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Zum Teufel mit dem Übermüttern?
Mit der Autorin Birgit Kelle meldet sich eine neue Stimme unter den jüngeren Frauen zu Wort. Sie polemisiert gegen die Opferrolle, die Frauen für sich reklamierten, und reibt sich an Alice Schwarzer. Es müsse doch erlaubt sein, gerne Hausfrau und Mutter zu sein, sagt sie.

Als Hausfrau und Mutter glücklich zu sein, ist heute nicht mehr opportun,“ beklagt Birgit Kelle. Diese Gruppe Frauen gelte allgemein als „Backlash- Potenzial, das andere mitzureißen droht“. Daher: „Niemand kämpft für sie, schon gar nicht der Feminismus.“ Seit die 38-jährige Journalistin ihr Buch „Dann mach doch die Bluse zu“ veröffentlicht hat, ist eine Rolle im öffentlichen Theater mit einem neuen Gesicht besetzt: Die wütende Mutter, die sich von der öffentlichen Meinung ins Eck gedrängt fühlt und deswegen attackiert. Nicht die Gesellschaft an sich oder die Logik unserer Arbeitswelt, nein, es ist Alice Schwarzer persönlich und mit ihr „der“ Feminismus, denen ihr Zorn gilt.

Der Feminismus sei schuld daran, dass Frauen wie Männer zu sein hätten, dass es mittlerweile null Toleranz gegenüber Frauen gebe, die ihre Kinder selbst erziehen wollen, und dass auch die Männer ihrer Identität verlustig gingen. Starker Tobak. Wie immer bei solchen Rundumschlägen ist es nicht ganz einfach, den Kern des Anliegens herauszufiltern. Denn was so pauschal daherkommt, ist immer in Teilen richtig, in der Gesamtheit aber auch wieder nicht.

Birgit Kelle ist mit einer berufstätigen Mutter aufgewachsen. Mit 23 wurde sie als junge Redakteurin selbst zum ersten Mal Mutter. Schließlich wurden es vier Kinder und eine klassische Ehe mit einem voll verdienenden Familienernährer und einer „hauptberuflichen Mutter“. Sie ist damit, wie sie schreibt, hochzufrieden. Aber sie fühlt sich abgewertet. Nur erfolgreiche Businessfrauen stünden heute hoch im Kurs.

Tatsächlich kämpfen viele Frauenpolitikerinnen hauptsächlich um die symbolträchtigen Plätze an der Spitze der Hierarchie. Dort ist aber wenig Platz für Familie, einen Lebenswunsch vieler Frauen. Das Dilemma lösen viele Frauen so, dass sie lieber ihre Kinder in den Mittelpunkt ihres Lebens stellen als die Karriere. Das wird nach wie vor wenig honoriert, siehe Pensionen. Gleichzeitig darf man aber auch nicht übersehen, dass Mutterschaft alleine noch kein lebenfüllendes Programm ist. Es gibt auch Zeiten vor und nach der Kinderbetreuung, es gibt Talente, die über den Haushalt hinausgehen, und es gibt einen Wunsch nach Teilhabe am öffentlichen Leben, auch von Frauen. Außerdem verändern sich die Wünsche von Männern. Sie sind heute viel aktiver als die Väter von früher, sie wollen eine tragfähige Beziehung zu ihren Kindern. Nicht nur Mütter, sondern auch Väter haben das Problem der Vereinbarkeit. Auch sie kommen in einer stark auf den Beruf konzentrierten Gesellschaft mit ihren Interessen wenig vor. Haben das tatsächlich die FeministInnen verbockt? Drängt momentan nicht die Wirtschaft stark auf mehr berufstätige Frauen, um den drohenden Arbeitskräftemangel abzufangen?

