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Mein Kind lernt anders
Die meisten Eltern wollen für ihre Kinder die beste Bildung. Viele setzen auf reformpädagogische Schulen. Sie erhoffen sich dort ein freudiges Lernen mit allen Sinnen und eine individuelle Förderung des Kindes. Aber können die alternativen Schulformen das auch einlösen?

KLEIN_46_DSC_9651_H_RZ KopieAnfangs stand ein Zufall: Der Chef ihres Vaters hatte seine Kinder in eine Waldorfschule geschickt, also folgten ihre Eltern dem Vorbild, ohne viel von Waldorf­pädagogik zu wissen. Ihre Eltern seien aber bald überzeugt gewesen, erzählt die 33-jährige Uschi Iragorri. Bei ihr sei es genauso gewesen, lacht die 44-jährige Nadja Berke, auch sie kam durch Zufall auf eine Waldorfschule. Die beiden Wienerinnen sind zu einem Gespräch darüber bereit, welche Erfahrungen sie in einer reformpädagogischen Schule gemacht haben. Doch der Rest der Geschichte ist alles andere als ein Zufall. Beide Frauen blicken positiv auf ihre Zeit in der Rudolf-Steiner-Schule in Wien Mauer zurück und wählten diese Schule, die unter anderen handwerkliche und künstlerische Fertigkeiten fördern möchte, dann für ihre Kinder ganz bewusst aus.

„Das meiste, was mir heute im Leben hilft, habe ich von dieser Schule“, ist sich Iragorri sicher. Sie habe beispielsweise keine Angst, vor Menschen zu reden, erzählt die Mutter zweier Töchter, die im elterlichen Betrieb mitarbeitet. Das führt sie auf das Theaterspielen zurück. Auch die Bedeutung von Nachhaltigkeit habe sie dort vermittelt bekommen: Die SchülerInnen bestellten den Boden, dann säten sie Getreide, später wurde es geerntet, um dann gemeinsam daraus Brot zu backen.

FEHLER ERLAUBT
Nadja Berke, die in der Filmbranche tätig ist und zwei Söhne hat, ergänzt, dass es stets erlaubt war, Fehler zu machen, um daraus zu lernen. Davon profitiere sie noch heute. „Es geht nicht darum, dass ein Kind in ein vorgegebenes System passt, sondern es wird geschaut, dass es sich so entwickeln kann, wie es in dem jeweiligen Menschen angelegt ist“, erklärt Berke den Hintergrund dieser Pädagogik.

Der 25-jährige Lebens- und Sozialberater Michael Salvenmoser, der seine Volksschulzeit in einer Montessorischule verbracht hat, erzählt wiederum: „Ich lasse mir ungern etwas sagen, ich verlasse mich auf meinen Kopf und denke selbstständig.“ Auch er führt das auf seine erste schulische Prägung zurück. Bei Montessori steht das selbsttätige Lernen im Zentrum.

SCHWIERIGE VERGLEICHSBASIS
Selbstbewusste Kinder, die frei ihre Persönlichkeit entfalten können, oder Lernen mit allen Sinnen – das sind zentrale Gründe, warum Eltern ihre Kinder bei reformpädagogischen Schulen anmelden. Es sind zumeist Privatschulen, die nicht nur für ihren Erhalt Schulgeld einfordern müssen, sondern auch die Mitarbeit der Eltern. Nicht wenige Eltern, die mit einem solchen Unterricht liebäugeln, fragen sich daher: „Bekomme ich dafür wirklich das, was die schön gestalteten Infofolder versprechen? Was sagen eigentlich Studien?“

Studien über Reformschulen gab es, vor allem in Österreich, bislang nur wenige. Doch das ändert sich gerade. Erster Schauplatz: Milwaukee, eine Stadt im Norden der USA. Hier gibt es einige nach Montessori geführte Schulen, daher ist das der ideale Ort für Angeline Lillard. Die Psychologin von der Universität in Virginia hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Pädagogik von Maria Montessori etliche Jahre nach deren Tod im Jahr 1952 einer wissenschaftlichen Nagelprobe zu unterziehen.

Sie konnte zwar belegen, dass die Entwicklungspsychologie viele Schlüsselkonzepte von Montessoris Pädagogik unterstützt – etwa Lernen nach eigenem Interesse –, empirische Studien direkt in den Klassenzimmern waren aber bisher Mangelware.

MONTESSORI VS. REGELSCHULE
Für eine ihrer jüngsten Studien hat sie nur Familien einbezogen, die ihr Kind gerne in einer Montessoriklasse sehen wollten. Ein Los entschied, welche Kinder der Testgruppe nach Montessori und welche nach konventionellen Lernmethoden unterrichtet wurden. Mit diesem Verfahren KLEIN_49_DSC_9485_H_RZ Kopiewollte die Forscherin den Vorwurf ausräumen, dass Kinder in Montessori­klassen nicht wegen des dortigen Unterrichts, sondern wegen ihres Elternhauses in Tests besser abschneiden würden. Es wurden VorschülerInnen und Zwölfjährige getestet. Das Resümee der Studie von 2006: Kinder, die nach Montessori unterrichtet wurden, schnitten in Bezug auf soziale Kompetenzen und Verhaltensweisen besser ab als die Kinder in Regelschulen.

