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Warum sind wir so schlecht gelaunt?
Jedes neue Ranking verbreitet schlechte Laune: Weniger reich, weniger guter Wirtschaftsstandort, weniger gute Prognosen. Lassen wir uns verrückt machen von etwas, das nicht so wichtig ist – oder nicht so wichtig sein sollte?

In Simbabwe sind wir immer ganz überwältigt vom Lachen und der Lebensfreude der Menschen. Zurück in Österreich fällt uns dann umso mehr auf, wie viele Menschen mit hängenden Mundwinkeln herumgehen. Und das, obwohl die Menschen in Simbabwe arm sind und wir alles im Überfluss haben.“ Was mein Gegenüber gerade beschrieb, hörte ich nicht zum ersten Mal. Ich machte daraufhin meine persönliche Feldforschung. Wie viele Menschen, die mir zufällig auf der Straße, in Läden, bei Veranstaltungen begegneten, strahlten? Und wie oft, Blick in den Spiegel, strahlte ich selbst?

Ich merkte, dass es mit meiner inneren Einstellung zu tun hatte, ob die Mundwinkel Richtung Boden oder Richtung Himmel zeigten. Boden hieß: Heute ist noch viel zu erledigen, das ist nicht so gut gegangen, der oder die nervt mich, wie soll sich das alles ausgehen, was muss ich heute noch einkaufen, wen habe ich nicht angerufen und so weiter und so fort. Eine endlose Litanei der Versäumnisse und Beschwernisse. Mundwinkel nach oben war gar nicht so selten mit einer bewussten Absicht des Wahrnehmens verbunden: Was ist mir heute gelungen, was war da gerade nett, wie komisch, dieses Missgeschick, danke, sehr aufmerksam, wie schön, dass du an mich gedacht hast und so weiter.

Es ist schon paradox. Eigentlich hätten wir allen Grund zur Freundlichkeit. Tatsächlich geht es uns, verglichen mit einem Großteil der Menschen dieser Erde, unglaublich gut. Wir haben, kaum dass wir es jemals bewusst so sehen, jederzeit Zugang zu sauberem Wasser. Wir werden, so wir uns nicht selbst kasteien, mühelos jeden Tag satt. Wir können fünfmal im Leben einen neuen Beruf erlernen, zehnmal das Auto wechseln, dreimal pro Jahr auf Reisen gehen. Wenn der Zahn schmerzt, erlöst uns der Doktor gegen Krankenschein wieder davon, und im Alter kommt, wenn es gut geht, genügend Geld von der Pensionsversicherung.

Gerade weil es uns so unwahrscheinlich gut geht, sind wir aber offenbar auch in immer größerer Be drängnis. Wir, als Gesellschaft gesprochen, müssen und wollen unseren Wohlstand halten. Wir haben Angst, dass es weniger werden könnte. Daher treiben wir uns selbst an und lassen uns auch antreiben. Wir haben keine Idee, ob unsere Wirtschaft anders funktionieren könnte als durch permanentes Wachstum. Wir fürchten „die ChinesInnen“ und „die InderInnen“, wenn es um den Wettlauf auf den Weltmärkten geht, und „die AfrikanerInnen“, wenn die Boote mit den Flüchtlingen an Europas südlichen Küsten einlaufen.

Wir versuchen mit den Mitteln, die uns bisher geholfen haben, auch in Zukunft zu reüssieren: arbeiten, noch mehr arbeiten, tüchtig sein, sparen, investieren, konsumieren. Der Druck dehnt sich auf alle aus. Alle sollten Vollzeit arbeiten, die Kinder sollten von klein auf höchst gebildet werden.

„Und zu dem, was wir am liebsten tun, Familie zu leben, Zeit füreinander zu haben, kommen wir nicht mehr.“ Das sagte die deutsche Sozialforscherin Jutta Allmendinger anlässlich des Oberösterreichischen Frauenforums 2013 im vergangenen Mai in St. Wolfgang. Sie regte an, nachzudenken, wie wir generell in Zukunft leben wollen. Was könnte und sollte uns wichtig sein? Sollte die Arbeit unser Leben ganz bestimmen? Wollen wir nicht eigentlich weniger arbeiten? Arbeit ist bei Gott kein Grund, die Mundwinkel hängen zu lassen. Sie ist im Gegenteil oft Quell von Zufriedenheit, von Selbstbestätigung. Sie darf aber auch kein Selbstzweck werden. Und wenn man hinterfragt, warum in unserer Gesellschaft immer mehr Menschen große Reichtümer ansammeln und andere, Mundwinkel unten, schauen müssen, wie sie durchkommen, muss man außerdem nach den Strukturen fragen. Nach Gerechtigkeit. „Die Menschen in Simbabwe haben wenig, aber sie haben einander“, erklärte mir meine Gesprächspartnerin. Nun wollte sie gewiss Armut nicht schönfärben. Setzt sie sich doch dafür ein, dass die Menschen dort ein besseres Leben mit Bildung, Gesundheit und Chancen haben. Aber, dachte ich, kann Gemeinschaft materiellen Wohlstand kompensieren? Wettbewerbsfähigkeit und Durchsetzungsvermögen sagen noch nichts über persönliche Zufriedenheit aus. Vor allem ersetzen sie nicht das Nachdenken, wie wir leben wollen und worauf es am Ende des Tages ankommt.

 

Christine Haiden meint, dass wir allen Grund zur Freundlichkeit und zum Lachen haben.

 

An wem messen wir uns?

  • Rankings sind für eine wettbewerbsorientierte Gesellschaft unverzichtbar geworden. Die ständige Frage „Wie liegen wir im Vergleich?“ soll Ansporn zu besseren Leistungen sein. Sie wird mittlerweile von Kindergartenkindern bis zu SeniorInnen allen gestellt.
  • Die Kultur des Rankings hat Europa aus der amerikanischen Kultur übernommen. Gemessen an seiner Größe liegt Österreich in vielen wirtschaftlichen Ranglisten sehr gut.
  • Großer Reichtum, geringe Arbeitslosigkeit, halbwegs gerechte Verteilung der Einkommen und hohes Bildungsniveau kennzeichnen die Alpenrepublik.

 

Was ist Ihre Meinung dazu? Schreiben Sie uns!

meinemeinung@welt-der-frau.at

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 78/2013 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at

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