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Meine Heimat

Rund 19 Prozent der Menschen in Österreich haben einen Migrationshintergrund. „Ausländer“ sind viele von ihnen aber schon lange nicht mehr. Denn auf das Fremdsein folgt Ankommen und das Hineinwachsen in ein zweites Zuhause.

Als Milva Spina (48) nach Österreich kam, war sie 18 Jahre alt. Sie hatte damals, während ihres ersten eigenständigen Urlaubs auf Ibiza, einen Österreicher kennengelernt, sich Hals über Kopf in ihn verliebt, kurzerhand einen bevorstehenden Au-pair-Jahresaufenthalt in den USA abgesagt und war nach Linz gezogen. Ihre FreundInnen und ihre Familie in Italien fragten, ob sie komplett verrückt geworden sei, sie könne sich ja noch nicht mal richtig verständigen. Aber Milva Spina war sich „200 Prozent sicher“, die Liebe ihres Lebens gefunden zu haben. Aus der ersten Zeit in Österreich erzählt sie eine schöne Geschichte: Tagsüber, während ihr Freund arbeitete, war sie oft allein. Doch weil sie eigentlich gewohnt war, viel zu reden, setzte sie sich im Wohnzimmer vor einen leeren Sessel, tat so, als ob jemand darin säße, und führte mit dieser unsichtbaren Person ausgedachte Gespräche. Auf diese Weise schuf sie sich ein wenig imaginären Kontakt, und mithilfe ihrer Verliebtheit und dem kleinen Trick kam sie recht gut über die erste Zeit in der Fremde hinweg. Warum verlassen Menschen ihr Zuhause, warum setzen sie sich all den Ängsten und Schwierigkeiten, dem Heimweh, der Einsamkeit und möglichem Unglück aus? In dem Bestseller-Roman „Life of Pi“ (dt.: „Schiffbruch mit Tiger“), einer sehr speziellen und berührenden Migrationsgeschichte, heißt es dazu ganz einfach: „Menschen gehen fort, weil sie auf ein besseres Leben hoffen.“ Dieser Satz enthält alles. Denn natürlich gibt es verschiedene Gründe, woanders hinzugehen, sei es die Liebe, eine Heirat, ein neuer Arbeitsvertrag, Abenteuerlust oder die verzweifelte Flucht aus unerträglichen Zuständen oder Todesbedrohung, wie sie uns in den letzten Monaten wieder dramatisch vor Augen geführt wird. Die Gründe sind verschieden, aber letztlich wurzelt alles Weggehen in diesem einen Impuls: das eigene Leben oder das der Familie anders, besser zu machen, als es ist.

FISCH AM TROCKENEN
Wie ein Migrationsprozess verläuft und vom Einzelnen verarbeitet wird, dafür gibt es keine generellen Muster. „Das Erleben ist hier sehr verschieden und individuell“, sagt die Biografie- und Migrationsforscherin Roswitha Breckner von der Universität Wien. „Es hängt vor allem davon ab, in welcher Weise der Landeswechsel als ein Bruch mit dem bisherigen Leben erfahren wird.“

Ein Bruch aber, eine „Diskontinuitätserfahrung“, findet immer statt. Denn egal ob es sich um eine „kleine Migration“ innerhalb eines Landes handelt oder um eine große in einen anderen Kulturkreis, der Wechsel des Lebensmittelpunktes führt zunächst in eine Verunsicherung, er setzt das Gewohnte außer Kraft, in dem wir normalerweise schwimmen wie der Fisch im Wasser. 

Zu dem kommt der offene Ausgang. Denn während ein Tourist die Sitten im Ausland gefahrlos bestaunen kann, weil der Aufenthalt ja begrenzt ist und eine Rückkehr nach Hause absehbar, haben MigrantInnen diese Sicherheit nicht. Das gibt dem Fremdsein eine gewisse existenzielle Schärfe. Wie wird es sein, in einem Land zu leben, in dem die Menschen so wenig lachen und ein „face de citron“ (Zitronengesicht) aufsetzen, wie Sharon Pecnik das nennt (siehe Porträt Seite 15)? Der oder die Zugereiste ist in der Minderheit, will bleiben und kennt sich nicht aus. Nicht nur die Sprache, auch Kleinigkeiten im Alltag können da zum Wahnsinn treiben: Wo ist die nächste Post? Wie beantragt man ein Bankkonto und einen Handyvertrag? Warum passt der Telefonstecker nicht in die Buchse und warum grüßt beim Greißler keiner zurück? In der Fremde wird alles Gewöhnliche zum Besonderen. Das kann anstrengend sein, belebend wirken, euphorisierend oder eben beängstigend. 