Frau Kelle lebt ein Modell, das bei Familien mit mehreren Kindern noch immer am besten scheint. Das Prinzip heißt Arbeitsteilung: Die Mutter „schupft“ den Laden daheim, der Vater sorgt für den pekuniären Treibstoff. Frau Kelle klagt, dass es schwieriger werde, Männer zu finden, die bereit sind, diese Rolle auszufüllen. Auch daran seien die FeministInnen schuld, die „echten“ Kerlen den Spaß vermasseln und Frauen die Anlockung der seltenen Exemplare als „Weibchenverhalten“ austreiben wollen. Diese Attacken sind pointiert, aber treffen sie noch? Sind die meisten Frauen, vor allem die jungen, nicht sehr flexibel in ihren Rollen, einmal Weibchen, einmal Chefin, je nach Situation? Und müssen Männer tatsächlich vor FeministInnen, deren Zahl vermutlich grob überschätzt wird, geschützt werden?

Alice Schwarzer scheint für Frau Kelle etwas von einer Übermutter zu haben, die nun demontiert werden muss. Kein Problem. Die Gefahr bei Frau Kelle könnte sein, dass sie sich selbst zur Übermutter stilisiert. In dieser Sackgasse waren wir schon. Sinnvoller erscheint mir erstens: konsequent weiter in Richtung tragfähige Partnerschaften von Männern und Frauen zu gehen. Zweitens: eine soziale Absicherung – beispielsweise mit einem bedingungslosen Grundeinkommen – zu schaffen, die jeden Rechtfertigungsdruck von jenen nimmt, die Kinder und Angehörige versorgen. Drittens: sich nicht als Opfer anderer Frauen zu sehen. So einfach ist es dann doch nicht, selbst wenn es jene amüsiert, die gerne Weiber sich keilen sehen.

Christine Haiden hält die aktuelle Kritik am Feminismus für überzogen.

 

Zweifel am Feminismus

  • Als sich Deutschland über die angebliche sexuelle belästigung einer jungen Journalistin durch den FdP-Politiker Rainer brüderle aufregte, schrieb birgit Kelle einen Text. „dann mach doch die bluse zu“ hieß der – wie nun auch ihr gleichnamiges Buch.
  • Sie polemisiert gegen den „Gleichheitswahn“, dass der Feminismus den Frauen einen bequemen Opferstatus beschert habe und Männer grundsätzlich im Verdacht stünden, unterdrücker zu sein. Zudem würden Frauen, die sich für Kinder und Haushalt entscheiden, ausgegrenzt, vor allem von den Feministinnen.
  • Die Bevormundung von Frauen, wie sie zu leben hätten, sei schier unerträglich geworden.

 

Was ist Ihre Meinung dazu? Schreiben Sie uns!

meinemeinung@welt-der-frau.at

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 11/2013 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at

Kommentare

One thought on “Zum Teufel mit dem Übermüttern?”

  1. Sophia sagt:

    Ich sehe das genauso, wie Sie oben den Text/das Buch von Frau Kelle zusammenfassen.

    Manchmal schäme ich mich als Frau für manche Frau oder auch pauschal für das Erscheinungsbild der Frauen in Deutschland in den Medien oder für das, was einzelne so für’n Dünnsch…. von sich geben.
    Selbstverwirklichung, individuelle Lebensplanung, seinen Weg suchen …. selten noch anzutreffen.
    Wir haben das Klischee „Karrierefrau“* gefertigt und wer kann, strebt in der Regel, zumeist, danach, dieses Klischee zu bedienen.
    Arm.
    Schade, was aus einer ursprünglich mal notwendigen Emanzipationsbewegung geworden ist – auch was Männer angeht.
    Aber da scheint es nicht ganz so schlimm zu sein; viele scheinen geschickte (verständliche, wenn auch nicht ehrenhafte) Techniken als Notwehr-Maßnahme entwickelt zu haben.

    * „Das Wort Karriere bedeutet dem Wortsinn nach schlicht Fahrstraße, wird im Volksmund aber eher als bestimmte Richtung „nach oben“ verstanden.“ (sagt Wiki)
    Eigentlich geht es bei einer Via carraria nur darum, einem Wagen den Weg zu bereiten, dass er nicht umkippt, in die Büsche fährt, überhaupt: SEINEN Weg findet.

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