWORTUNG LEBEN
Noch umfassender sieht der Altheimer Survivalmessermacher und Wildnisexperte Norbert Leitner (www.69nord.at) das Thema „Selbstversorgung“. Für ihn lässt es sich „nicht nur auf Obst, Gemüse und Geflügelzucht“ reduzieren: „Will man sich selbst versorgen, muss man zuerst wissen, was man braucht. Jetzt, morgen und in ein paar Jahren“, sagt Leitner, für den als Kind einer Bauernfamilie, in der nicht viel Geld da war, teilweise Selbstversorgung seit jeher sehr vertraut ist. Es gehe mehr darum, ein „Allrounder“ zu sein, sagt der vielseitige Handwerker. Vom Selbernähen bis zu Reparaturen im Haus, vom medizinischen Grundwissen bis zu „die Schuld nicht immer bei anderen zu suchen“. Selbstversorgung, sagt Norbert Leitner, habe viel mit Selbstverantwortung zu tun. „Es gibt ja noch viele, die der Meinung sind, Selbstversorgung gelte nicht, wenn man nicht auch noch das Leder für die Schuhe selbst gegerbt hat. Das sind die Alles-oder-nichts-Typen, die immer raunzen und jede Form von Selbermachen belächeln. Sie wissen nicht, dass jede Art, für sich selbst zu sorgen, zu hundert Prozent wertvoll ist und glücklich macht.“ Neben Messermacherkursen bietet Leitner auch „philosophisches Löffelschnitzen“ an, wo beim Herstellen eines einfachen Alltagsgegenstands auch das Nachdenken darüber gepflegt werden kann, was man abseits des Kommerzes für ein gutes, selbstverantwortliches Leben braucht.

GEMEINSAM SELBER ERNTEN
Auch Regine Bruno, eine Pionierin der Selbsternte-Bewegung in Europa (siehe Interview Seite 53), versteht Selbstversorgung eher als Konzept, in dessen Rahmen man sich bemüht, in bestimmten Bereichen unabhängiger zu werden. Zum Beispiel: „Weniger Vorgefertigtes konsumieren, mit einem einfacheren Lebensstil experimentieren, eine Absicherung gegenüber möglichen Versorgungsunsicherheiten erreichen.“ Konsequent und umfassend betrieben komme das einem Fulltime-Job gleich, sagt Bruno. Als eine Art „Selbstversorgung light“ lassen sich demgegenüber die vielen beliebten Selbsternte-, Ökoparzellen- oder Pflückgartenprojekte betrachten, deren österreichweit erstes Projekt „selbsternte“ (www.selbsternte.at) Regine Bruno vor über 25 Jahren mitbegründet hat.

Die BetreiberInnen der Selbsterntefelder sind Biobäuerinnen und Biobauern: Sie bereiten die Felder vor, säen die Gemüse aus, stecken Parzellen ab und kümmern sich ums Gießwasser. Ende April/Anfang Mai übernehmen die HobbygärtnerInnen ihre Parzellen, pflegen und jäten sie, ergänzen sie um zusätzliche Gemüse und Blumen und beernten sie. Dafür zahlen sie einen gewissen Nutzungsbeitrag pro Saison an die BetreiberInnen. 

Regine Bruno berät solche BetreiberInnen, organisiert die PR und kümmert sich um die Website www.selbsternte.at. Was die Leute lockt, selbst Gemüse zu pflegen und ernten, habe nicht nur mit dem Wunsch nach verbrieft schadstofffreien Nahrungsmitteln zu tun, glaubt Regine Bruno. „Es ist auch eine Gegenwelt zu den meisten beruflichen Situationen, eine Art eigener Garten, in dem man den Entstehungszyklus eines Produktes vom Anfang bis zum Ende begleiten kann.“ Junge Familien und jung gebliebene PensionistInnen sind die zwei am stärksten wachsenden Gruppen unter den FreundInnen der Selbsternte-Gärten. 

Das trifft sich genau mit einer Beobachtung der Ernährungstrendforscherin Hanni Rützler in ihrem „Food Report 2015“, den sie für das Zukunftsinstitut Frankfurt erstellte: „Während der Antrieb zum DIY jahrhundertelang die Not(-wendigkeit) war, ist es nun die Freude an der handwerklichen Tätigkeit. Selbermachen stellt einen angenehmen Ausgleich zum stressigen Alltag dar, in dem berufliche Erfolge oft länger auf sich warten lassen als das Reifen der Tomaten auf dem Balkon.“ 

