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Werden wir zur Nonstop-Gesellschaft?
Fürs Erste scheint die Öffnung von Geschäften am Sonntag vom Tisch. Doch der Friede könnte trügen.Längst schleicht sich die ständige Verfügbarkeit rund um die Uhr in unser Leben ein.

Zu den großen Freiheiten unserer modernen Art zu leben gehört jene, selbst wählen zukönnen. Die Wahl bezieht sich inzwischen auf fast alles und jedes. Von der banalen Frage, welches Joghurt wir essen wollen, bis zur kniffligeren, ob wir beim einmal erkorenen Ehepartner bleiben sollen. Zum Grundrecht des marktkonformen Erdenbürgers gehört weiters, alle Güter auch jederzeit kaufen zukönnen. Denn das entspricht erstens dem Wunsch nach rascher Befriedigung von Bedürfnissen und nützt zweitens den Umsätzen der HändlerInnen. Was wiederum, so sagt man uns, Arbeitsplätze schafft oder sichert und daher ohnehin schon unantastbarer ist als jedes Dogma aus dem Vatikan. Naturgemäß regen sich Bedürfnisse bei Menschen zu recht unterschiedlichen Zeiten. Deswegen entwickelt sich unser Zusammenleben auch immer mehr in Richtung ständiger Verfügbarkeit. Mittels Handy und elektronischer Kontaktmedien können wir jederzeit surfen, Nachrichten verschicken und empfangen. Inzwischen gibt es keine menschliche Versammlung mehr, wo nicht irgendwer auf einem kleinen Gerät in die Tasten drückt. Auch ArbeitgeberInnen wünschen sich immer noch flexiblere ArbeitnehmerInnen, die nicht durch Arbeitsverträge und Arbeitszeiten in ihrer Verfügbarkeiteingeschränkt sind. Das Homeoffice, als Erleichterung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und als Entlastung von mühsamen Pendlerkilometern gedacht, entpuppt sich manchmal als moderne Fußfessel: Man wird den Job nicht wieder los. Die freien, unverfügbaren Zeiten reduzieren sich auf ein Minimum. Obwohl dieTechnik das Gegenteil erreichen wollte. Der Ökonom Mathias Binswanger hatunsere Gesellschaft als eine bezeichnet, die freiwillig in den Tretmühlen des Glücks unterwegs ist. Auf der Suche nach einem besseren Leben „haxeln“ wir, was das Zeug hält. Wir suchen das Glück im Status und strengen uns an, immer ein bisschen mehr als die anderen zu haben. Aber auch die Tretmühle der Effizienz treiben wir kräftig an. Um Zeit zu sparen, knappen wir beim Mittagessen, um dann ermattet vom pausenlosen Tagestreiben vor dem Fernseher zu enden. Doch auch der hält seine Tücken bereit, denn welches der mehreren Hundert Programme wählen wir aus?

Man könnte nun sagen, dass unser Leben grundsätzlich „non-stop“ ist. Denn es schreitet ständig voran, es hält in keinem Moment inne. Unser grundlegender Irrtum scheint aber darin zu liegen, dass wir meinen, die Zeit überlisten zukönnen, indem wir sie „effizient“ nützen. Wie wir ständig erleben, kann das nicht gut gehen. Trotz Wohlstand auf einem Niveau wie nie zuvor nimmt das persönliche Glücksempfinden eher ab, und die Stresserkrankungen brechen alle Rekorde.

Was hilft gegen diese Logik? Wohl nur die Frage, was am Ende der Tage wirklich wichtig ist, was zählt. Die Antwort ist nicht so schwierig. „Nonstop“ taucht auf keinen Listen auf, wenn abgefragt wird, was Menschen wichtig ist. Da stehen an oberster Stelle immer Familie, Freunde, Freizeit, Gemeinschaft. Das Zusammensein mit anderen ist, sagen uns GlücksforscherInnen, der Moment, in dem wir uns zufriedener und entspannter fühlen als sonst. Vor allem, wenn dieses Zusammensein kein sogenanntes „Networking“ ist, das wieder einem Zweck dient. Ein Tratsch mit der Freundin, ein Grillabend mit den NachbarInnen, eine Wanderung mit der Familie, wussten wir das nicht längst?

Warum lassen wir uns dann einreden, dass wir die Güter dieser Welt jederzeit und immer haben müssten, dass wir ein Recht darauf hätten, nicht warten zu müssen? Die ForscherInnen sagen uns, dass einer alleine selten mit einer Änderung seines Lebensstils erfolgreich sein wird. Zu groß sind die Sachzwänge beziehungsweise ist der moralische Druck der anderen. Erst wenn möglichst viele anders leben, funktionieren Veränderungen.

Die Nonstop-Gesellschaft wird kommen, wenn wir alle fleißig weitertreten, um die Mühlen der Wirtschaftswelt in Gang zu halten. Wenn wir uns aber darauf einigen, gleichzeitig und immer wieder etwas langsamer zu treten, gewinnen wir Leben. Oder wie es eine Hundertjährige einmal gesagt hat: „Man sollte so leben, dass man immer in der Zeit lebt. Dann trägt einen die Zeit fort, und man ist immer in der Zeit zu Hause.“

 

Christine Haiden liebt den Sonntagmorgen. Wenn kaum Autos unterwegs sind und alle Hektik kurz Pause macht.

 

Immer offen, immer im Dienst?

  • Der Drogerie-Diskonter „Dayli“ versuchte im Frühjahrdieses Jahres eine Öffnung seiner Geschäfte auch an Sonntagen zu erreichen. Durch die Platzierung von Mini- Bistros im Laden sollte eine Gesetzeslücke genützt werden, um die Sonntagsruhe zu umgehen. Im Anschluss an diese Debatte wurde das Gesetz zur Öffnung von Läden am Sonntag verändert.
  • Die „Allianz für den Sonntag“ ist ein breiter Zusammenschluss von kirchlichen und gesellschaftlichen Interessenverbänden, die verhindern wollen, dass der Sonntag wie ein Wochentag behandelt wird. Ein gemeinschaftlicher Ruhetag sei eine gesellschaftliche Notwendigkeit, um den Menschen nicht der totalen Verfügbarkeit durch die Ökonomie auszusetzen und ihm die nötige Entspannung zu verschaffen.

 

Was ist Ihre Meinung dazu? Schreiben Sie uns!

meinemeinung@welt-der-frau.at

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 6/2013 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at

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