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Welche neuen Werte brauchen wir?
Es ist, als ob ein Unbehagen sich breitgemacht hätte. Können wir so weiterleben wie bisher? Nein, meinen viele und wollen wieder mehr über Werte reden. Doch was ist das eigentlich und wie werden sie lebendig?

Vor Kurzem wurde bekannt, dass Tausende Wohlhabende, darunter auch viele Diktatoren und Showstars, ihr Vermögen in sogenannten Steueroasen „geparkt“ haben. Sie hatten ihrerseits logisch gehandelt. Ihr Wertsystem blinkte Alarm, als es um ihr Eigentum ging. Wie sie es erworben hatten, stand nicht zur Diskussion. Dass ihren Heimatländern Steuern entgingen, die für öffentliche Aufgaben, die allen zugutekommen, fehlen, störte sie offenbar nicht. Solche Menschen stehen vielen für den moralischen Verfall unserer Welt, für Gier, Rücksichtslosigkeit und Egoismus.

Sind das die Werte, die uns leiten sollen? Nein, werden Sie spontan sagen. Aber welche dann?

Werte sind, aufs Erste gesehen, alles und nichts. Sie eignen sich prima für Sonntagsreden. Sie sind wie eine weiße Leinwand, auf die man alles projizieren kann. Da haben die heile Familie und Naturbilder wie aus einem Rosamunde-Pilcher-Film Platz, da sind die sozial verantwortlichen Unternehmen, denen nichts wertvoller ist als die Lebensfreude ihrer MitarbeiterInnen, leicht zur Hand, und im Grunde, so schließt man, wollen doch alle nichts anderes als lieb und nett zueinander sein. Werte sind das allerdings noch nicht, eher schöne Seifenblasen. Werte, davon bin ich überzeugt, bekommen erst Inhalt, wenn man sie lebt. Wenn Menschen das tun, was ihnen wichtig, was ihnen wertvoll ist.

Wir haben auch als Gesellschaft eine Entwicklungsgeschichte. Wir kommen aus Zeiten, in denen die Vergemeinschaftung des Einzelnen oberste Priorität hatte. Man musste funktionieren. Alles war geregelt, um der Gruppe Sicherheit zu geben. Die Aufgaben in den Familien waren klar verteilt, die soziale Zugehörigkeit wurde durch Geburt festgelegt, wer an der Spitze des Staates stand, wurde von Gott oder wenigen seiner Auserwählten bestimmt. Den Luxus, „ich“ zu sagen, hatten nur wenige. Seit zumindest einhundert Jahren hat sich das massiv verändert. Der Einzelne ist zum Mittelpunkt seiner Welt geworden. Um ihn kreisen die Familientrabanten, und im Zweifelsfall entscheidet man sich für das, was einem selbst guttut. Das ist ein Fortschritt, der auch gut zu unserer Form zu wirtschaften passt. Sie kommt ohne das Denken an Eigennutz nicht aus und setzt diesen mit ausgefahrenen Ellbogen auch durch. Das können wir nun. Ich meine aber, nachdem wir gelernt haben, „ich“ zu sagen, müssen wir nun wieder „wir“ sagen lernen. Nicht in der alten Form, die dem Einzelnen und seinen Bedürfnissen weder Stimme noch Recht zugestanden hat, sondern in einer neuen Form. Das Ich und das Wir müssen gleichberechtigt sein. Es gibt Werte, die rein selbstbezogen sind, die andere zu Erfüllungsgehilfen der eigenen Bedürfnisse machen. Und es gibt Werte, die sich aus der Verbundenheit mit anderen speisen und so Erfüllung bringen – können. Diese Verbundenheit hat, davon bin ich überzeugt, auch eine spirituelle Komponente. Wenn ChristInnen sagen, alle seien einzigartige „Kinder Gottes“, sind das Ich und das Wir gleich wichtig. Ohne die Einzigartigkeit zu betonen, wäre die Gemeinschaft der Einzigartigen gar nicht möglich. Diese wiederum anerkennt aber, dass nur die Gleichwertigkeit aller Einzigartigen uns zu einer Gemeinschaft macht. In diesem Geist Verbundene werden sich leicht einigen, dass man nur mit Rücksichtnahme, Freundlichkeit, Geduld, Maßhalten, Klugheit, Vertrauen und Humor gut miteinander leben kann. Klingt gar nicht nach neuen Werten? Stimmt. Es sind alte. Sie müssen nur immer wieder neu errungen, neu gelebt werden. Warum rührt der neue Papst mit einfachen Gesten der Zuwendung und der Bescheidenheit? Weil ein Mächtiger sich nicht über die anderen stellt. Warum machen junge Menschen freiwillig soziale Einsätze bei den Gestrandeten der Welt? Weil sie auf ihrer Suche nach Sinn einen Dienst an den anderen erproben. Warum halten wir Franziska Jägerstätter für gleichermaßen verehrungswürdig wie ihren Mann? Weil sie mit großer Unbeirrbarkeit ganz bei sich war, gleichzeitig sich selbst zurückgestellt und ihren Mann bei seinem Entschluss, nicht für ein verbrecherisches Regime in den Krieg zu ziehen, unterstützt hat.

Selbstgewissheit und Verbundenheit sind der Humus, auf dem Werte wachsen. Sie zu leben, ist das Abenteuer, das jeder nur selbst wagen kann.

 

Dr. in Christine Haiden hält Werte für Ideale. Die man allerdings niemandem verordnen kann.

 

Was sind Werte?

  • Wir möchten alle gerne gut sein. Deswegen lassen wir uns von Werten leiten. Werte bezeichnen, was wir als erstrebenswert, als wertvoll oder moralisch richtig empfinden. Naturgemäß ist die Bandbreite an Werten groß.
  • Generell bilden sich Werte individuell aus, werden aber zudem gesellschaftlich verhandelt.
  • Religionen, Weltanschauungen, Nationalitäten und vieles mehr bilden gemeinsame Bezugspunkte für Werte. Es ist Teil der Kultur, über Werte immer neu zu diskutieren und sie zu verhandeln.
  • Werte werden in Normen, wie zum Beispiel Gesetzen, übernommen. Werte machen sich aber auch Marketing und Werbung zunutze.
  • Der Wertewandel ist Teil der beständigen Suche, gut und besser zu leben.

 

Was ist Ihre Meinung dazu? Schreiben Sie uns!

meinemeinung@welt-der-frau.at

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 5/2013 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at

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