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Verweigern Männer die Realität?
Eine neue Ausgabe des „Frauenbarometers“ zeigt, dass Männer die Erfolge der Gleichberechtigung wesentlich optimistischer sehen als Frauen, ihre eigene Rolle eingeschlossen. Ein Fall für den Psychologen oder eine notwendige Korrektur weiblicher Perspektiven?

Manchmal ist man geneigt, den Konstruktivisten völlig recht zu geben. Sie meinen – etwas vereinfacht gesagt – dass real ist, was wir dafür halten. Wir legen uns zurecht, was wir sehen wollen, und blenden den Rest gnadenlos aus. Das gilt für Männer wie Frauen, und es hört nicht auf in den Zonen des gemeinsamen Lebens. Ein durchschnittlich männlich modelliertes Bild schaut so aus: Ich verdiene den Großteil des Familieneinkommens, mache mittlerweile im Haushalt fast alles so intensiv wie meine Frau, pflege die Oma, wickle die Babys und fahre mit dem Staubsauger durch das Wohngelände. Überdies muss ich in der Politik oder bei der nächsten Beförderung ganz schon strampeln, mich oben zu halten, denn die Frauen sind mittlerweile überall. Und gefördert und quotiert sind sie noch dazu. Fragt man das weibliche Pendant, erhält das Bild ganz andere Schattierungen: Ich habe zwar bei der Ausbildung gute Bedingungen, aber beim Einkommen und den Aufstiegsmöglichkeiten bremsen uns die Männer noch ganz schön aus. Gründen wir eine Familie, hilft er mir bei Kindern und Haushalt, aber selbstverständlich verantwortlich fühlt er sich nicht. Und wenn ich sage, dass die Lasten ungleich verteilt sind, ist er genervt, was wir Frauen hätten, immer zu jammern, das sei doch längst nicht mehr so. Wessen Blick auf die Realität stimmt?

Das „Frauenbarometer“, von der österreichischen Frauenministerin vierteljährlich in Auftrag gegeben, erhebt die Befindlichkeiten zu Fragen der Gleichstellung. Es enthält meist wenige Überraschungen, die größte ist, wie weit die Einschätzungen von Frauen und Männern auseinanderklaffen. Im Durchschnitt schätzen Männer die Lage von Frauen um mehr als zehn Prozent positiver ein als jene selbst. Woran liegt das?

Womöglich verstehen beide etwas anderes unter Gleichberechtigung. Vielleicht sehen Männer Gleichberechtigung relativ und Frauen absolut? Will heißen, dass Männer sich selbst als Maßstab nehmen, denn aus dieser Sicht haben Frauen schon unglaublich aufgeholt. Das heißt, sie sehen die Fortschritte der Frauen von einer Warte, auf der sie selbst immer schon gestanden sind. Sie beobachten, wie Frauen die Berge der öffentlichen Bedeutsamkeit heraufkraxeln, aber sie kommen ihnen kaum entgegen. Im Gegenzug thronen für sie die Mamas auf dem Gipfel der familiären Zuständigkeiten. Den wollen sie gar nicht so unbedingt erklimmen, weswegen die Verhandlungen zäh laufen. Für beide Gipfel. Männer werden demnächst einen Papamonat verpflichtend für die Betreuung ihres Nachwuchses einsetzen müssen, Frauenquoten für Führungspositionen quälen sich beständig durch die Schlagzeilen, aber so richtig überzeugend gleich wird das nicht.

Frauen, die ihr Leben jeweils nicht abhängig von einem Mann, sondern als eigenständiges Wesen definieren, sehen naturgemäß einiges kritischer als andere. Weder wollen sie sich vorschreiben lassen, wann es genug ist mit der Forderung nach Gleichstellung, noch übersehen sie leichtfertig, welche Nachteile die derzeitige Situation für Frauen noch immer hat. Zum Beispiel bei Einkommen und Pensionen. Das lässt sich weder mit Ehering und Kinderlachen vertuschen noch ersetzt es einen Partner auf Augenhöhe.

Ich kann die Männer verstehen. Benachteiligungen, an denen man selbst beteiligt ist, auszublenden, ist ein kluges psychologisches Verfahren. Es erspart Schuldgefühle. Ich verstehe auch die Frauen. Sich eine Realität schönzureden, ist hilfreich, es verlangt weniger Krafteinsatz. Tatsache ist: Wenn Männer die Realität in Fragen Gleichstellung verweigern, können sie es nur, weil Frauen es ihnen durchgehen lassen. Vielleicht sind diese noch immer der Meinung, dass man sich die Liebe verscherzt, wenn man klar sagt, was man möchte? Oder dass man höchstens indirekt kämpfen sollte, weil alles sonst hässlicher Feminismus ist? Jammern war immer schon eine schlechte, weil passive Kampftechnik. Frauen müssen aktiv werden und nicht weniger als die Deutungshoheit über Fragen, die sie selbst betreffen, gewinnen. Dazu müssen sie überzeugt sein, dass Männer und Frauen besser zusammenleben, wenn sie tatsächlich gleichgestellt sind. Hakt es womöglich da noch mehr, als wir uns selbst eingestehen?

 

Christine Haiden staunt immer wieder, wenn Männer definieren wollen, wann es genug ist mit Gleichstellung und Feminismus.

 

Das Frauenbarometer

Eine vierteljährliche Befragung zu aktuellen frauenpolitischen Themen
  • Sind Frauen gleichberechtigt?
    Auf einer Skala von eins (voll) bis fünf (gar nicht) erreichen Männer 2, 2 und Frauen 2,7 Punkte.
  • Sind Frauen in der sozialen Absicherung gleichberechtigt?
    „Voll“ sagen 31 Prozent der Männer und nur 16 Prozent der Frauen.
  • Sind Männer in der Kindererziehung gleichberechtigt?
    „Voll“ sagen 23 Prozent der Männer und 10 Prozent der Frauen.
  • 50 Prozent der Männer
    sehen sich in Fragen der Hausarbeit gleichberechtigt, aber 74 Prozent sagen dazu nein.

Quelle:  www.frauen.bka.gv.at

 

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meinemeinung@welt-der-frau.at

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 5/2012 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at

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