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Wie werden Frauen heilig?
Fast neunhundert Jahre nach ihrem Tod spricht die katholische Kirche Hildegard von Bingen heilig. Alle bisherigen Versuche, sie in den Stand der höchsten Verehrung zu erheben, scheiterten. Warum dieser Sinneswandel gerade jetzt?

Man darf davon ausgehen, dass eine traditionsbewusste Institution wie die römisch-katholische Kirche kein Zeichen zufällig setzt. Um zu verstehen, warum Papst Benedikt XVI. ausgerechnet jetzt Hildegard von Bingen, die gelehrte Nonne des Mittelalters, heiligspricht, lohnt sich ein genauerer Blick. Heilig wird, wer etwas manifestiert, was der Kirche gelegen kommt, was Vorbild sein soll. Was hatte es mit Hildegard auf sich, das vom Standpunkt Roms aus heute wichtig sein könnte?

Ein Blick zurück. Hildegard von Bingen stammt aus hochadeligem Haus, sie wird 1098 geboren und zieht schon mit vierzehn Jahren in das Kloster am Disibodenberg. Die ersten Klosterjahre verbringt sie in strenger Klausur, eingemauert mit ihrer Lehrerin Jutta von Sponheim. Draußen verändert sich gerade die Welt. Eine neue wirtschaftliche Prosperität und die Entwicklung der Städte bringen etwa die Ministerialen, die den etablierten Adel irritieren. Zahlreiche Reformbewegungen rütteln an der bisherigen Verfassung der Kirche. Bernhard von Clairvaux stärkt die Zisterzienser, um die allmächtigen Benediktiner zu schwächen, Theologen wie Anselm von Canterbury ermutigen Frauen zur Teilnahme am kirchlichen Leben, viele Reformbewegungen wollen aus der indirekten Vermittlung Gottes durch die Kirche zum persönlichen Draht, zur inneren Schau Gottes kommen. Eine Szenerie, die der heutigen gar nicht so unähnlich ist. Hildegard von Bingen wird in dieser Zeit als Frau zum einmaligen Star. Sie ist gebildet, klug, von Stand, machtbewusst und sehr ehrgeizig. Sie agiert nach zwei Richtungen. Sie sieht sich von Gott selbst geführt und berichtet von ihrer „Schau“. Nicht verzückt wie die Mystikerinnen, sondern nüchtern, vom „lebendigen Licht“ geführt. Durch sie, sagt sie, spricht Gott. Der Erzbischof von Mainz stellt sie dem Papst vor. Der schickt eine Kommission, und diese bestätigt, ja, aus Hildegard spricht Gott selbst. Das macht sie künftig unantastbar. Gott spricht aus ihr durchaus kritisch zur Kirche. Das „lebendige Licht“ kritisiert den Lebenswandel der Priester, tadelt auch Bischöfe, aber es tut eines nie: Es lobt nie die Reformbewegungen oder stellt nie die Verfassung der Kirche infrage. Für Hildegard selbst ist das ein Vorteil. Sie kann ihre Position kontinuierlich ausbauen. Als erste Frau schafft sie es, ein eigenes Kloster zu gründen. Und nicht nur das. Dieses Kloster bekommt auch wirtschaftliche Autonomie. Das war bislang undenkbar. Hildegard komponiert Lieder, die Nonnen gewöhnlich verboten sind, sie verfasst gelehrte Schriften, was bisher Mönchen vorbehalten war, sie lässt ihre Nonnen in weißen Gewändern und mit offenen Haaren im Gottesdienst tanzen, sie verfasst zu Lebzeiten ihre eigene Biografie und sie geht auf Predigtreisen. Diese Frau erlaubt sich ziemlich viel. Aber sie wahrt die Grenzen. Als die Äbtissin Tenxwind, eine Nonne aus dem Stand der Ministerialen, Hildegard kritisiert, weil sie nur hochadelige Mädchen in ihr Kloster aufnimmt, antwortet diese: „Und welcher Mensch sammelt seine ganze Herde in einem einzigen Stall, nämlich Ochsen, Esel, Schafe, Böcke, ohne dass sie aneinandergeraten?“ Und dies, fügt sie an, sei „vom lebendigen Licht gesprochen und nicht von einem Menschen“.
Gegenüber den Herren verabsäumte Hildegard von Bingen trotz aller Kritik nie die Gesten der Unterwerfung: „Was soll das, dass dieser dummen und ungelehrten Frau so viele Geheimnisse offenbart werden, wo es doch viele starke und weise Männer gibt?“

Unmittelbar nach ihrem Tod gerieten die Schriften Hildegards weitgehend in Vergessenheit. Die Domschulen der Scholastiker hielten sie für wenig bedeutsam. Erst sehr spät wurden sie, allerdings eher von der Abteilung der Kräuter- und Heilkundeinteressierten, wiederentdeckt. Doch darum wird es der römischen Kurie nicht gehen, wenn sie Hildegard zur Ehre der Altäre verhilft. Viel eher darf man annehmen, dass sie als Heilige positioniert wird, die in Treue zur Kirche steht, die Grenzen der weiblichen Möglichkeiten einhält und den Reformbewegungen eine Absage erteilt. Im Übrigen wurde die Heiligsprechung Hildegards besonders vom Orden der Benediktiner betrieben. Vielleicht haben sie mit den Zisterziensern ja noch eine Rechnung offen.

 

Christine Haiden hat sich lange mit der Person der Universalgelehrten Hildegard von Bingen beschäftigt.

 


Hildegard von Bingen – Biografische Eckdaten

  • Hildegard von Bingen wurde am 10. Mai 2012 von Papst Benedikt XVI. heiliggesprochen. Der feierliche Akt der Beatifikation ist für den 7. Oktober 2012 angesetzt. Der Festtag Hildegard von Bingens wird am 17. September begangen.
  • Hildegard von Bingen lebte von 1098 bis 1179. Sie gründete das Kloster Bingen am Rhein und galt als Universalgelehrte ihrer Zeit.
  • Sie komponierte und verfasste zahlreiche Schriften zu Medizin und Naturwissenschaft. Ihr bekanntestes Werk ist die dreiteilige Schrift „Scivias“.
  • Hildegard war zur inneren Schau begabt. Die Kirche beschied ihr, dass Gott selbst aus ihr spricht. Ihre Texte, die vom „lebendigen Licht“ diktiert waren, wurden zu Lebzeiten „Bestseller“.

 

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Erschienen in „Welt der Frau“ 9/2012 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at

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