KLEIN ANFANGEN
Als vor zwei Jahren Wolf-Dieter Storls Buch „Der Selbstversorger“ (Gräfe und Unzer 2013) erschien und „Die Welt“ den bekannten Allgäuer Repräsentanten der Selbstversorgungsbewegung dazu befragte, wie groß ein Gemüsegarten sein müsse, der vier Personen übers Jahr ernähre, antwortete Storl: „Allein für Gemüse genügt eine Fläche von ein bis zwei Tennisplätzen. Man muss nur wissen, welche Pflanzen gut miteinander wachsen, man muss sich mit den Fruchtfolgen vertraut machen und die wichtigsten Gärtnerweisheiten beherzigen.“ Der 72-jährige Selbstversorgungsguru warnt aber auch: „Viele, die in der Stadt leben und vom Selbstversorgen träumen, haben keine Vorstellung davon, was es bedeutet. Vom eigenen Garten leben, ohne Erfahrung, aus dem Stand heraus – ich glaube, das würden die wenigsten schaffen.“ Das dafür nötige Wissen hat mit Erfahrung, Zeit und Möglichkeiten zu tun. „Wir merken, dass es den Menschen, die es ernsthaft angehen wollen, sich selbst zu versorgen, oft an Wissen fehlt“, sagt Marion Schwarz von der „Arche Noah“, die ein breites Programm an Seminaren und Workshops anbietet, in denen man sich Praxiswissen über Sortenwahl, Saatgut, Flächenbedarf, Verarbeitung, Lagerung et cetera Stück für Stück aneignen kann. Einen wirklich wertvollen Rat für alle Interessierten hat in dieser Hinsicht die erfahrene Weinbäuerin Margarethe Triebaumer aus Rust (siehe Kasten Seite 49): „Klein anfangen, sonst wächst einem die Arbeit über den Kopf!“

Das eigene Gemüse

Familie Edlinger-Valoti, Salzburg
OLYMPUS DIGITAL CAMERA

© Franz Hölzl

Michael Edlinger und Assunta Valoti ist es wichtig, gute Produkte zu essen und ein bisschen Kontrolle darüber zu haben. Das österreichisch-italienische Paar, beide 44, will wissen, woher das Gemüse kommt, das die Familie isst. Ihrer fünfjährigen Tochter möchten sie die Nähe zur Erde, das Draußensein, das Anpflanzen und Ernten vermitteln. Deshalb pachten die Salzburger jeweils von Mai bis Oktober eine Selbsternteparzelle am Stadtrand. 35 Quadratmeter groß ist sie, mit gut einem Dutzend Gemüsearten, in Reihen vorbepflanzt, 15 Minuten Anfahrtszeit von der Wohnung entfernt. „Wir sind zwei- bis dreimal pro Woche draußen. Gerade zu Beginn, wenn man jäten muss, fast jeden zweiten Tag.“ Ihr Tipp für Selbsternte-Laien: „Im ersten Jahr waren wir am Anfang zu nachlässig mit dem Unkrautjäten. Wenn man da am Anfang mehr Zeit investiert, zahlt sich das aus.“ 

Die eigenen Hühner

49_(c) Peter Haslinger_1523 KLEIN

© Peter Haslinger

Als vor drei Jahren ein weiterer Bioeier-Skandal durch die Medien ging, reichte es Nicola Hackl-Haslinger und sie legte sich eigene Hühner zu, „von denen ich genau weiß, was sie fressen und wie sie gehalten werden“. Etwas mehr Lebensmittel-Selbstbestimmung, das war das Hauptmotiv für die Fotokünstlerin und Goldschmiedin, die mit Mann und Kind in der Koglerau bei Linz lebt. „Wenn wir jetzt frische Eier wollen, gehen wir einfach in den Garten.“ Nicola Hackl-Haslinger wählte flugarme, legefreudige und zutrauliche Hühnerrassen: zwei Zwerg-Wyandotten und zwei Amrocks, die auf die Namen Adelheid, Brunhilde, Charlotte und Dorothea hören. Die vier, sagt sie, seien „eine totale Bereicherung. Wenn wir frühstücken, sitzen sie am Fensterbrett und klopfen an.“ Die Hühner vertilgen auch Larven, Engerlinge, Schnecken- und Ameiseneier. Hackl-Haslingers Tipps für Neohühnerhalter: „Ein Dämmerungsschalter am Hühnerhaus, der automatisch in der Früh und am Abend das Türl öffnet. Hühnerrassen wählen, die auch im Winter durchlegen. Und: Die zermahlenen Eierschalen, die man für die Kalkproduktion unters Hühnerfutter mischt, sollen nur von den eigenen Hühnern sein, damit die sich keine fremden Krankheitserreger einfangen.“ 

