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Wollen junge Frauen alte Modelle?
Es scheint, dass wir uns bei der Frage nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Kreis drehen. Die Verbesserungen haben die Größe von Trippelschritten, und in der Not geht der Blick wieder zurück. Ob dort die Lösung liegt?

Vor Kurzem nahm ich an einer Diskussion teil, bei der eine junge Akademikerin erzählte, in ihrem Umkreis suchten viele Frauen um die 30 wieder gezielt nach einem gut situierten Mann, der es ihnen ermöglichte, mit Kindern „ganz daheim“ zu bleiben. Ich gebe zu, ich konnte dem nicht ohne Emotionen folgen. Was ist denn da im Gange? Wollen die jungen Frauen zurück in die Abhängigkeit, war die ganze gute Ausbildung umsonst, hat die Müttergeneration den jungen Frauen ein so schlechtes Vorbild abgegeben?

Typisch, dass auch ich gleich die Ursachen bei den Frauen selbst suchte. Als ob sie nicht gescheit genug wären, zu wissen, worauf sie sich da einlassen, als ob sie nicht längst verstanden hätten, dass ein Ausstieg aus dem Beruf gewaltige Nachteile hat. Aber etwas stresst sie offenbar mehr als der Blick auf mögliche persönliche Einbußen. Es ist die Furcht, Lebensqualität zu verlieren, die Frauen den Weg zurück zu alten Rollenmodellen verlockend erscheinen lässt.
Jede weiß, welche Schattenseiten das Berufsleben haben kann. Deswegen vermute ich, dass nicht die Frauen das Problem sind, sondern starre Strukturen. Sie halten sich hartnäckig und behindern nach wie vor eine Gleichstellung von Männern und Frauen. Das entzündet sich am Thema „Familie“ mehr als an jedem anderen. Wenn nur fünf Prozent der Väter in Österreich Elternkarenz nehmen – und das nur im Ausmaß eines leicht erweiterten Urlaubs – stimmt doch etwas grundsätzlich nicht. Es ist symptomatisch, dass es den Begriff der „berufstätigen Mutter“, aber nicht den des „berufstätigen Vaters“ gibt. Wenn beim ersten Kind noch im Ansatz die Teilung von Familienarbeit möglich ist, aber ab dem zweiten fast immer die Mutter „daheim bleibt“, wie das verniedlichend heißt, ist doch ein grundlegendes Problem ungelöst.

Da fehlt es jedenfalls in der Arbeitswelt an Flexibilität. Zum Beispiel bei den Arbeitszeiten. Im Grunde ist Arbeit nach wie vor am Modell eines Menschen orientiert, der nach einer Ausbildung einen Vollerwerb beginnt und diesen erst mit der Pensionierung beendet. Alles, was es an sozialen Sicherungssystemen gibt, ist davon abgeleitet. Dieses Modell ist grundsätzlich veraltet, meine ich. Wenn wir länger arbeiten werden, wenn wir uns um kranke oder alte Angehörige kümmern sollen oder müssen, wenn wir Ausbildungen machen wollen im Laufe eines womöglich bald 45-jährigen Berufslebens, wenn wir Pausen benötigen, um uns neu zu orientieren, brauchen wir andere Arbeitsmodelle. Wir brauchen zum Beispiel Konten, die unsere Lebensarbeitszeit verwalten. Wir brauchen Gesetze, die ermöglichen, dass wir mehrmals im Berufsleben Arbeitszeiten reduzieren oder erweitern können. Wenn Unternehmen damit rechnen müssen, dass jede und jeder, egal wie alt sie oder er ist, diese Flexibilität in Anspruch nimmt, wird der Druck von den Müttern weichen. Denn dann sind sie keine Ausnahmen, die den Regelbetrieb stören. Alle können jederzeit stören – oder, will man es positiv formulieren: mit neuen Energien von Auszeiten, mit neuen Ideen von Ausbildungen oder mit einem guten Gewissen aus Pflege- und Erziehungszeiten zurückkehren.

Ich kann alle gut verstehen, die ihre Familienzeit nicht im Dauerlauf absolvieren möchten. Deshalb sollte man zuallererst den Dauerlauf infrage stellen, der alle stresst und keinen glücklich macht, im Regelfall auch nicht die Väter. Wir sollten eine neue Allianz von Männern und Frauen aufbauen. Für mehr Lebensqualität für alle, Frauen, Männer, Kinder. Der Trainer der österreichischen Skiherren, Mathias Berthold, sagte in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung, es sei eigentlich ein Glück, dass er geschieden ist. So müsse er kein schlechtes Gewissen haben, dass er praktisch nie zu Hause sei. Solange jemand für solche Aussagen womöglich noch bewundert wird, hat Familie wenig Stellenwert. Wie kann Österreich zu einem familienfreundlichen Land werden, das sich an seinen Kindern freut, das auf Eltern stolz ist und ihnen das Leben leicht macht?

Wenn Frauen meinen, ihren Wunsch nach Familie nur durch eine Rückkehr zu alten Rollenmodellen umsetzen zu können, heißt das nicht, dass die Emanzipation gescheitert ist. Vielmehr sollte man es so interpretieren, dass weder Gleichstellung noch ein zeitgemäßes Familienleben bisher wirklich umgesetzt wurden.

 

Christine Haiden meint, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nur gelingen kann, wenn wir ganz neue Arbeitszeitmodelle einführen.

 

Alte und neue Rollenbilder

  • Vor vier Jahren veröffentlichte die deutsche Frauenzeitschrift „Brigitte“ Daten über die Veränderung der Geschlechterrollen. Signifikant dabei war, dass mehr Frauen als Männer „modern “ leben wollten. Das bedeutete primär, partnerschaftlich zu leben, vor allem die Familie gemeinsam zu managen und beiden Partnern eine erfüllende Berufstätigkeit zuzugestehen.
  • Männer zeigten sich dagegen in ihren Einstellungen wesentlich traditioneller. Vor allem konnte sich mehr als die Hälfte der Männer zum Beispiel nicht vorstellen, weniger als ihre Frau zu verdienen.
  • Ob nun tatsächlich statistisch signifikant eine Rückkehr junger Frauen zu alten Rollen festzustellen ist, lässt sich nicht belegen. Dazu liegen keine aktuellen Zahlen vor.

 

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Erschienen in „Welt der Frau“ 3/2013 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at

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