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Brauchen Feste ein Geheimnis?
Weihnachten ist nicht zu toppen. Es ist der „Megaevent“ des Jahres, nicht nur an den Kassen, auch für die Stimmungslage. Selbst wenn viele nicht mehr glauben, was sie feiern. Kann das auf Dauer gut gehen – für das Fest und für uns?

Macht Weihnachten Sie auch müde? Dieser Text entsteht am 24. Oktober. Gestern stellten sich mir im Supermarkt meines Heimatortes Nikoläuse und Christbaumbehang in den Weg, als ich bloß eine Jause kaufen wollte. Allein das zu sehen, macht mich ärgerlich. Es ist mir eine optische und eine seelische Belästigung. Noch ehe ich dazu komme, mir über das Fest Gedanken zu machen, mich darauf einzustimmen, ist es mir schon verleidet. Es ist zugeschüttet mit allem, was man im Advent und zu Weihnachten konsumieren kann oder muss. Was unter dem gigantischen Warenberg begraben wird, hat kaum mehr Chancen, heil zu bleiben. Vor allem nicht wir selbst. Weihnachten ist eine seltsame Geschichte. Über Jahrhunderte war es ein geregeltes Fest mit klaren Bräuchen, das von einer strengen Gemeinschaft und ihren Priestern auch überwacht wurde. Wehe, man tanzte in der Adventszeit, wehe man aß die Kekse vor der Bescherung, wehe, wehe! Inzwischen haben wir das Fest privatisiert. Wir lassen uns von keinem mehr vorschreiben, was wir wann zu tun haben, wir pflegen die Familienidylle und wir nützen den ganzen frommen Kram mit Engeln und Glitzerzeug bloß noch als Stimmungsbringer, aber wir nehmen ihn doch nicht mehr ernst. Wir haben uns von Weihnachten emanzipiert. Und was feiern wir jetzt?

Vor Kurzem erzählte ein Freund von einer Hochzeit, die mit großem Aufwand gefeiert worden war. Mehrere „Wedding-Planer“ seien beschäftigt worden, alles sei spektakulär und teuer gewesen. Er als Gast habe aber das Gefühl gehabt, es sei ein Fest ohne Herz gewesen. Ein trauriger Befund. Wie konnte es dazu kommen? Ich fand bemerkenswert, dass der Freund vom fehlenden Herzen gesprochen hatte. Wofür steht das eigentlich? „Man sieht nur mit dem Herzen gut“, sagt der „Kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry. Allerdings sieht man mit dem Herzen nichts, was sich materialisieren ließe. Mit dem Herzen sieht man ein Geheimnis, beispielsweise die Tiefe der Liebe eines Paares, das Unaussprechbare, das Gefühlte, das Verbindende. Man „öffnet“ sein Herz, man „spricht“ mit dem Herzen. Feste, die kein Herz haben, erzählen nichts.

Dabei kennen wir das Geheimnis und die Geschichte von Weihnachten doch nur zu gut. Waren wir nicht als Kinder, als die Welten noch nicht so getrennt waren, als wir noch an Wunder glaubten, ganz offen für das geheimnisvolle Christkind? Jenes Wesen, das man nie zu Gesicht bekommt, das aber ganz sicher da ist, wie ein Bote aus einer anderen Welt.

Der Philosoph Byung-Chul Han stellt fest, dass wir heute von einer Zurschaustellung von allem und jedem besessen sind. Wir sagen dazu Transparenz. Alles muss durchsichtig sein, alles erklärbar, alles belegbar, an allem ist jemand schuld und haftet sogar dafür. Der Zwang zur Transparenz zerstöre aber, was uns im Innersten ausmacht: das Geheimnis. Ich kann dieser Sichtweise viel abgewinnen. Auch Feste brauchen ein Geheimnis, damit sie uns berühren, damit sie unser Herz erreichen. Weihnachten ist, das wissen wir ohnehin, mehr als die schöne Musik, das gute Essen, die originelle Dekoration. Das alles sind im Idealfall Hilfsmittel, Krücken, mit denen wir hin zur Krippe stelzen. Dort liegt das Geheimnis. In der Menschwerdung. Könnte es eine aktuellere Botschaft für ein Fest geben, ein größeres Geheimnis für jeden von uns? Wie werden wir zu Menschen, was heißt es, menschlich zu sein? Und warum muss man dazu Kind werden? In der Weihnachtsbotschaft heißt es, dass Gott sich im Kind zeigt. Das Kind trägt das Heil der Welt. Was ist mit all dem gemeint? Wie können wir das mit dem Herzen verstehen?

Diese Fragen stellt man nicht mit vollem Bauch und nicht mit dröhnenden Jingle-Bells-Ohren oder punschumnebeltem Kopf. Dazu muss man abstinent sein. Dafür wurde einst der Advent erfunden. Damit Weihnachten einen Korridor hat, durch den das Herz sich dem Geheimnis öffnen kann.
Damit tröste ich mich. Und umschiffe die Warenschütten beim nächsten Einkauf, indem ich die inneren Augen schließe und die Ohren Richtung Herz klappe. In einer geheimnislosen Welt zu leben und Feste ohne Sinn zu feiern, erschiene mir gänzlich trostlos. Oder gottlos, wenn Sie so wollen. Denn auch der ist nicht verfügbar, nicht einmal für unsere Interpretation der Menschwerdung.

 

Christine Haiden hat die Hoffnung für Weihnachten noch nicht aufgegeben. Das Geheimnis lebt, meint sie.

 

Weihnachten – das Geheimnis des Festes

  • Um dem Geheimnis eines Festes zu folgen, lohnt es sich, zu fragen, wann und wie es gefeiert wird und welche Geschichten zum Fest erzählt werden.
  • Das christliche Weihnachtsfest findet in der dunkelsten Jahreszeit statt, wie viele Lichterfeste anderer Kulturen auch. Es wird die Geschichte einer unerwarteten Schwangerschaft erzählt, die damit beginnt, dass eine Frau zulässt, was an ihr geschieht. Das Kind kommt schließlich nackt und bloß in einem Stall zur Welt. Von Anfang an verkünden die Engel, dass es von Gott geliebt sei. So werde man Mensch. Unverdient. Geliebt.
  • Der Advent als vierwöchige Zeit des Wartens entwickelte sich, um sich für dieses Geschehen durch Fasten, Beten und Stille frei zu machen.

Was ist Ihre Meinung dazu? SchreibenSie uns!

meinemeinung@welt-der-frau.at

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 12/2012 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at

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