ITALIEN IST GUT
Fremd fühlen sich MigrantInnen aber nicht nur, weil sie fremd sind, sondern weil die anderen sie als Fremde wahrnehmen. Milva Spina hatte hier in Österreich so ihre Erlebnisse, natürlich mit der Fremdenpolizei, bei der sie jährlich um Verlängerung ihres Besuchsvisums ansuchen musste, aber auch in vielen Alltagssituationen. Einmal prüfte sie auf dem Bauernmarkt mit der Hand das ausgelegte Gemüse, da rief ihr die Verkäuferin zu: „Wir sind nicht in der Türkei, dass man sich das selbst aussucht.“ Als Spina in mittlerweile gutem Deutsch erklärte, sie sei aber Italienerin, schlug die Stimmung sofort um: Ah, Italien, na, das sei etwas ganz anderes! „Italienerin zu sein ist eine Visitenkarte“, erzählt Milva Spina, „die Leute denken an Mode und gutes Essen.“ So ist es eben, manche gelten als gute, manche als schlechte AusländerInnen, und das Bild, das die anderen im Kopf haben, bestimmt ein Stück weit auch, wie man sich selber sieht und fühlt.

Eigenartig, innerhalb der eigenen Kultur gilt die Person als Individuum – wenn aber Fremdheit dazukommt, sieht man zuerst „Typen“: den Serben, die Deutsche, den Österreicher. Diese Schemata sollen für Ordnung sorgen und sie helfen zunächst auch beim Verstehen. Deutsche haben keinen Humor, Rumänen sind Zigeuner, Österreicher können hinterhältig sein. Manchmal ist sogar etwas dran an solchen Zuschreibungen, aber natürlich stimmen sie im Einzelnen nie, und vieles geht in ihnen verloren. Manchmal fällt es auch schwer, gegen Vorurteile anzugehen, ohne selbst in welche zu fallen.

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© Robert Maybach

ZWEIERLEI MASS
Wie ist es aber dann mit der Integration? Biografieforscherin Breckner hält den Begriff für problematisch. „Mit ihm geht oft die einseitige Anforderung einher, hier solle sich jemand anpassen und einfügen in ein System.“ Dabei sei Integration ein wechselseitiger Prozess, er brauche Willkommen, Respekt und Akzeptanz auch für das Fremde.

Als Schlüssel für das Ankommen in einem anderen Land gilt natürlich die Sprache, aber das ist nicht alles. Zum Verhältnis von Österreichern und Deutschen heißt es oft: „Nichts trennt uns mehr als die gemeinsame Sprache.“ Und das stimmt, denn viele Worte, die Betonungen und Akzente sind anders – und genau das schafft ein Befremden, auch wenn man sich eigentlich perfekt verständigen kann.

„Sprachkompetenz ist zwar für den Bildungserfolg extrem wichtig“, sagt Roswitha Breckner, „aber auch bei einer Putzfrau, die nur ein paar Brocken Deutsch spricht, in ­
Österreich arbeitet und ihre Kinder großzieht, kann man von gelungener Integration sprechen. Sie nimmt ja am Arbeitssystem teil, die Kinder gehen hier in die Schule, und es gibt vermutlich ein funktionierendes soziales Umfeld.“ 

Auch bei der Sprachkompetenz messen wir überdies mit zweierlei Maß. Französisch und Englisch gelten als internationale Sprachen, da drückt man ein Auge zu und verlangt nicht mit Vehemenz, alle hiesigen Franzosen oder Amerikaner sollten die Landessprache lernen. „Meine Familie stammt aus der deutschen Minderheit in Siebenbürgen und meine Großmutter hat nie mehr als zwei Worte Rumänisch gekonnt. Das brauchte sie auch nicht, es wurde nie als Mangel angesehen“, erzählt Breckner. Dennoch sei ihre Großmutter sehr wohl zu Hause gewesen in Rumänien. 

