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Mein Körper, das offene Buch?
Die moderne Elektronik verspricht viel: Wir können alles wissen. Über uns, die Welt und alle FreundInnen – Daten und Fakten ohne Ende. Nun beginnt die ständige Vermessung des Körpers. Nicht nur der Blutdruck, auch die Erholung während des Schlafes, die Schritte pro Tag oder die versteckten Fettdepots werden aufgespürt und in Zahlen verwandelt. Wird uns das zu besseren Menschen machen? Oder nur noch mehr stressen?

Was haben die nur ständig Wichtiges in ihren Handys zu lesen? Die jungen Leute im Seminar, das ich zu halten hatte, waren unaufhörlich beschäftigt. Sie waren weder Führungskräfte noch hochrangige PolitikerInnen, aber ihre Geschäftigkeit an den Smartphones erweckte den Eindruck höchster Bedeutsamkeit. Es dauerte, bis ich begriff, dass sie die meiste Zeit im sozialen Netzwerk „Facebook“ unterwegs waren. Minütlich wurde abgerufen, was jemand von den „Friends“ gepostet hatte. Die besonders gut Vernetzten twittern außerdem noch, das heißt, sie setzen ständig Kurzmeldungen ab. Da man nicht im Sekundentakt Bedeutsames erlebt, dürfte der Entbehrlichkeitsfaktor dieser Meldungen relativ hoch sein.

Wer allerdings nicht dabei ist, weder auf Facebook noch auf Twitter, der ist, entschuldigen Sie den harten Ausdruck, gesellschaftlich bereits tot. Mausetot. Kein Schwein interessiert sich mehr für ihn. Da bleibt ihm dann nur mehr, mit sich selbst Kontakt aufzunehmen. Und auch da ist die moderne Elektronik hilfreich. Langsam pirschen sich ganz neue Geräte an, die uns versprechen, alles über unseren Körper preiszugeben. Da werden Applikationen für Smartphones entwickelt, die über Gewicht, Puls, seelisches Wohlbefinden oder den Schlafrhythmus Auskunft geben. Ständig. Meine Eltern messen täglich ihren Blutdruck, sie haben es beide etwas mit dem Herzen. In Zukunft werden sie die ersten Stunden des Tages nur mit der Erhebung der Daten verbringen. Wie ist der Grad der Verdauung der Speisen, gibt es Veränderungen im Gehirn, die auf eine kleine Depression oder, Gott bewahre, sogar auf einen beginnenden Schlaganfall schließen lassen, wie viele Schritte sind sie heute schon gegangen zwischen Bett, Waschmaschine und Küchenkastl. Das alles wird sie beunruhigen oder auch nicht, denn die neuen Geräte geben uns sofort auch normierte Vorschläge, was nun zu tun ist. „Noch 7.435 Schritte bis zum Tagesoptimum“, „Bitte trinken Sie drei Liter Kräutertee in den nächsten 20 Minuten“, „Nehmen Sie drei Aspirintabletten oder suchen Sie unverzüglich Ihren Arzt auf“ – und so fort. Klingt alles sehr surreal? Wenn wir uns da bloß nicht täuschen! Die neuen Geräte, entwickelt von technikverliebten jungen IngenieurInnen und cleveren GeschäftemacherInnen, werden schon bald als Geschenke unter dem Christbaum landen. Denn erstens ist Gesundsein sowieso Pflicht, und wer zuwiderhandelt, wird mit sozialer Ächtung bestraft: „Schau dir die Blade an!“ Oder: „Was, krank sind Sie? Haben Sie zu wenig auf sich geschaut?“ Und zweitens wird der Druck, die Technik zu nützen, womöglich auch Krankenkassen und Versicherer auf neue Ideen bringen.

Nun geht es nicht darum, alles, was neu ist, abzulehnen. Es spricht auch nichts dagegen, gut auf sich zu schauen. Aber es spricht viel dafür, die Logik von Computerprogrammen kritisch zu hinterfragen. Medizinische Erkenntnisse sind keine heiligen Schriften. Vieles weiß man nur vorläufig. Gerade im Bereich von Ernährung ändern sich die Imperative ständig: Esst kein Schweinefleisch! Esst Fett doch! Esst fünfmal am Tag! Esst am Abend nichts! Esst, wann es euch freut – und so fort. Körper, Geist und Seele sind in einem komplexen Wechselspiel, das ein für niemanden durchschaubares Ganzes ist. Mathematische Berechnungen von elektronischen Geräten, sogenannte Algorithmen, können zwar viele Verknüpfungen bilden, aber bei Weitem nicht alle, die der Komplexität eines Organismus entsprechen. Vor allem aber sind sie in ihrem Wissen abhängig von jenen, die ein Vorwissen haben und das programmieren. Für die NutzerInnen der Geräte ist das hinter den Empfehlungen von Maschinen liegende Wissen nicht nachvollziehbar. Denken Sie nur an Navigationsgeräte im Auto, die man manchmal lieber wegschalten sollte, um nicht in einer Sackgasse zu landen. Reichlich ungeklärt ist außerdem, was mit den erhobenen Daten geschieht. Die Anbieter der technischen Zusatzmöglichkeiten sind private Firmen. Sie leben davon, Daten an WerbekundInnen zu verkaufen. Kommt mit der Aufforderung, mehr zu gehen, gleich die Werbung einer Schuhmarke und eines Sportartikelhauses dazu?

Ich plädiere jedenfalls für Skepsis, wenn es um die Eigenvermessung des Körpers durch technisches Gerät geht. Es könnte ein Schritt sein, der vom Wesentlichen ablenkt: den eigenen Wahrnehmungen und dem sogenannten Hausverstand zu trauen.

 

Christine Haiden sieht technische Geräte grundsätzlich als Nutzen, sofern sie nicht beginnen, den Menschen Vorschriften zu machen.

 

„Quantified Self“: Vermiss dich selbst

  • Selbsterkenntnis durch Maschinen versprechen TechnikjournalistInnen wie der Amerikaner Gary Wolf. Sie verbreiten die Kunde von neuen Möglichkeiten, die es in Form von Applikationen auf Smartphones erlauben, ständig Körperwerte abzurufen und diese zueinander in Beziehung zu setzen.
  • Was bei chronisch kranken PatientInnen und mit medizinischer und wissenschaftlicher Begleitung sinnvoll sein kann, ist im Selbstversuch umstritten. Eine unhinterfragte „Selbstoptimierung“ könnte die Folge sein und den Stress verstärken.
  • Die technischen Anwendungen laufen auch unter den Überschriften „Self-Tracking“ und „Self-Hacking“.

 

Was ist Ihre Meinung dazu? Schreiben Sie uns!

meinemeinung@welt-der-frau.at

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 1/2013 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at

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