11

17

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Braucht es ein gelasseneres Verhältnis zur Religion?
Was wiegt schwerer: die Meinungsfreiheit oder der Schutz religiöser Gefühle? Nicht nur in der islamischen Welt, auch im christlich-orthodoxen Russland ist Gotteslästerung ein Politikum. Prozesse wegen Blasphemie finden eher in repressiven Gesellschaften statt.

Die Verbreitung eines Films, der den Islam verunglimpft, sorgte im Herbst für neue Gewaltausbrüche. Vor fünf Jahren waren es die Mohammed-Karikaturen, die zum Tod Dutzender Menschen führten. Um die Balance zwischen Meinungsfreiheit und der Achtung religiöser Gefühle wird immer gestritten, nicht nur zwischen MuslimInnen und NichtmuslimInnen. Auch das Verfahren gegen die Musikgruppe Pussy Riot, die Präsident Wladimir Putin und die Rolle der Kirche in Russland kritisiert, steht im Zeichen eines Streits um diese beiden Interessen.

Die jüngsten Proteste in muslimischen Staaten waren vor allem ein Ventil, um Dampf abzulassen. Auch ein anderer Anlass hätte genügt, um das Fass wieder zum Überlaufen zu bringen. Die Ohnmacht gegenüber der eigenen Misere bringt offenbar die Menschen rasch auf die Straßen. Anstatt anzuerkennen, dass es sich um Ramsch handelt, der in den USA keinen Kinosaal füllte, wurde das Video dank Verbreitung über YouTube gleichsam zum Kriegsgrund. Ein aus Ägypten stammender Kopte und einige radikal-christliche US-Amerikaner hatten den Film produziert, um MuslimInnen zu provozieren. Und diese tappten schnurstracks in die Falle. Der Westen wurde wieder einmal zum Feindbild hochstilisiert. Besonders heftig ging es in Tunesien und in Libyen her, wo einige US-Diplomaten starben. Solche Gewaltexzesse sind nur die Spitze des Eisberges tief liegender Missverständnisse zwischen Orient und Okzident. Die Kreuzzüge, Türkenkriege und koloniale Ausbeutung werden bemüht, um den Hass aufeinander zu schüren.

Es geht zudem um ein anderes wichtiges Thema, nämlich worin eigentlich Gotteslästerung besteht und wie weit künstlerische Freiheit, Pressefreiheit oder eben auch nur ein Witz gehen dürfen. In einer Ära, die im Namen politischer Korrektheit neue Verbote schafft, ist der Schritt zur Selbstzensur nicht weit. Dann werden Ausstellungen abgesagt, weil ein frommer Mensch sich in seiner Weltanschauung verletzt fühlen könnte. Das weltweite Netz ermöglicht erst recht die Weitergabe von Bildern. Was aber viel bedrohlicher ist: die Diffamierung von unliebsamen Menschen und eine globale Gerüchteküche. In dieser brodelt es, in den sogenannten sozialen Netzwerken wird heftig polemisiert. Jeder glaubt eine Meinung zu haben, doch kaum einer informiert sich. Hauptsache, man ist bei der Dauerkommunikation dabei und heult mit den Hyänen, die sich gierig auf ihre Beute werfen.

Der Schriftsteller Salman Rushdie, der vor 30 Jahren zum Symbol für Kritik am Islam wurde, meinte in einem Ö1-Interview: „Hätte es damals bereits Google gegeben, so wäre ich wohl bald ein toter Mann gewesen.“ Rushdie war von der iranischen Mullah-Führung für vogelfrei erklärt worden, da er mit seinem Roman „Satanische Verse“ so manchen frommen Muslim verstörte. Kann es sein, dass Menschen getötet werden, weil ein Religionsstifter geschmäht worden ist?

In der Tradition der Aufklärung wird nicht mehr Gott als das Schutzobjekt des Gesetzes angesehen, sondern die Gesellschaft selbst. Dies ist eine wesentliche Errungenschaft der europäischen Kultur. Sie ermöglichte jene geistigen Freiräume, die für die Entwicklung von Rechtsstaatlichkeit und naturwissenschaftlicher Forschung wesentlich waren. Die absolutistischen Monarchien von Gottes Gnaden sollten von Menschenhand geschriebenen Verfassungen weichen.

Gegenwärtig zeichnen sich vielerorts gegensätzliche Tendenzen ab. Es ging im Prozess gegen die drei Musikerinnen von Pussy Riot, die in der Christ-Erlöser-Kathedrale gegen Putin demonstriert hatten, nicht um Politik, sondern um die Verächtlichmachung von Religion. Künftig soll die Verletzung religiöser Gefühle als Verbrechen bestraft werden.

Beginnt Gotteslästerung nicht bereits dort, wo Menschen behaupten, sie wüssten, wie Gottes politischer Wille lautet? Im Buch des Propheten Jesaja heißt es im Kapitel 55 eindeutig: „Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr; sondern so viel der Himmel höher ist denn die Erde, so sind auch meine Wege höher denn eure Wege und meine Gedanken denn eure Gedanken.“ So mancher Frömmelnder vermeint es besser zu wissen und verfolgt im Namen Gottes den Mitmenschen. Die Trennung von Politik und Religion ist vonnöten, um Gott Gott sein zu lassen und dem Menschen die Freiheit des Denkens zu geben.

 

Dr.in Karin Kneissl befasst sich seit vielen Jahren mit den Entwicklungen im Nahen Osten, wo die Religionen in den Konflikten eine wichtige Rolle spielen.

 

Wann wird Gott gelästert?

  • Auf Blasphemie steht in Ägypten bis zu fünf Jahre Haft. Anklagen hat es auch in den letzten Monaten gegeben. Pakistan, Saudi-Arabien, der Iran, Afghanistan und der Sudan können sogar die Todesstrafe wegen Gotteslästerung verhängen.
  • In Österreich regeln die Paragrafen 188 und 189 des Strafgesetzbuches die „Herabwürdigung religiöser Lehren“ und die „Störung einer Religionsausübung“. Die Gerichte können Freiheitsstrafen von bis zu sechs Monaten oder Geldstrafen verhängen.
  • 1994 wurde der Karikaturist Manfred Deix nach Paragraph 188 in erster Instanz verurteilt, in der Berufung freigesprochen.

 

Was ist Ihre Meinung dazu? Schreiben Sie uns!

meinemeinung@welt-der-frau.at

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 11/2012 – von Karin Kneissl

Illustration: www.margit-krammer.at

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.