KEIN ENTWEDER-ODER
Fortgehen ist nie ganz einfach, das zeigt schon unser Wort „Elend“, das aus diesem Zusammenhang stammt. „Ellende“ bedeutete im Mittelhochdeutschen „Ausland, leben in der Fremde, Verbannung“. Ein bisschen etwas von diesem Schatten, dem möglichen Elend, bleibt auch heute noch bei einem Umzug in die Fremde. Interessanterweise kann sich der Blick auf eine Migrationserfahrung im Nachhinein und im Lebensverlauf auch verändern. Manchmal fällt auf das, was anfangs als gut erlebt wurde, später ein Schatten. Manchmal ist der Anfang schlimm, erweist sich dann aber als Beginn von etwas Gutem. Manchmal ist das Heimweh sofort da, manchmal kommt es erst viel später, wie bei Lynette Paulitsch (siehe Seite 18). Migration ist ein langer Prozess, aber nach einer Weile – und es scheint, als gebe es da gewisse Entwicklungsstufen – findet eine Angleichung statt, ein Hineinwachsen in die neue Kultur, ein unmerkliches Hinübergleiten, bei dem auch ein Stück der alten Herkunft verloren geht.

Milva Spina ist jetzt seit 30 Jahren im Land, die Beziehung zu ihrem Traummann hielt immerhin 22 Jahre, eine Tochter ging aus dieser Ehe hervor. „Natürlich nimmt man die Mentalität des Landes an, in dem man lebt“, sagt Spina, auch wenn immer ein Rest des anderen bleibe. In Italien sage man zu ihr: „Du bist eh eine Österreicherin“, aber hier in Österreich sei sie eben immer auch noch die Italienerin. Mit dem leichten Abstand zu beiden Kulturen findet sie, dass die Italiener zu viel Drama aus allem machen und die Österreicher wohltuend geordnet sind, leider aber der Familie keinen so großen Stellenwert einräumen. Das Gute an ihrem Status sei, dass sie sich aus beiden Ländern das Beste aussuchen könne. Und überhaupt, wer sagt denn, dass es ein Entweder-oder geben müsse, ein klares Hier oder Da? 

DAS GRÜN DER WÄLDER
„Heimat ist, wo die Familie ist“, sagt Sharon Pecnik (siehe Seite 15) und meint damit sowohl ihre österreichische wie ihre brasilianische Verwandtschaft. Dass sie in Österreich bleiben wird, war für sie klar, als ihr Sohn auf die Welt kam. Ihre Kinder sollen hier zur Schule gehen, eine gute Ausbildung erhalten. Das Gefühl, zu Hause zu sein, hat viel mit den Menschen zu tun, die nah sind. Auch das Aufgenommenwerden durch die Partner und die Schwiegereltern sei sehr wichtig, berichten viele, vor allem auch für das Erlernen der Sprache. Denn familiäre Intimität schafft die Geduld, den Willen, sich als Person und nicht nur als „Typus“ aufeinander einzulassen.

Ein Gefühl von Heimat wird aber auch durch bestimmte Orte ausgelöst, durch einen Raum, eine leibliche Erfahrung. In Österreich, so will es scheinen, ist die Natur eine große Heimatstifterin. Aus Brasilien und Indien kommend, bezeichnen Sharon Pecnik und Lynette Paulitsch das Grün Kärntens als einzigartig und beglückend. Für Tamar Davidischiwili (siehe oben) aber ist das Beste an Österreich die Sicherheit, dass es hier keinen Krieg gibt. 

Ob ein Migrationsprozess gut oder schlecht verläuft, hängt zu einem großen Teil an den Aufnahmebedingungen und daran, wie viel Freiheit den Zugereisten gewährt wird, wie viel Möglichkeiten sie haben, im neuen Land selbstbestimmt zu leben. Denn im Grunde komme es für alle Menschen darauf an, das „eigene biografische Projekt zu verwirklichen“, sagt Migrationsforscherin Breckner: „Ich bin mir sicher, dass viele Flüchtlinge trotz aller Widrigkeiten ihre Migrationsgeschichte als positiv empfinden, ganz einfach weil sie die Rettung ihres Lebens ist.“

„Mein Prinz kam mit dem Flugzeug“

Sharon Pecnik (34) stammt aus Brasilien und lebt seit rund zwölf Jahren in Kärnten. An Gulaschgerichte hat sie sich nicht gewöhnt, aber die Natur, ihren Mann und die Kinder liebt sie.
© Alexandra Grill

© Alexandra Grill

Von Österreich kannte sie nur Sissi und Kaiser Franz Joseph, und sie hatte einen Traum. Der hieß: „Wegkommen“. Sharon Pecnik wuchs unter acht Geschwistern und ohne Vater in der brasilianischen Region Minas Gerais auf. Arbeiten musste sie, seit sie sechs Jahre alt war, sie habe den Haushalt geführt, später tagsüber als Babysitterin und Hausangestellte Geld verdient und abends Sport studiert. Über einen Kontaktdienst im Internet lernte Sharon dann Anton Pecnik kennen, der sie besuchte, heiratete und mitnahm auf seinen Bauernhof in Kärnten. 

