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Soll die Kirche bleiben, wie sie ist?
Rund um den Rücktritt von Papst Benedikt XVI. und die Wahl seines Nachfolgers wurden weltweit die Reformwünsche innerhalb der römisch-katholischen Kirche diskutiert. Muss der Glaube sich erneuern oder die Glaubwürdigkeit der Institution? Ein Streitfall geht in die nächste Runde.

Die Frauenfrage sei nur eine des Zeitgeistes. Und wer mit dem Zeitgeist gehe, bleibe als Waisenknabe zurück, sagte der ehemalige Abt des Stiftes Heiligenkreuz, Gregor Henckel Donnersmarck, in einem Radiogespräch anlässlich des Rücktrittes von Papst Benedikt XVI. Er und Gleichgesinnte lehnen alle Reformwünsche, die das Amt und die Verfassung der Kirche angehen, ab, vor allem auch jene nach Öffnung der Ämter für Frauen und nach Abschaffung des Pflichtzölibats für Weltpriester. Sie meinen, das eigentliche Problem der Kirche sei eine Erneuerung im Glauben. Alles andere sei sekundär. Dieses Argument klingt plausibel. Denn um des Glaubens willen gibt es die Institution Kirche.

Doch was zunächst so eindeutig klingt, ist es bei näherem Hinsehen nicht. Von welchem Glauben reden wir? Von einem Glauben, der die Bibel wörtlich nimmt, von einer Auslegung, die historisch-kritisch reflektiert, von einem Glauben, der sich gesellschaftspolitisch versteht oder einem Glauben, der sich im Dialog mit den modernen Wissenschaften definiert? Von einem Glauben, der nur dann „richtig“ ist, wenn er in den Strukturen des Vatikans des 19. Jahrhunderts gelenkt wird? Für viele Christinnen und Christen ist Glaube wohl am ehesten eine Übung im Vertrauen oder eine Hilfe in konkreten Lebenssituationen, freudvollen wie schmerzhaften.

Der Glaube ist das eine. Die Glaubwürdigkeit der Institution, die ihn vermittelt, das andere. Zu den Fragen der Glaubwürdigkeit einer Institution gehört heute, wie sie mit den Frauen umgeht. Das ist keine Frage des Zeitgeistes. In den Denkräumen der zweitausend Jahre alten Institution Kirche mögen dreihundert Jahre wenig sein. Aber mindestens seit Mitte des 18. Jahrhunderts wird über die Gleichstellung der Frauen in den europäischen Gesellschaften diskutiert. Seit einem Jahrhundert haben Frauen in den meisten Ländern Europas und Nordamerikas mit großer Konsequenz die volle rechtliche Anerkennung erreicht. Im öffentlichen Bereich ist eine Diskriminierung aufgrund des Geschlechtes undenkbar und auch ungesetzlich geworden. Inmitten dieser völligen Veränderung der Welt der Geschlechter steht nun die römisch-katholische Kirche wie ein Bollwerk. Selbst wenn sie mit ihrer Tradition und mit der Jesus-Ebenbildlichkeit der männlichen Kleriker argumentiert, kann sie damit nicht mehr auf das Verständnis des Großteils ihrer Gläubigen hoffen. Diese machen außerdem in den Pfarren die Erfahrung, dass viele Frauen, so man sie lässt, genauso vom Geist Gottes erfüllt ihren Dienst tun wie Männer. Bei vielen Pfarrassistentinnen und Pastoralassistentinnen ist das Kirchenvolk sogar der Meinung, man könne sie „ungeniert“ weihen. Anders als an der Kirchenspitze zählt im konkreten Alltag der Gemeinden weniger das Geschlecht eines Amtsinhabers als vielmehr dessen Kompetenz – die wiederum eine Mischung aus Glaube, Spiritualität, menschlicher Reife und Fähigkeit zur Vermittlung und zum Stiften von Gemeinschaft sein sollte.

Durch den Ausschluss von Frauen von den Weiheämtern der Kirche erhält das Geschlecht eine unangemessene Bedeutung für den Glauben. Wäre das Geschlecht bedeutungslos, kämen mehr als bisher die übrigen Qualifikationen von Weihekandidatinnen und -kandidaten zum Tragen. Und das ohnehin kleiner werdende Reservoir guter Leute würde schlagartig verdoppelt.

Derzeit zeichnet sich ab, dass die Frauenfrage weltweit an Bedeutung gewinnen wird. Denken wir nur an Indien und die massiven Proteste von Frauen gegen Gewalt. Denken wir an muslimische Länder, die im Zuge der gesellschaftlichen Umbrüche – Stichwort „Arabischer Frühling“ – mittelfristig eine starke Veränderung der Stellung der Frauen erleben werden.

Strukturen sind die Folge von Denken und Haltungen, aber nicht deren Ausgangspunkt. Daher sind sie, wenig überraschend, auch veränderbar. Wenn diejenigen, die innerhalb des Systems Kirche in den Schlüsselpositionen das Sagen haben, das System nicht verändern wollen, setzen sie alles aufs Spiel, den Glauben und die Glaubwürdigkeit. Tragen die Verantwortung dafür tatsächlich der Zeitgeist oder die ChristInnen, die anderer Meinung sind als ihre Kirchenleitung?

 

Dr. in Christine Haiden meint, dass die neue Leitung der katholischen Kirche auch deren Strukturen erneuern muss.

 


Eine Kirche der Menschen für die Menschen

  • Am 13. März 2013 wurde Kardinal Jorge Mario Bergoglio zum Papst gewählt. Franziskus I. überraschte bei seinem Antritt mit warmherzigen, bescheidenen Gesten.
  • Viele hoffen, dass sich mit ihm die Kirche wieder stärker auf ihren eigentlichen Auftrag besinnt: für eine menschenfreundlichere Welt im Namen eines menschenfreundlichen Gottes zu wirken. Da Menschsein unteilbar ist, geht es auch um die Überwindung kultureller, konfessioneller oder sexueller Barrieren. Von der Kirche wird erwartet, dass sie symbolhaft lebt, wofür sie steht. Die sogenannte Frauenfrage ist eine von vielen, die auch auf dieser Ebene neue Impulse brauchen.
  • Im Übrigen: Franz von Assisi hatte die heilige Klara an seiner Seite.

 

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Erschienen in „Welt der Frau“ 4/2013 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at

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