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MEINE MEINUNG: Ist es Zeit, Haltung zu zeigen?

Die vielen Flüchtlinge, die in und durch unser Land kommen, radikalisieren uns. Im Guten wie im Schlechten. Sie zwingen uns, Farbe zu bekennen. Wohin das geht?

Zuerst nannte mir der Anrufer viele, viele Beispiele, warum der „Ansturm“ der „Flüchtlingsmassen“ ein Wahnsinn sei, dass sich rund um ihn alle fürchteten, um Hab, Gut und Leben bangten und die Politik auf allen Linien versage. Er redete sich richtig in Rage. Ein gut situierter Mann, mit tollem Haus in bester Lage, Mitglied elitärer Klubs, und ebendort habe man diskutiert, ob man nicht auswandern solle. Wer wolle schon in einem Land bleiben, wo demnächst die Frauen Burka tragen müssten. Ich versuchte, seine Argumente mit Fakten zu entkräften, seine Ängste zu besänftigen, bis es aus ihm herausrutschte: Weder er noch seine Nachbarn wollten einen Moslem als Nachbarn. Nie im Leben käme das infrage. So deutlich hat mir das noch keiner gesagt. Er wollte einfach mit seinesgleichen unter sich bleiben.

Und dann gibt es da die anderen. Sie gehen auf Flüchtlinge und Fremde zu. Fragen, wie sie helfen könnten. Sie wollen auch unter ihresgleichen sein. Aber abseits von Status, Besitz und Titeln, ist das einfach Mensch sein. Sie versuchen, sich in die anderen einzufühlen, lassen sich berühren von der Müdigkeit, dem Hunger, der Trauer, der Verzweiflung, der Hoffnung und der Dankbarkeit ihres Gegenübers. Viele junge Menschen sind am Werk, auf Bahnhöfen, an Grenzen, in Flüchtlingsquartieren. Warum gelingt es vielen von ihnen besser, sich auf die Gäste einzustellen? 

Die Gäste zwingen uns zur Entscheidung: Lassen wir uns von unseren Ängsten leiten oder vom Mitgefühl? Die Ängste sind bei vielen da. Viele, die sich besonders stark fürchten, haben gar keinen direkten Kontakt zu AsylwerberInnen. Sie kennen nur Bilder und Texte aus Medien. Sobald die Angst aktiviert ist, entwickelt sie ein Eigenleben. Sie verzerrt die Wirklichkeit und schafft so eine neue Realität. Das heißt, die Angst wird handlungsleitend. Vorerst bei den meisten nur verbal. In vielen Diskussionen kann man erleben, wie explosiv die Gefühle sind, wie rasch sich manche in eine Apokalypse hineinreden. Wie gerne sie alle Beispiele aufgreifen, die man weder selbst erlebt noch überprüft hat, die aber belegen, dass man sich zu Recht fürchtet – vor Fremden, die unzivilisiert sind, mutwillig zerstören, unsere Bräuche nicht achten, aggressiv werden, religiösen Hochmut an den Tag legen oder eine nicht zu tolerierende Verachtung gegenüber Frauen. „Im Feld der Angst geht alles verkehrt“, sagt der Psychotherapeut und Theologe Eugen Drewermann. Daher treffen wir auch politisch Maßnahmen, die  scheinbare Sicherheit aufbauen: Zäune, Einschränkungen von Rechten, restriktive Maßnahmen gegen Gäste im Land. Wir wollen verhindern, dass sie sich im Land „festsetzen“, und werfen ihnen gleichzeitig vor, sich nicht integrieren zu wollen. Das Ergebnis ist eine veritable Paranoia. Sie wird begleitet von einer politischen Radikalisierung, die PopulistInnen und rechten DemagogInnen ein breites Spielfeld bietet. Das löst zwar keine Probleme, lässt aber zu, Dampf abzulassen, sich gegen einen gemeinsamen Feind zu formieren.

„Helfen zu können, macht uns menschlich“, plakatiert die Caritas. Wir haben auch die Möglichkeit, auf Mitgefühl statt auf Angst zu setzen, unseren Befürchtungen konkret ins Auge zu sehen: nämlich in Form eines Blicks in die Augen des Mitmenschen. Im Regelfall entspannt es jede Situation, offen auf andere zuzugehen. Zumindest kenne ich in meinem Umfeld niemanden, der oder die sich für AsylwerberInnen einsetzt und gleichzeitig mit Schaum vor dem Mund deren Abschiebung fordert. 

„Fürchtet euch nicht!“, rufen die Engel den Hirten zu, die in der Weihnachtserzählung als Erste vom Kind in der Krippe erfahren. „Fürchtet euch nicht“, zieht sich wie ein roter Faden durch die Lehren des Jesus von Nazareth. Fürchtet euch nicht, tut das Naheliegende und vertraut, dass sich für alles Weitere eine Lösung finden wird. Die Flüchtlinge im Land sind so etwas wie die Probe des Ernstfalls. Sie fordern uns heraus, Haltung zu zeigen. Lassen wir die Ängste in uns die Überhand gewinnen oder nehmen wir die Bedenken bei der Hand und führen sie mit dem Mitgefühl zusammen zur konkreten Tat?

Es gibt zu Weihnachten 2015 nichts, was ich mir mehr wünsche als die Entscheidung möglichst vieler Mitbürgerinnen und Mitbürger für das Mitgefühl. Helfen macht uns menschlich. Menschlichkeit ist die Grundlage unseres Zusammenlebens. Alles andere wäre eine wirklich düstere und dunkle Zukunft, die ich niemand und schon gar nicht mir selbst wünschen möchte. 

Christine Haiden ist überzeugt, dass Angst ein schlechter Ratgeber ist. Besonders wenn unsere Menschlichkeit gefragt ist.

Was ist Haltung?

  • Nein, es geht nicht darum, aufrecht zu sitzen. Haltung hat etwas mit Einstellung zu tun, mit Werten, mit unserer Lebensführung und letztlich mit Verantwortung.
  • Haltung ist Bezogenheit zu sich selbst, zu anderen, zur Welt. Voraussetzung dafür sind individualisierte Persönlichkeiten. Für welche Haltungen wir stehen, braucht Reflexion und auch Distanz zur Meinung anderer.
  • Haltung zeigt sich im Endeffekt immer in Handlung, im konkreten „Wie“. Darin spiegeln sich Freiheit und Verantwortung gleichermaßen.
  • Haltungen können eingeübt werden und werden im Vollzug auch ständig aktualisiert. Liebe und Freundschaft gelten als Grundhaltungen des Menschen, die aus dem Erleben von Andersartigkeit und Bezogenheit entstanden sind.

Was ist Ihre Meinung dazu? Schreiben Sie uns! meinemeinung@welt-der-frau.at

Erschienen in „Welt der Frau“ 12/15 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at