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Scham, ein unterschätztes Gefühl?
Nackt zu posieren, gehört heute fast schon zum guten Ton, und Medien wie Facebook legen uns nahe, dass wir alles über uns erzählen sollen, so privat kann es gar nicht sein. Doch dann rasten plötzlich Menschen aus, weil sie sich beschämt fühlen. Sollten wir Scham wieder ernster nehmen?

Die indische Familie Saldanha musste im Dezember 2012 den Tod ihrer Mutter beklagen. Sie hatte sich das Leben genommen. 46-jährig. Jacintha war Krankenschwester gewesen in einem noblen Privatkrankenhaus in London. Sie stammte aus einer armen christlichen Familie im Süden Indiens. Sie schickte den Großteil des Ersparten nach Hause, um ihren Verwandten das Überleben zu sichern. Im vergangenen Jahr wollte sie mit ihrem Mann und den beiden jugendlichen Kindern die Reisekosten zu Weihnachten sparen und in London bleiben. Stattdessen flog im Advent die Familie mit dem Sarg der Toten zurück in die Heimat, um sie dort zu bestatten. Jacinthas Tod war ein Versehen, war die Folge eines Scherzes. Damit hatte niemand gerechnet – dass sie sich buchstäblich „zu Tode schämen“ würde.

Die Geschichte ist inzwischen allgemein bekannt: Jacintha war jene Krankenschwester, die ans Telefon ging, als Moderatoren eines australischen Radiosenders anriefen, um mit verstellter Stimme als Königin Elizabeth bzw. Prinz Charles Auskunft über den Zustand der gerade im Krankenhaus weilenden schwangeren Herzogin Kate zu bekommen. Jacintha ging den Spaßvögeln auf den Leim. Zwei Tage lang lachte die ganze Welt über diesen Gag, und alle Medien hängten sich schenkelklopfend an. Am dritten Tag erhängte sich Jacintha.

Trägt nun irgendjemand dafür Verantwortung? Es wäre maßlos, die Moderatoren dafür zu belangen. Sie waren selbst zutiefst erschrocken, sie haben ihren Job verloren und sich entschuldigt. Es war einfach „Gedankenlosigkeit“, mangelndes Feingefühl, dass die Betroffene den Scherz auf ihre Kosten als Beschämung, mit der man nicht mehr weiterleben kann, empfinden könnte.

Es lohnte sich, noch etwas länger nachzudenken, denn irgendwo betrifft die Frage nach der Schamgrenze uns alle. Was ist unsere eigene Schamgrenze und was können wir anderen zumuten? Meist überschreitet man Schamgrenzen ganz unbewusst. Weil man die Grenzen der anderen nicht kennt oder die eigenen nicht ernst genug nimmt. Wer alles richtig machen will und öffentlich auf Fehler hingewiesen wird, möchte am liebsten „im Boden versinken“. Wer Wert auf Rangordnungen legt und respektlos behandelt wird, fühlt sich „erniedrigt“. Der, auf den man mit dem Finger zeigt, weil er sich in den Augen anderer seltsam benimmt oder einfach nur unpassend gekleidet ist, möchte am liebsten „unsichtbar“ werden.

Viele denken bei Scham nur an den Körper, an Sexualität. Da mussten zu Recht Schamgrenzen verändert werden, um einen selbstverständlicheren Umgang mit sich selbst zu gewinnen.

Aber Scham geht viel weiter. Sie hat etwas damit zu tun, ob, wie und wie lange wir es aushalten, angesehen zu werden. Wer sich für gar nichts schämt, hält meistens auch den Blicken aller stand, egal, ob sie freundlich oder feindlich sind. Es gibt sogar Berufe, die ein unglaubliches Maß an Späßen mit ihrer öffentlichen Person aushalten müssen, man denke an PolitikerInnen oder KünstlerInnen. Wäre deren Schamgrenze sehr niedrig angesetzt, könnten sie ihren Beruf nicht ausüben. Ganz zu schweigen von der schamlosen Beschimpfungskultur, die sich in sozialen Medien entwickelt und den euphemistischen Namen „Shitstorm“ trägt. Da sagt man unter dem Schutz von Pseudonymen alles über andere. Schäme sich, wer nichts Besseres zu tun hat.

Der traurige Fall der indischen Krankenschwester sollte unsere Aufmerksamkeit auch auf die interkulturellen Unterschiede in Fragen der Scham lenken. Es stünde uns gut an, zu lernen, dass Schamgrenzen von MitbürgerInnen anderer kultureller Prägung sich von unseren unterscheiden.In den letzten Jahren hat die Vokabel „fremdschämen“ Eingang in unsere Sprache gefunden. Der Begriff meint, dass einem das Tun oder Verhalten anderer peinlich ist, dass man sich am liebsten dafür entschuldigen würde. So schlecht ist dieser Ansatz gar nicht. Wenn wir uns „fremdschämen“, können wir zumindest unsere eigenen Grenzen reflektieren – und uns eingestehen, dass Scham in allen von uns ist. Und dass sie sein darf und kein Markenzeichen von Spaßbremsen oder „Klemmis“ ist. Scham ist Teil unseres Menschseins. Wir müssen uns dafür nicht genieren.

 

Christine Haiden kennt das Gefühl der Scham – es ist dort, wo das Unsagbare beginnt.

 

Scham – wenig erforscht

  • Während es über Schuldgefühle in der psychologischen Literatur viele Abhandlungen gibt, sind Schamgefühle verhältnismäßig wenig beschrieben.
  • Eine Definition könnte lauten: „Scham ist die mit Schmerzen verbundene Überzeugung von der eigenen schwerwiegenden Unzulänglichkeit als menschliches Wesen.“
  • Wer sich schämt, stellt sich als ganze Person infrage. Das zeigt sich in körperlichen Reaktionen wie einem gesenkten Blick oder dem Erröten.
  • Beschämte Menschen ziehen sich zurück und wollen sich verstecken. Sie werden von Gedanken völligen Versagens gequält und rechnen damit, von allen verlacht und verachtet zu werden. Verletzungen der Scham heilen langsam oder nie.

 

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Erschienen in „Welt der Frau“ 2/2013 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at

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