VorschülerInnen, die nach Montessori lernen, waren besser vorbereitet auf die Schule. Bei den Zwölfjährigen gab es allerdings in der Rechtschreibung, beim Lesen, in der Grammatik und im Rechnen keine Unterschiede. Möglicherweise schneiden die Montessorikinder noch besser ab, wenn sie in Klassen unterrichtet werden, die streng nach diesen Grundsätzen arbeiten, zeigt die Folgestudie aus dem Jahr 2012.

Wie Lillard in den USA kämpfen auch deutsche BildungsforscherInnen um objektive Belege, so etwa Dirk Randoll, Professor für empirische Sozialwissenschaft an der Alanus-Hochschule in Alfter bei Bonn, und Heiner Barz, Erziehungswissenschaftler an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Die Wissenschaftler haben zuletzt jeweils mehrere Hundert Jugendliche befragt, die entweder eine Montessori- oder eine Waldorfschule besuchen, und deren Antworten mit Umfrageergebnissen unter der allgemeinen deutschen Jugend verglichen.

FEHLENDE DIFFERENZIERUNG
Die SchülerInnen der alternativen Schulen lernen freudiger und fühlen sich in der Schule wohler als ihre KollegInnen in Regelschulen, so die Kernergebnisse der Studien, die 2012 publiziert wurden. Ein Problem in den alternativen Schulen scheint allerdings die fehlende Differenzierung innerhalb einer Klasse zu sein, vermuten die ExpertInnen: Denn obwohl die Kinder angeben, individuell gut gefördert zu werden, nimmt jeweils circa ein Viertel der Montessori- und der WaldorfschülerInnen regelmäßig Nachhilfe in Anspruch. Auch fühlen sich ebenso viele zum Teil unterfordert.

Diese Studien beruhen jedoch auf einer Selbsteinschätzung der Befragten, ihre schulischen Leistungen können daraus nicht abgeleitet werden. Zumindest für österreichische WaldorfschülerInnen kann beispielsweise auf Pisa-Ergebnisse für die Jahre 2000 und 2003 zurückgegriffen werden: Ihre Leistungen befinden sich bei Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen jeweils unter dem Niveau der AHS und berufsbildenden höheren Schulen, teilweise holten sie von 2000 auf 2003 aber deutlich auf.

VERTRAUEN ODER BEGEISTERUNG
Nächster Schauplatz: „freie Alternativschulen“. Der Soziologe Franz Eberhart und der Pädagoge Benno Kapelari wollten wissen, welche Erfahrungen AbsolventInnen und Eltern hierzulande mit diesem Schultyp gemacht haben, der die freie kindliche Entfaltung ins Zentrum des Unterrichts rückt, sich aber auf kein Konzept versteift.

Die Befragung wurde im Buch „Handbuch Freie Alternativschulen“ (Renate Götz Verlag, 2010) zusammengefasst und ergibt ein durchaus positives Bild dieser meist kleinen Schulprojekte, wenn auch der Umstieg auf Regelschulen, die mühsame interne Kommunikation und der finanzielle Druck der Schule als problematisch gesehen werden. In Rechnen und Schreiben schneiden diese Kinder im Vergleich zu RegelschülerInnen schlechter ab, ergaben Tests an einer kleinen Schülergruppe, die in den 90er-Jahren unter anderen von der Soziologin Marina Fischer-Kowalski durchgeführt wurden.

Am wirksamsten für den Schulerfolg von Kindern ist, was im Unterricht zwischen Lehrern und Schülern passiert.

John Hattie, neuseeländischer Bildungsforscher

Hier hakt Jürgen Oelkers ein. „Wenn man diese Schulen näher betrachtet, ist da viel Schall und Rauch“, sagt der deutsche Bildungswissenschaftler, der die Reformpädagogik kritisch unter die Lupe nimmt. Viele reformpädagogische Konzepte und Methoden schnitten im Hinblick auf messbare schulische Leistung schlecht ab.

Oelkers stützt sich auf die gewichtige Studie von John Hattie, von der einige ExpertInnen sagen: Niemand, der über Bildung nachdenke, komme an Hattie vorbei. Der neuseeländische Bildungswissenschaftler wollte herausfinden, welche Lernmethoden nun wirklich zum Erfolg, also zu mehr kognitiver Leistung, führen. Dafür hat er Hunderte Analysen, die wiederum einzelne Studien zusammenfassen, durchforstet und kam zum Schluss: Nein, nicht etwa auf eigenständiges, entdeckendes oder jahrgangsübergreifendes Lernen komme es bei einem guten Unterricht an, sondern vor allem auf die Qualität der LehrerInnen und das Vertrauen zwischen LehrerIn und SchülerIn.

Saskia Haspel, Präsidentin der „Österreichischen Montessori-Gesellschaft“, lässt sich davon nicht irritieren. Sie verweist lieber auf den deutschen Neurobiologen Gerald Hüther, der meint, Lernen gelinge sehr wohl durch selbsttätiges Erkunden und vor allem durch Begeisterung. Letztlich ist also die Diskussion um den guten Unterricht und um jene Fähigkeiten, die ein Kind braucht, um am besten auf die Zukunft vorbereitet zu sein, noch lange nicht zu Ende.

Uschi Iragorri und Nadja Berke sind jedenfalls sicher, dass ihre Kinder gut für die Zukunft gerüstet sein werden. Niemand könne sagen, was die Gesellschaft in zehn Jahren brauche, sagt Iragorri: „Darum ist es wichtig, dass ein Mensch für sich entscheiden und sein Leben selbst gestalten kann, dass er lösungsorientiert handelt und die Weitsicht hat.“