Das erste Gefühl in der Fremde war Angst. Die dünne Luft auf 1.200 Meter Höhe war sehr gewöhnungsbedürftig, doch verliebt hatte sich Sharon in die Natur und in ihren Mann. „Der ist mein Prinz“, sagt sie. Er nimmt sie in Schutz, auch gegen das zuweilen fremdenfeindliche Misstrauen der Umgebung.

Vor allem die Sprache stellt eine Barriere dar. Mit ihren beiden Kindern (6 und 11) spricht Sharon Pecnik Portugiesisch, und sie antworten auf Deutsch. Sharon sei eine gute Mutter und eine gute Köchin, berichtet ihre Schwägerin, die mit im Haus lebt, in dem Sharon sich derzeit auch um die Pflege ihrer Schwiegermutter kümmert. 

Im Dorf unten sieht man Sharon Pecnik kaum, sie lebt zurückgezogen. 

Vier Freundinnen hat sie hier in Europa, allesamt Brasilianerinnen, mit zweien von ihnen telefoniert sie jeden Tag. Gerne würde sie den Führerschein machen, ein Auto bedeutete Freiheit, aber die letzte Fahrprüfung scheiterte an der Sprache, sagt sie. Vielleicht wird Sharon – trotz ausgeprägter Flugangst – doch einmal zurückfliegen, den Führerschein in Brasilien machen und dann in Europa anerkennen lassen? Das wäre eine gute Sache.

„Österreich ist die zweite Heimat“

Tamar Davidischiwili (27) kam vor neun Jahren als Flüchtling aus Georgien. Gerne würde sie hier mehr Menschen kennenlernen, einen normalen Beruf ausüben und frei reisen können. Aber das geht nicht so einfach.
© Robert Maybach

© Robert Maybach

Seit neun Jahren hat Tamar Davidischiwili ihre Familie nicht mehr gesehen, also seitdem sie im März 2006 im Alter von 17 ganz allein und ohne ein Wort Deutsch zu verstehen am Bahnhof in Linz ankam. Die ganze Familie, die an der Grenze zu Russland lebte, hatte versucht, vor kriegerischen Auseinandersetzungen zu fliehen, aber nur Tamar gelang es mit einem gefälschten Touristenvisum. Im Zug gen Westen hatte sie ein Mädchen kennengelernt, bei dem sie drei Tage wohnen konnte, dann ging sie zurück zum Hauptbahnhof, ohne zu wissen, was sie jetzt tun sollte. Sie hörte jemanden Georgisch sprechen, einen Mann, der ihr dann half, Asyl zu beantragen. Ein halbes Jahr später wurden die beiden ein Paar.

Wenn sie gewusst hätte, was kommt, wäre Tamar Davidischiwili vielleicht besser zu Hause geblieben, meint sie rückblickend. Denn hier in Österreich wartete sie lange auf eine Anerkennung als Flüchtling, saß zur Untätigkeit gezwungen zu Hause mit 290,00 Euro Unterstützung für den Monat. Als ihre erste Tochter Ruska (6) zur Welt kam, erhielt auch Tamar Davidischiwili endlich Anerkennung und Arbeitserlaubnis, seither verdient sie den Lebensunterhalt als Putzfrau, was eine einsame Tätigkeit ist und keine, bei der man die Sprache gut lernt. Gerne würde sie eine Ausbildung machen und einer „normalen Arbeit“ nachgehen, als Verkäuferin etwa.

Ihre beiden Töchter – bald nach Ruska kam Gvantsa (5) auf die Welt – liebt Tamar Davidischiwili über alles. „Wenn ich viel Geld hätte, würde ich auch noch Waisenkinder adoptieren“, sagt sie. An Österreich findet sie eigenartig, dass die Familie hier keinen so hohen Stellenwert habe. Dass hier Sätze fallen wie „Ich hasse meine Mutter“, kann Tamar nicht verstehen. Ihr Vater ist vor Kurzem gestorben, ohne dass sie ihn vorher noch einmal hätte sehen oder zur Beerdigung nach Georgien hätte fahren können. Jetzt hat sie die österreichische Staatsbürgerschaft beantragt, damit sie frei reisen kann.

Lesen Sie mehr dazu in „Welt der Frau“ 07/15  – von Andrea Roedig