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Muss Familie eindeutig definiert sein?
Homo-Ehe, Patchworkfamilien, wilde Ehen, wiederverheiratete Geschiedene – die Vielfalt an gelebten Familienformen ist groß geworden. Wie gehen Kirchen damit um, die ganz eindeutig proklamieren, was richtig ist?

Die Evangelische Kirche in Deutschland debattiert heftig. Ihr gemeinsamer Rat hat eine „Orientierungshilfe“ zum Thema „Familie“ erstellt. Darin ist die lebenslange Ehe mit Kindern nicht mehr als Leitbild, sondern als eine von vielen möglichen Lebensformen beschrieben. Seither gehen die Wogen hoch. Jene, die sich um die lebenslange Ehe bemühen, fühlen sich brüskiert. Jene, die theologisch eindeutig in der heterosexuellen Partnerschaft angesiedelt waren, verstehen die Welt nicht mehr. Und am Ende bleibt die Frage: Ist das noch im Sinne des Evangeliums, im Geist Jesu Christi?

Die evangelische Kirche ist grundsätzlich anders verfasst, kennt weder zentrales Lehramt noch Dogmen, und die Ehe ist hier außerdem kein Sakrament.

Aber die oben erwähnte Debatte hätte auch das Zeug, im katholischen Milieu geführt zu werden. Hier lebt man die Vielfalt anders. Das römische Lehramt hält an der gemischtgeschlechtlichen, lebenslangen und sakramental unauflöslichen Ehe fest. Selbst wenn viele Mitglieder das nicht leben oder nicht mehr leben können. Diese anderen Lebensformen werden dann geduldet, von HardlinerInnen auch verworfen. Aber niemand außer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im kirchlichen Dienst hat echte Unbill zu erwarten, wenn er anders lebt.

Das löst allerdings nicht die Frage, wie der Familienbegriff auch in katholischer Schreibweise weiterentwickelt werden kann. Wie wird man denen gerecht, die beispielsweise als gleichgeschlechtliches Paar einander in Liebe, Achtung und Ehrung verbunden sind, die Treue und lebenslangen Beistand leben? Wie wird man jenen gerecht, die in Scheidungsfamilien sich nicht nur um die eigenen, sondern auch um die angeheirateten Kinder des Partners kümmern? Wie bekommt das Scheitern einen angemessenen Platz in der katholischen Welt und wie die Unvollkommenheit?

Die Spannung, in der sich die Frage nach Familie heute bewegt, ist größer kaum zu denken. Einerseits äußern viele junge Menschen den Wunsch nach einer lebenslangen Beziehung, nach stabilen Verhältnissen, die Familie möglich machen. Andererseits ist die moderne Welt mobil, nicht nur räumlich und beruflich, sondern auch emotional. Die Bereitschaft, Opfer zu bringen, ist weit weniger groß, seit der soziale Druck, unter allen Umständen beisammen bleiben zu müssen, nahezu gegen null geht. So steht die katholische Kirche auf der einen Seite mit ihrem großen Ideal, und auf der anderen Seite stehen viele Menschen mit ihrem tatsächlichen Leben. Wie lässt sich das verbinden?

In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erlebte die kirchliche Ehe- und Familienberatung eine Hochblüte. Viele suchten das wertgebundene Angebot auf dem Weg über die zahlreichen Hürden eines langen gemeinsamen Weges. Wer heute die Regale der Buchhändler nach christlich fundierter Familienberatung durchstöbert, kommt entweder zu fundamentalistisch katholischen Ratgebern oder zu esoterisch verwaschener „Hauptsache, es geht mir gut“-Literatur. Im Mittelfeld, in der Vermittlung der Welten: gähnende Leere.

Der Vorstoß der evangelischen Kirche zeigt, dass die Rede über die Verknüpfung von Kirche und Welt in Fragen von Ehe und Familie höchst notwendig ist. Wenn die Kirchen in den existenziellen Fragen keine Orientierung mehr sind, schwindet ihre Lebensrelevanz zunehmend.

Was ist zu tun? Ein mutiger Schritt wäre, im kirchlichen Bereich offen über die vielfältigen Familien- und Lebensformen zu sprechen, sie bewusst wahrzunehmen, in all ihren Dimensionen, auch spirituell und theologisch. Eine wichtige erste Folge könnte sein, dass das Sichtbarmachen der Vielfalt die Herzen öffnet. Beispielsweise für die Frage, wie die Sakramente für Menschen in Beziehungen künftig verstanden werden können.

Die große Gefahr für christliche Gemeinschaften ist, dass sie zu bloßer Dekoration für schöne Feste verkommen, aber in der Substanz wenig beizutragen haben, wenn Menschen den Segen Gottes für ihre Liebe suchen. Dem sollte man mit einer offensiven Diskussion begegnen. Vielleicht stellt man am Ende fest, dass es auch bei Familien zuerst darum gehen muss, was gelebt wird, und in zweiter Linie erst um die Form.

 

Christine Haiden hält eine kirchliche Debatte über einen zeitgemäßen Familienbegriff für notwendig.

 

Familie deu denken?

  • „Ein normatives Verständnis der Ehe als ‚göttlicher Stiftung‘ und eine Herleitung der traditionellen Geschlechterrollen aus der Schöpfungsordnung entsprechen nicht der Breite des biblischen Zeugnisses.“
  • Was verschlüsselt klingt, heißt nicht weniger, als dass sich niemand auf eine sogenannte natürliche oder göttliche Ordnung berufen kann, wenn es um Ehe und Geschlechterrollen geht.
  • Diese Aussage der Evangelischen Kirche in Deutschland hat viel Staub aufgewirbelt. In deren „Orientierungshilfe“ zum Thema „Familienleben heute“ ist Familie denn auch in einer sehr breiten Vielfalt denkbar. Sie wird zu einem „sinnstiftenden Lebensraum und Ort verlässlicher Sorge“. In der konkreten Ausgestaltung wird das Tor weit geöffnet.

 

Was ist Ihre Meinung dazu?

Schreiben Sie uns! meinemeinung@welt-der-frau.at

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 9/2013 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at

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