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Mein Lebensbuch
Leidenschaftliche Leserinnen und Leser haben eins gemeinsam: Sie kommen in ihrem Leben nicht ohne Bücher aus. Aber welche Bücher fesseln uns ganz besonders – und warum? Eine Geschichte über Lieblingsbücher und ihren mitunter therapeutischen Nutzen.

Der Roman schlug bei uns zu Hause ein wie eine Bombe. Alle lasen ihn. Meine Eltern genauso wie wir Kinder im Teenageralter. Auf das Debüt dieses bis dahin unbekannten Schweizers konnten wir uns generationsübergreifend einigen. „Zündels Abgang“ von Markus Werner wurde Teil unseres Familien-Codes. Wir zitierten Sätze daraus, übernahmen Formulierungen wie „breitseits“ oder „wechselseitige Hilfestellungen“ in unseren Wortschatz und lasen uns Lieblingsstellen vor. Wir gewöhnten uns an, Dinge in einer Weise miteinander zu vergleichen, wie das auch Markus Werners Held Konrad Zündel im Buch tut: „Italienisch zu Deutsch gleich Ballettpantoffel zu Nagelschuh, gleich Kirsche zu Knoblauch.“ Wenn einer von uns überspannt reagierte, nannten ihn die anderen ab sofort „kapriziöse Büchsenmilch“. Wenn einer – Pardon! – in der Badewanne furzte, hieß es nunmehr, er lasse „knatternd sein Darmgas ab“. Ehrliche, aber nicht so richtig heldenhafte Fälle von Zivilcourage quittierten wir ironisch mit Sätzen wie: „Bravo Zündel! Endlich ein Sieg!“

ROMAN ALS TEST
Noch Jahre später – da war ich schon Studentin und lebte nicht mehr zu Hause, wo bis heute die zerlesene Erstausgabe von „Zündels Abgang“ mit ihren Dutzenden Unterstreichungen jederzeit griffbereit im Bücherbord auf dem Klo steht –, noch Jahre später also drückte ich neuen Bekannten oft ein Exemplar des Buchs in die Hand. Es war ein Test. Mochten sie es nicht, kamen sie für keine nähere Freundschaft in Betracht. Liebten sie es wie ich, war alles in Ordnung.
Worum es in „Zündels Abgang“ geht? Das Buch erzählt die Geschichte von Konrad Zündel, Lehrer, Mitte dreißig, verheiratet, der in den Sommerferien aus seinem Alltag aus- und nach Italien aufbricht und schließlich verschwindet. Doch damit ist nicht das Geringste über das Buch gesagt. Nichts über seinen kauzigen, zaudernden, zögerlichen Antihelden, über seinen Sprachwitz und seine Fabulierlust, nichts darüber, wie sehr man beim Lesen lachen, sich ereifern und angesprochen fühlen oder sich mit Sätzen daraus gegen die kleinen, spitzen Zumutungen des Alltags wappnen kann. Ich weiß nicht, wie oft ich „Zündels Abgang“ gelesen habe. Noch heute schaue ich ab und zu hinein. Ich kann nicht beurteilen, ob es mich jetzt genauso beeindrucken würde wie damals. Vermutlich nicht.

Lesen Sie weiter in „Welt der Frau“ 10/16.

Eveline Buder (46), Geschäftsleiterin einer Bank liest in einem ihrer Lieblingsbücher: „Die Donnerstagswitwen“ von Claudia Piñeiro.

Alfred Komarek: Narrenwinter. Haymon Verlag, 19,90 Euro

Welchem Buch verdanken Sie ein besonderes Leseerlebnis?
„Narrenwinter“ von Alfred Komarek.

Wo und wie lesen Sie? Haben Sie Leserituale?
Ich habe (fast) immer ein Buch dabei. Wenn ich ein neues Buch bekomme, nehme ich den Umschlag ab und rieche daran.

Alfred Komarek: Narrenwinter. Haymon Verlag, 19,90 Euro

Andrea Gerk (48), Literaturkritikerin, Radio­moderatorin und Buchautorin in Berlin, liest in einem ihrer Lieblingsbücher: „Sterben“ von Karl Ove Knausgård.

Hanns-Josef Ortheil: Die Erfindung des Lebens. Verlag Luchterhand, 11,99 Euro

Welchem Buch verdanken Sie ein besonderes Leseerlebnis?
Hanns-Josef Ortheil: „Die Erfindung des Lebens“.

