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Wie buchstabieren Sie Wohlstand?
Strengt euch an, unser Wohlstand ist in Gefahr! Noch klingen die Wahlkampfparolen in unseren Ohren. Die Gleichung „Mehr Arbeit ist gleich mehr Wohlstand“ stimmte lange Zeit. Aber ändert sich das nicht gerade?

Hätte ich mir früher eine Tafel Schokolade für 70 Schilling gekauft? Nie im Leben!“ Meine Gesprächspartnerin wundert sich gerade über sich selbst. Die Spezialschokolade genießt sie trotzdem. Sie hat sich den kleinen Luxus geleistet. Ist das Wohlstand? Ziemlich sicher. Als Basis jeden Wohlstands empfinden die meisten von uns ein ökonomisch abgesichertes Leben. Man kann sich im Wesentlichen leisten, was man für den täglichen Bedarf braucht und sogar noch vergnügliche Extras. Unser Wohlstandsniveau ist mittlerweile so angestiegen, dass Urlaube, Autos, Restaurantbesuche oder Kulturgenuss von vielen als selbstverständlich genommen werden. Alles, was weniger wäre, werteten wir als Wohlstandsverlust.

Ein gutes Leben auf materiell gesicherter Basis war das Ziel der Generationen vor uns. Dafür haben sie gearbeitet und ihr Leben eingesetzt. Sie haben die Grundsteine gelegt. Und heute? Können wir bei dieser Formel für Wohlstand bleiben oder muss unser Verständnis an das neue Wohlstandsniveau angepasst werden? Wir haben vor einigen Jahren ein Haus älteren Baujahres gekauft. Es ist sehr gut gearbeitet, die BesitzerInnen vor uns waren offenkundig schon wohlhabend. Das Bad in Himbeerrot ist mittlerweile ein Unikat, und auch die Fliesen in den WCs sind Zeugen ihrer Zeit, aber noch gut beisammen.

Mein Wohlstand würde es mir nun erlauben, diese Sanitäranlagen, wiewohl sie intakt sind, zu zerstören und durch neue, modernere zu ersetzen. Volkswirtschaftlich gesehen wäre das sogar ein – wenn auch bescheidener – Beitrag zum Wohlstand anderer. Wenn Alt durch Neu ersetzt wird, brummt der Wirtschaftsmotor. Es würde Wachstumswohlstand der gängigen Art geschaffen. Aber ist das klug?

Meine Freundin entrümpelt gerade ihre alte Wohnung. Sie ist entsetzt, wie viele Dinge sie besitzt. Taschen, Schuhe, Geschirr, Wäsche, Tand und Kleinzeug, das sie nie benutzt und daher auch nie gebraucht hat. Je mehr man hat, desto mehr dominieren die Besitztümer das Leben, erst recht, wenn man sie wieder loswerden will. Das ist Wohlstand, der sich rächt. Was also tun? Mit dem Schlagwort „smarter Konsum“ wird angeregt, gut zu überlegen, was man kauft. Im Wesentlichen sollte es nur das sein, was man auch wirklich braucht. Das allein bewirkt schon eine kurze Meditation vor jeder Versuchung, ein Sonderangebot doch mitzunehmen. Es setzt auch eine Klärung der eigenen Werte voraus. Was brauche ich wirklich? Das ist die entscheidende Frage unserer Zeit. Wenn wir sie uns ernsthaft stellen, purzeln Ideen aus dem Kopf, was Wohlstand noch sein könnte. Was mir eingefallen ist: Mein größter Anspruch ist Beziehungswohlstand. Dass ich mich verbunden fühle, auch mitgenommen und getragen. Mein Luxus ist Entscheidungswohlstand. Wie oft am Tag und grundsätzlich ich selbst wählen kann, was ich will. Meine Hoffnung ist ökologischer Wohlstand. Eine intakte Umwelt, ein schonender Verbrauch von Ressourcen, eine lebenswerte Welt für die Generationen nach uns. Meine Dankbarkeit gilt dem Friedenswohlstand. Kaum eine Generation vor uns erlebte ausschließlich Zeiten ohne Krieg im eigenen Land. Als Kind begann mein Bildungswohlstand, der bis heute anhält. Ich kann jederzeit lernen, mir neues Wissen aneignen, mich geistig, seelisch, körperlich weiterentwickeln. Denkt man an frühere Generationen, ist mein Wohlstand an Gesundheit geradezu sensationell.

Und ganz tief verankert ist meine Sehnsucht nach Sinn-Wohlstand, dass mein Leben nicht umsonst ist. Wohlstand hat viele Dimensionen. Die Kunst der Zukunft wird sein, sie in eine Balance zu bringen. Wohlstand wird, so gesehen, nicht so schnell verloren gehen. Womöglich wird er sogar neu entstehen, wenn sich die Gewichte etwas verschieben.

Bei den Sanitäranlagen unseres Hauses haben wir übrigens entschieden, sie nicht zu erneuern. Sie dürfen leben, bis sie wirklich kaputt sind. Ich werde versuchen, sie mit einem neuen Blick zu sehen. Sie sind Zeitzeugen. Ich werde sie einfach etwas anders beleuchten und sie mit ein paar Accessoires in der Gegenwart willkommen heißen. Was ich mir an Geld, Zeit, Ärger und Entscheidungen erspare, nehme ich als Beitrag zu meinem neuen Wohlstand.

 

Christine Haiden hält die Frage, was Wohlstand eigentlich ist, für zentral in Bezug auf künftige Entwicklungen.

 

Wie misst man Wohlstand?

  • Subjektiv betrachtet ist Wohlstand, wenn man mehr hat, als man eigentlich braucht. Doch es ist komplizierter.
  • Die Berechnung des Wohlstands ist im Wesentlichen die Profession der ÖkonomInnen. Sie diskutieren, welche Parameter einbezogen werden. Diese haben sich im Laufe der Geschichte immer wieder geändert.
  • Heute gilt vor allem das Bruttoinlandsprodukt, der Güterumsatz pro Kopf, als Indikator für Wohlstand. Es gibt aber auch den „Human Development Index“, der Lebenserwartung und Bildung dazurechnet, oder den Engel- Koeffizienten. Dieser besagt, dass in der Relation die Ausgaben für Lebensmittel sinken, je höher der materielle Wohlstand wird.
  • Neu sind Versuche, Faktoren wie Glück oder den „ökologischen Fußabdruck“ in Rechenmodelle zu fassen.

 

Was ist Ihre Meinung dazu? Schreiben Sie uns!

meinemeinung@welt-der-frau.at

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 10/2013 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at

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