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Tetsch`n für die Kinder?
Auf der einen Seite brechen Missbrauchsskandale in Heimen auf, auf der anderen fordert ein österreichischer Politiker, Kinder mit Gewalt zu disziplinieren. Haben wir nichts dazugelernt?

Vor etlichen Jahren las ich von einer Mutter, den Namen habe ich vergessen, nennen wir sie der Einfachheit halber Elfriede, die sich berührende Fragen stellte. Sie erzählte, dass sie zu ihren drei Kindern, die sie liebte, dennoch ein Gefühl der Distanz hatte. Vor allem aber, dass sie sich selbst immer als eine erlebt hatte, die nicht angemessen auf Sorgen, Ängste und Kummer ihrer Kinder reagieren konnte. Was ihr wie eine schmerzliche Gefühllosigkeit schien, veranlasste sie zur Suche nach den möglichen Ursachen. Im Strang der Erklärungen fand sie auch eine historische Spur.

Sie war in den 1930er-Jahren geboren worden. Die wesentlichen Jahre ihrer Kindheit, die Zeit der ersten wichtigen Prägungen, fielen in die Zeit des Nationalsozialismus und des Krieges. Elfriedes Mutter hatte sich in der Erziehung ihres Nachwuchses an einem Bestseller der damaligen Zeit orientiert. Die Ärztin Johanna Haarer hatte mit dem Ratgeber zur Säuglingspflege „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ und einem zweiten Leitfaden, „Unsere kleinen Kinder“, die damaligen Erziehungsideale formuliert. Sie wurden in Mütterkursen an Millionen Frauen weitergegeben. Bis in die 1960er-Jahre wurden die Bücher publiziert und verbreitet. Haarer legte nationalsozialistische Ideale auf Kinder um. Diese mussten zu Sauberkeit, Härte und Unterdrückung der Gefühle erzogen werden – und das auch durch körperliche Strafen. So wurden Mütter beispielsweise gedrillt, schreiende Kinder nicht aus dem Bett zu nehmen, sie nicht herumzutragen, zu wiegen oder gar zu stillen. Sie mussten sich selbst beruhigen.

Körperkontakt zwischen Eltern und Kinder war als Tendenz zur „Verweichlichung“ verpönt. „A klane Tetsch’n“, die der FPK-Bildungssprecher Uwe Scheuch erst kürzlich wieder als Erziehungsmittel für LehrerInnen vorschlug, war jedenfalls möglich, aber auch eine größere Watschen und Züchtigungen. Elfriede ging, als sie Haarers Erziehungsbuch wieder las, ein Licht auf. So war sie erzogen worden. Und deswegen konnte sie ihre Kinder nicht trösten, wenn sie Zuspruch gebraucht hätten, deswegen blieb sie kalt in Augenblicken, wo sie diese Wärme nötig gehabt hätten.

Wer Eltern hat, die zwischen 1930 und 1945 geboren sind, sollte sich vergegenwärtigen oder sie zumindest gelegentlich fragen, was diese als Kinder erlebt haben, wie sie selbst erzogen worden sind. Eine Kindheit im Krieg, in einer Zeit des Massenmordens und der rohen Gewalt, musste auf Kinderseelen abfärben. Und nach dem Krieg die Konfrontation mit traumatisierten Soldatenvätern, ideologisch gescheiterten Eltern. Die Gefühle der Kinder wurden verkapselt und rationalisiert: „Wir haben nichts anderes gekannt. Für uns war das normal. Hat es uns geschadet?“ Als in den vergangenen zehn Jahren die Geschichten der „Kriegskinder“ erstmals aufgearbeitet wurden, machten AutorInnen wie Susanne Bode die Erfahrung, wie schwer diese Generation sich mit dem Zugang zu den eigenen Gefühlen tut. Nicht jeder hat wie Elfriede den Mut, den Schrank der eigenen Schmerzen zu öffnen und auch vor der eigenen Gefühllosigkeit zu erschrecken.

Jene, die Gewalt gegen Kinder direkt oder indirekt befürworten, müssen die Frage nach den eigenen Erfahrungen stellen. Wahrscheinlich haben sie Gewalt selbst als „normal“ erlebt und geben sie ohne nachzudenken weiter. Die Verantwortung dafür schiebt man von sich. Kinder bräuchten das, sagt man, und wie solle man sonst Disziplin herstellen. Manche Eltern erinnern sich gar nicht mehr, dass sie ihre Kinder gezüchtigt haben, und sie wollen weder Schmerzen noch Tränen der Kinder wahrgenommen haben. Darin liegt die Tragik dieser Verstrickung. Kindern, denen selbst Trost und Zuwendung versagt wurden, betrauern das nicht, sondern übernehmen die Interpretation ihrer Peiniger. „Es hat uns nur härter gemacht.“ Man könnte meinen, bald siebzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges sei das alles längst vorbei. Die Missbrauchsskandale und ihre halbherzige Aufarbeitung sowie die unverantwortbaren Aussagen eines Herrn Scheuch zeigen uns, dass dem nicht so ist. Wir müssen mindestens einmal noch genauer hinschauen.

 

Christine Haiden ist selbst das Kind von Kriegskindern – und überzeugt, dass man seine Eltern verstehen muss, um selbst handlungsfähig zu werden.

 


Gewalt in der Erziehung – eine lange Geschichte

  • Bis zum Jahr 1977 galt in Österreich das „Züchtigungsrecht“ der Eltern. Seit 1989 gilt in Österreich das absolute Gewaltverbot in der Erziehung. Damals hat Österreich die UN-Kinderrechtskonvention ratifiziert und das „Gewaltverbot“ des Paragrafen 146a des Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches mit Sanktionen versehen.
  • Seit 1974 sind durch das Schulunterrichtsgesetz körperliche Züchtigungen, beleidigende Äußerungen und Kollektivstrafen verboten.
  • Man geht davon aus, dass rund 30 Prozent der Eltern in Österreich ihre Kinder tatsächlich gewaltfrei erziehen. In Schweden sind es 76 Prozent. Fast die Hälfte der Eltern setzen noch immer Ohrfeigen als Sanktionen ein.

Quelle: www.kinderrechte.gv.at

 

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Erschienen in „Welt der Frau“ 78/2012 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at

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