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Machen Frauen Sprache hässlich?
Ob Magistra oder Doktorin, ob KollegInnen oder Mitarbeiter/-innen, ob Studenten/Studentinnen oder Führungskräfte – der Versuch, Männer und Frauen in der Sprache gleichermaßen sichtbar zu machen, ist noch umstritten. Derzeit fordern wieder viele: Alles zurück! Soll hinten nun vorne liegen?

Der offene Brief von 800 UnterzeichnerInnen an Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek hat es im Sommer in die Schlagzeilen geschafft. Weil prominente WissenschafterInnen wie Konrad Paul Liessmann und Rudolf Taschner das Anliegen ebenfalls mittragen und die Forderung pointiert vorgebracht wurde: „Ein minimaler Prozentsatz kämpferischer Sprachfeminstinnen darf nicht länger der nahezu 90-prozentigen Mehrheit der Staatsbürger ihren Willen aufzwingen.“

Die UnterzeichnerInnen, vorwiegend Angehörige des Lehrberufs, darunter viele in Pension, wollen vor allem eines: Schluss mit Binnen-I,
Schrägstrichen und Klammern im Wortinneren und Abschaffung der hochgestellten „a“ und „in“ im Anschluss an akademische Grade. Dagegen sollte man zur „sprachlichen Normalität“ zurückkehren und künftig stets beide Geschlechter ausschreiben. Liebe Leserinnen und Leser, das wird so wohl nicht gelingen. Die Macht des Gewohnten ist stark. Folgte man dieser Anregung, werden es künftig wieder nur die Leser sein, an die man sich wendet. Schließlich will man gerade im Geschriebenen ja auch Platz sparen.

Kein Wunder, dass sehr viele Medien schon derzeit überhaupt keine weiblichen Formen verwenden. Da heißt es selbst bei einem Überhang an Frauen in Pflegeberufen, dass die Pfleger ein schweres Leben hätten. Doch genau darum geht es mit den Versuchen, Männer und Frauen sprachlich besser sichtbar zu machen. Heißt es „das Leben der PflegerInnen“, der „Pfleger/-innen“ oder „der Pfleger/Pflegerinnen“, wird klar, dass es sich nicht um einen vornehmlich von Männern ausgeübten Beruf handelt. Es stimmt, dass das sogenannte „generische Maskulinum“ auch den weiblichen Menschen mitmeint. Die BriefschreiberInnen übertreiben aber, wenn sie meinen, „der Mensch“ oder „der Zuschauer“ seien zu sprachlichen Feindbildern geworden. Sie sind nach heutigem Verständnis einfach zu ungenau. Macht das sogenannte „Gendern“, also die Berücksichtigung von Männern und Frauen, Sprache unverständlich? Ich meine nicht. Es ist eher eine Frage der Gewohnheit und der Unterscheidung zwischen geschriebenem und gesprochenem Wort. Die LeserInnen heißen natürlich gesprochen „Leserinnen und Leser“. So viel Übersetzungskunst kann Menschen, die auch abstrakte mathematische Zahlen in Wörter übertragen können, zugemutet werden. 17 wird auch siebzehn gesprochen – ist doch nicht schwer, oder?

Das Problem beim Gendern ist eher, dass man die Grundregeln der deutschen Grammatik kennen muss, um sprachliche Veränderungen sinnerhaltend und sinnvoll umzusetzen. Ein aktueller Leitfaden des Frauenministeriums zum Thema „geschlechtergerechter Sprachgebrauch“ gibt dazu wertvolle Empfehlungen. Klar ist dabei immer, dass die Verständlichkeit Vorrang hat. Das heißt, dass beispielsweise bei Kurzformen die Weglassprobe wichtig ist. Bleibt ein sinnvolles Wort übrig, wenn ich bei Leser/-innen“ das „/-innen“ wegkürze? Abgesehen davon gibt es noch die Möglichkeit, auf geschlechtsneutrale Ausdrücke auszuweichen und von den Studierenden oder den Lehrkräften zu sprechen.

Man kann auch Sätze umformulieren und statt „Der Rat eines Juristen wäre einzuholen“ den Satz „Juristischer Rat wäre einzuholen“ verwenden. Ehrlich, ich zucke immer zusammen, wenn Frauen über sich selbst in einer männlichen Form sprechen. Eine Bekannte bezeichnet sich als „kein Freund großer Worte“, und in einem Kloster habe ich einmal erlebt, dass die Nonnen sich als Mönche bezeichnet haben. Dass man als Frau eine Freundin und kein Freund ist, eine Nonne und kein Mönch, hat nichts mit Gendern zu tun, sondern nur mit dem korrekten Gebrauch der deutschen Sprache. Die sieht weibliche Formen schon immer vor, siehe Duden.

Die derzeitige Diskussion scheint für mich weniger vom Bemühen getragen, sprachlich dem Anliegen des Sichtbarmachens von Männern und Frauen einen Dienst zu erweisen. Das wird man mit dem Ruf „Vorwärts, Kameraden, wir müssen zurück!“ nicht erreichen. Unsere Sprache ist in Verwandlung, aber immer nach vorne! Man will wohl
eher den Feminismus nachhaltig beschädigen und den Frauen wieder zeigen, wo ihr Platz ist.  Nämlich in den
Reihen der ZuschauerInnen und NachgeberInnen.

Zurück zur alten Sprache?

  • Das Österreichische Normierungsinstitut arbeitet gerade an einer ÖNORM zum Thema Sprache.
  • In einem ersten Entwurf, der zur Begutachtung ausgesendet wurde, hatte man den Verzicht auf das hochgestellte „a“ und „in“ bei weiblichen akademischen Graden, die Beseitigung des Binnen-I und aller Klammern und Schrägstriche im Wortinneren vorgeschlagen.
  • Stattdessen will man eine Rückkehr zum voll ausgeschriebenen Paar von männlicher und weiblicher Form.
  • Dieses Anliegen wurde im Juli durch einen offenen Brief an die Frauenministerin voll unterstützt.
  • Prominente UnterzeichnerInnen waren neben Chris Lohner der Philosoph Konrad Paul Liessmann oder der Mathematiker Rudolf Taschner.

Erschienen in „Welt der Frau“ 9/14 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at