Was hat Sie daran so gefesselt?
Man spürt in jedem Satz eine starke innere Notwendigkeit: Das Erzählen ist ein Überlebensmittel. Die Geschichte ist so kunstvoll erzählt, dass sie ohne jedes falsche Pathos ungeheuer bewegt.

Hanns-Josef Ortheil: Die Erfindung des Lebens. Verlag Luchterhand, 11,99 Euro

Lena Scholz (25), Studentin in Wien, liest in einem ihrer Lieblingsbücher: „Der letzte Grieche“ von Aris Fioretos.

50_scholz_lebensbuch_das_geisterschiff-02Welchem Buch verdanken Sie ein besonderes Leseerlebnis?
Dem Künstlerroman „Das Geisterschiff“ von Egyd Gstättner. Passenderweise habe ich es während einer Italienreise entdeckt.

Was ist für Sie das Schöne am Lesen?
„Lesen heißt durch fremde Hand träumen.“ (Fernando Pessoa)
Egyd Gstättner: Das Geisterschiff. Picus Verlag, 22,90 Euro

Wie man einen Lesekreis gründet

Auch wenn es auf den ersten Blick keine große Sache zu sein scheint: „Einen Lesekreis zu gründen und zu unterhalten ist eine Kunst“, sagt Thomas Böhm, der dazu auf „www.leseforum.ch“ (Suchbegriff: Lesekreis) interessante Anregungen gibt. Er war elf Jahre lang Programmleiter des Literaturhauses Köln, leitete dort ebenso lange einen Literaturkreis und hat vor ein paar Jahren ein einschlägiges Buch zum Thema geschrieben: „Das Lesekreisbuch. Eine Anleitung“ (Berlin Verlag Taschenbuch, 2011). Es ist vergriffen, aber antiquarisch noch zu bekommen (z. B. via „www.eurobuch.com“) und reich an Tipps und Einfällen – inklusive Lektürevorschlägen, Empfehlungen zum Ablauf von Lesekreistreffen und Checkliste. Ebenfalls kann man über die Website „www.mein-literaturkreis.de“ erfahren, was vorab zu bedenken ist, wenn man eine Gruppe ins Leben rufen möchte, die sich regelmäßig zum gemeinsamen Gespräch über gelesene Bücher trifft. Ganz zu Anfang geht es einmal darum, sich zu überlegen, ob der Lesekreis einen Schwerpunkt haben soll und welchen (z. B. „MittäterInnen für Krimi-Lesekreis gesucht“), und entsprechend via Aushang in Bibliotheken, am Arbeitsplatz oder über soziale Medien nach Gleichgesinnten zu suchen.

Lesen Sie weiter in „Welt der Frau“ 10/16.

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Ein Buch lesen, sich eine Meinung bilden und sich mit anderen austauschen: ein Lesekreis erweitert den Horizont. © Böhm & Sommerfeldt

Claudia Kronabethleitner,
Leiterin der Pfarrbibliothek Bad Ischl 

Ein Roman, den ich immer wieder gern zur Hand nehme,
ist„Die Entdeckung der Langsamkeit“ von Sten Nadolny über den englischen Seefahrer und Nordpolforscher John Franklin (1786–1847), der schon in seiner Kindheit von der Seefahrt träumte, obwohl er aufgrund seiner extremen Langsamkeit völlig ungeeignet schien. Dafür hatte er andere Eigenschaften: Beharrlichkeit, Ausdauer und Gründlichkeit.

Es hat mich begeistert,
wie der Außenseiter Franklin seine vermeintliche Schwäche zur Stärke macht und so zum Entdecker der Nordwestpassage wird. Gedanken wie Ich bin mir selbst ein Freund. Ich nehme ernst, was ich denke und empfinde. Die Zeit, die ich dafür brauche, ist nie vertan. Dasselbe gestehe ich auch anderen zu“hänge ich gerne lange nach.

Das Schöne am Lesen
ist das Eintauchen in andere Lebensweisen. Ich erfahre lesend gerne mehr über historische Zusammenhänge.

Ich lese täglich,
spätestens abends im Bett. Sehr fein ist es, wenn ich mich an freien Tagen ganz dem Lesen widmen darf.

Meine Buchtipps:
Lars Mytting: „Die Birken wissen’s noch“
René Freund: „Niemand weiß, wie spät es ist“
Marie von Ebner-Eschenbach: „Das Gemeindekind“

Erschienen in „Welt der Frau“ 10/16 – von Julia Kospach