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Katholisch - ein Auslaufmodell?
Wenn die Kirche sich nicht ändert, tun es die Gläubigen. Die einen kehren ihr den Rücken, die anderen werden fundamentalistisch, und dritte gehen lieber zum Ritualberater. Und was bleibt übrig?

Eine Frage zu Beginn: Wie viele unter 40-Jährige kennen Sie, die regelmäßig oder zumindest ab und zu einen katholischen Sonntagsgottesdienst besuchen? Stimmt meine Beobachtung aus meiner Heimatpfarre mit dem Durchschnitt überein, sind das maximal fünf von hundert MessbesucherInnen. Der große Rest trägt Grau und Weiß, zumindest auf dem Kopf. Diese Generation ist es auch, die sich an den Diskussionen um die Zukunft der katholischen Kirche am eifrigsten beteiligt. Die Herren der Pfarrerinitiative sind großteils jenseits der sechzig, und jene, die dazu schweigen – die Bischöfe -, sind es auch. Die Grauen Panther der Glaubensweitergabe bekommen glänzende Augen, wenn sie davon erzählen, was sie geprägt hat: der Aufbruch nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Macht die Fenster auf, lasst frische Luft herein, rhythmische Messen und Ministrantinnen, Priester in Zivilkleidung und Frauen am Predigtpult: Alles schien möglich. Längst haben sich die Vorzeichen gedreht. Es scheint wieder enger zu werden in den Reihen. Die liberalen TheologInnen werden gemaßregelt, die Piusbrüder versucht man zu rehabilitieren. Die Ordination von Frauen ist weiter weg denn je und die Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene bleibt ein Gnadenakt.

In den 1990er-Jahren versuchte das Kirchenvolksbegehren mit der Unterstützung von mehr als einer halben Million Menschen Bewegung in die Strukturen zu bringen. Vergeblich. Alle Dialoge blieben Einbahnstraßen für BittstellerInnen.

Daraus haben viele ihre Konsequenzen gezogen. Sie treten aus oder ziehen sich zurück. Meist braucht es dafür nur mehr einen konkreten Anlass, und den lieferten Bischofsernennungen und Missbrauchsskandale wie von selbst. Die zunehmende Entfremdung zwischen Hirten und Herde, um bei einem kirchenintern noch immer gebrauchten Bild zu bleiben, wird spätestens in zehn Jahren noch viel dramatischere Konsequenzen haben. Viele Kinder werden zwar noch getauft, aber nicht mehr an die Geschichten, Rituale und Regeln der Glaubensgemeinschaft gewöhnt, sie werden nicht mehr davon geprägt. Die Kirchenlieder klingen nicht in ihren Seelen, die Gebete memorieren sich nicht von selbst, die Feiertage sind vielleicht noch ein Angebot, mehr nicht – geschweige denn, dass Vorschriften wie Pillenverbot oder Beichtverpflichtung noch Wirkung entfalten.

Die Antwort derer, die Bestehendes verteidigen, ist einfach: Das alles kommt daher, dass die Menschen zu wenig entschieden glauben, dass in den Familien auf religiöse Erziehung nicht geachtet wird und dass, ganz pauschal, der Konsum und die Verweltlichung alle im Griff haben. Die ReformerInnen sehen das genau umgekehrt. Sie meinen, erst tragfähige Strukturen, lebendige Gemeinden, gute Seelsorgerinnen und Seelsorger machten Glauben möglich. Keiner glaube für sich allein, und das Flugfeld des Heiligen Geistes sei kein Vogelkäfig. Zusammenführen lassen sich diese beiden Positionen kaum. Schon gar nicht in einer Struktur, die nicht auf Dialog, sondern auf Anweisung angelegt ist. Wie wird das weitergehen?

Viele meinen, es sei an der Zeit, dass die katholische Kirche an Macht und Einfluss verliere, schließlich sei die Zeit des Staatskirchentums längst vorbei. Andere sehen das Problem grundlegender, und zwar darin, wie man unter den Bedingungen der heutigen Zeit überhaupt glauben und von Gott reden könne. Die dem herrschenden System Verbundenen setzen auf „entschiedene KatholikInnen“, also solche, die ohne Wenn und Aber akzeptieren und leben, was das Lehramt ihnen vorschreibt.

Mit etwas Optimismus könnte man meinen, katholisch zu sein werde immer bunter, immer vielfältiger möglich. In der Kirche und außerhalb. Pessimistisch betrachtet lässt sich befürchten, dass infolge einer nicht änderungsbereiten Struktur die Schätze des Christentums endgültig archiviert werden.
Wahrscheinlich ist, dass wir schon in absehbarer Zeit eine drastische Verknappung der finanziellen Mittel der katholischen Kirche erleben werden. Das wird den Personalmangel verstärken. Dann wird sich zeigen, wie kraftvoll die Botschaft des Christentums wirklich ist und ob sie auch ohne die Macht einer Institution lebendig bleibt. Darauf bin ich dann doch sehr gespannt.

 

Christine Haiden gehört der Generation an, die noch ganz katholisch sozialisiert wurde. Diese Verbundenheit prägt.

 

Kirchenreform-Bewegungen – Ein Überblick

  • Reformen begleiten die katholische Kirche seit Anbeginn. Viele Orden entstanden im Lauf der Kirchengeschichte als Reformbewegungen.
  • Im 20. Jahrhundert gilt das Zweite Vatikanische Konzil (ab 1962) als große innerkirchliche Reform.
  • Mitte der 1990er-Jahre entstand in Österreich das „Kirchenvolksbegehren“. Mehr als eine halbe Million UnterstützerInnen forderten Strukturreformen. Keine der Forderungen wurde bisher umgesetzt.
  • Seit 2011 fordert eine Pfarrerinitiative ähnliche Reformen, vor allem eine Änderung der Zugangsbestimmungen zum Weiheamt.
  • Einen guten Überblick bietet das Buch „Katholische Reformbewegungen weltweit“ von Susanne Preglau-Hämmerle (Hg.) aus dem Tyrolia Verlag.

 

Was ist Ihre Meinung dazu? Schreiben Sie uns!

meinemeinung@welt-der-frau.at

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 4/2012 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at

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