Eigenproduktion in großem Stil

Margarethe Triebaumer, 62, Rust
49_Foto_von_Gregor_Hofbauer__Margarethe_Triebaumer-9436_corr KLEIN

© Gregor Hofbauer

In Margarethe Triebaumers Ruster Weinbauernfamilie hat es immer schon einen großen Gemüse- und Obstgarten gegeben. Auch ihre vier Kinder arbeiten in der Landwirtschaft und jedes hat einen eigenen Nutzgarten. „Da herrscht ein gewisser Wettbewerb“, lacht die Weinbäuerin. „Wir haben immer geschaut, dass wir sehr vielseitig sind und auch im Winter mit Eingelagertem versorgt sind.“ Neben 3.000 Quadratmetern Gemüsegarten, der mit dem Traktor bearbeitet wird, gibt es auch Hühner, Enten, Schweine, Haushasen und die Jagd. „95 Prozent sind Selbstversorgung bei uns. Wir kaufen nur Milch, Käse, Rindfleisch und Getreide zu.“ Triebaumers Tipp für Selbstversorger-Anfänger: „Klein anfangen, sonst wächst einem die Arbeit über den Kopf! Wenn man drei, vier Jahre lang einen Gemüsegarten gepflegt hat, bekommt man eh ein Gefühl dafür, was man mag und was man besser weglässt.“ 

Der Balkon-Gärtner

Michael Lenz, 38, Wien
© Gregor Hofbauer

© Gregor Hofbauer

Michael Lenz’ Balkon liegt nordwestseitig im siebten Stock eines neuen Wohnparks am Wiener Nordbahnhof. Hier in windigen Höhen auf einem zehn mal 1,5 Meter langen Streifen inmitten der Großstadt hat sich der kaufmännische Angestellte „ein kleines Stück Autarkie“ geschaffen. Seine Mittel sind einfach, seine Passion für den Gemüseanbau stetig wachsend: Mit bepflanzten Bäckersteigen voll Pflücksalat kommen er und sein Partner über die Saison. Melisse, Minze, Rosmarin, Salbei, Thymian und Asia-Kräuter decken den Bedarf an Frischgewürzen. Michael Lenz’ große Leidenschaft sind verschiedenste Sorten von Chilis, Gemüsepaprika und Tomaten. Auch Beerensträucher wachsen hier. „Das Ziel wäre, dass sich ein Glas Marmelade ausgeht“, scherzt er. Sein Rat für Balkon-Gemüsegärtner: In die sonnigste Ecke eine Pyramide aus Bierkisten bauen, auf deren Stufen Töpfe stehen. Schafft viel neuen Platz, kostet wenig, ist flexibel und leicht wieder loszuwerden. Außerdem: verdünnte, reine Kaliseife aus der Apotheke zur Lausabwehr. „Wirkt gegen Läuse, lässt aber andere Insekten leben.“

Vom Samen bis zur Ernte 

Eva Ballhaus, 29, Wien
 

© Gregor Hofbauer

© Gregor Hofbauer

Zwei Paare und ein ungenutztes Grundstück im 19. Bezirk. „Ihr habt den Grund, wir haben das Wissen und gemeinsam haben wir die Lust, etwas anzubauen“, sagten Eva Ballhaus und ihr Freund zu einem befreundeten Paar. Also stachen die vier im meterhohen Gras ein Feld aus und begannen Kartoffeln, Melanzani, Tomaten, Paprika, Bohnen, Fenchel, Sellerie, Karotten und Kräuter anzubauen. Seither wächst die Erfahrung und mit ihr das Vergnügen. „Wir sind gern draußen. Wir möchten vom Samen bis zur Ernte einen engeren Bezug zu unserer Nahrung aufbauen. Es macht uns Spaß, gemeinsam zu gärtnern, das stärkt den Zusammenhalt und die Freundschaft.“ Während der Saison wird einmal pro Woche Gemüse geerntet und kaum mehr etwas zugekauft. Das A und O sei die Vorausplanung, sagt Eva Ballhaus und rät dazu, Notizen zu machen, wie viel man wovon braucht, was einem schmeckt und wie viel Platz man etwa zum Einfrieren aufbringen kann. Dann lässt sich fürs nächste Jahr besser planen. Außerdem: „Mischkulturen anbauen, da sich manche Kulturen gegenseitig unterstützen können wie zum Beispiel Karotten und Radieschen oder Bohnen und Mais. Auch der Platz kann so viel besser ausgenutzt werden.“ 

Mehr dazu in „Welt der Frau“ Ausgabe 06/15 

Erschienen in „Welt der Frau“ Ausgabe 06/15 – von Julia Kospach