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Sind Männer die besseren Revolutionäre?
Es mag nach einer provokanten These klingen. Doch Politik wird nicht nur mit dem Kopf, sondern viel mit dem Bauch gemacht. Einen neuen Blick auf Revolutionen zu werfen, indem Sehnsüchte und Triebe berücksichtigt werden, ist mein Zugang.

Will man die Politik verstehen, muss man die Natur des Menschen begreifen. Diese Einsicht lehrte mich so manche berufliche Erfahrung. Als im Vorjahr die arabischen Revolutionen begannen, verfolgte ich mit Freude und Sorge die Ereignisse. Endlich wurde in diesen verknöcherten Diktaturen, die der Westen als Garanten der Stabilität hofierte, etwas aufgewirbelt. Die Jugend hatte einen Damm an Unterdrückung und Angst durchbrochen. Die Menschen insgesamt begehrten auf. Es gab viele Gründe für diese Revolutionen. Die Korruption der Machthaber, die demografische Explosion, die wirtschaftliche Not etc.

Ein Thema ging mir aber von Anbeginn nicht aus dem Kopf, da ich es über Jahrzehnte beobachtet hatte: die Unmöglichkeit für Hunderttausende Männer, zu heiraten bzw. eine Freundin zu haben, ihre Sexualität leben zu dürfen. Die Hürden ergeben sich aus wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zwängen, wie die teure Hochzeit. Die strenge Sittenmoral in einigen islamischen Ländern untersagt außereheliche Beziehungen zwischen Mann und Frau, woran sich jene nicht halten, die es sich leisten können. Daraus resultiert eine tiefe Frustration. In vielen Debatten während des Arabischen Frühlings diskutierte ich mit GesprächspartnerInnen die Frage, ob dieser nicht ausgelebte Trieb einer der vielen Faktoren für den politischen Flächenbrand sein konnte. Denn es handelt sich um eine Form männlicher Energie, die das Geschlechtshormon Testosteron entstehen lässt.

SoziologInnen, LehrerInnen und auch junge Frauen, die als Demonstrantinnen der ersten Stunde mit dabei waren, sollten meine These bestätigen und mit interessanten Details bereichern. Als die Panzer in die Menge rollten, suchten viele Frauen das Weite, junge Männer zwischen 18 und 30 Jahren warfen sich ins Gefecht. Ein Grund für diese Risikoverblendung mag ein hormoneller sein. Testosteron sorgt für Risikobereitschaft, die Frauen in der Form nicht haben. Es sind junge Männer, die sich bei uns im Geschwindigkeitsrausch in den Tod befördern. Frauen würden wohl alles tun, um die Nachkommenschaft zu retten. So war auch die Französische Revolution, die als Brotrevolte 1789 begann, eine zunächst von Müttern getragene. In der Geschichte lassen sich viele Beispiele finden, wie ein Überschuss von arbeitslosen jungen Männern, die sich keine Familie leisten konnten, zu Gewaltausbrüchen und Zeitenwenden führte.

So begriff die Kirche im 11. Jahrhundert das soziale Problem der Zweitgeborenen ohne Erbrecht. Sie waren ohne Aufgabe, aber mit viel Kampfeskraft ausgestattet. Die Kreuzzüge ermöglichten ein fatales Umlenken dieser männlichen Energie. Sie durften plündern, Jerusalem befreien, und ihre Sünden waren vergeben. Ähnlich verhält es sich mit den globalen Dschihadisten, die nun vom Irak nach Syrien ziehen. Von islamistischen Predigern wird ihnen das Paradies versprochen, daheim wären sie vielleicht im Slum. Europa entledigte sich regelmäßig überzähliger junger Männer, indem sie in die Kolonien geschickt wurden. Die besonders Risikobereiten, die zu Hause gar auf die falsche Bahn geraten wären, wurden in Afrika reich.

Die Revolutionen von 1848 waren oft von Junggesellen getragen, die sich keine Braut leisten konnten. Wer der Verhaftung und Exekution in Europa entkam, flüchtete in die USA. Dort vergrößerten diese „Forty-Eighters“ nochmals den Männerüberschuss des Wilden Westens. Für manche HistorikerInnen einer der Gründe für die Gewalt in den damals jungen USA. Den Blick in die Zukunft gerichtet, können wir uns ausmalen, in welches Dilemma Indien und China noch rutschen werden. Denn „Gendercide“, die systematische Tötung von Mädchen, hat bereits einen Männerüberschuss mit brisanten Folgen provoziert.

Nun sollte aber Testosteron nicht bloß mit Aggressivität und Streben nach Dominanz, wie wir dies auch aus der Tierwelt kennen, assoziiert werden. Dieses Hormon steht für Verantwortung und Fürsorge. Dass freiwillige Helfer oft mehr Nachwuchs haben, wie eine Studie nachweist, verwundert mich nicht.
Weder möchte ich mit dieser These die arabischen Revolutionen auf eine Hormonexplosion herunterbrechen, noch lässt sich Weltpolitik durch die Brille der Endokrinologie, der Hormonwissenschaft, erklären. Doch ein anderer, ein biochemischer Blick auf Revolution und Zeitenwende möge erlaubt sein.

 

Zur Autorin: Dr.in Karin Kneissl publizierte ihre Untersuchung in dem Buch „Testosteron Macht Politik“ (152 Seiten), Braumüller Verlag Wien, Euro 22,90.

 

Alles eine Frage der Hormone?

Das Geschlechtshormon Testosteron kommt bei Mann und Frau vor, doch ist der weibliche Testosteronspiegel ca. ein Zehntel des männlichen. Zum Konnex Durchsetzungsvermögen in den Vorstandsetagen und Testosteron wurde geforscht. Die Bedeutung gewisser Politiker und ihrer womöglich hormonell bestimmten Dominanz ist bekannt. Man denke an Silvio Berlusconi und Vladimir Putin. Nicht erforscht ist dieser hormonelle Aspekt, wenn es um Masse und Macht geht. Die aktuellen Revolutionen bieten viele Beispiele. Der Männerüberschuss in einigen asiatischen Staaten infolge der selektiven Abtreibung weiblicher Föten kann zu weiteren Umstürzen führen.

 

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Erschienen in „Welt der Frau“ 10/2012 – von Karin Kneissl

Illustration: www.margit-krammer.at

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