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Meine Töchter, meine Komplizinnen
Was macht es mit einem Mann, wenn er Vater wird? Wunderliches und Grenzenloses von einem, der es mittlerweile weiß, ansatzweise.

Vor Kurzem sollte ich eine Laudatio vor einem großen Auditorium halten. Als ich diese fertig geschrieben hatte, trug ich sie probeweise meiner drei Monate alten Tochter Alma vor, da wir alleine zu Hause waren. Ich stand vor ihrer Babywippe und deklamierte meine Rede. Jedes Mal wenn ich zu ihr sah, lachte sie mich an. Was für eine Zustimmung, mehr kann es gar nicht geben. Abends vor 1.400 Menschen zu sprechen und deren Aufmerksamkeit zu spüren, war eine schöne Zugabe.

„Papa, gib mir die Hand, dass ich nicht davonrennen kann“, forderte mich meine ältere Tochter Anna vor einigen Wochen bei einem Spaziergang auf. Sie ist drei Jahre alt. Spät bin ich Vater geworden. Mit 42 Jahren das erste Mal. Nicht später und keinen Tag früher als mein Großvater, der mich sehr geprägt hat und im gleichen Alter erstmals Vater wurde. Seine erstgeborene Tochter ist meine Mutter, die auch den Namen Anna trägt. Unglaublich, wie sich manche Geschehnisse über Generationen „zeitgleich“ im Abstand von Jahrzehnten wiederholen. Ich halte meine Tochter wie verlangt fest und denke mir: „Kind, du weißt gar nicht, wie glücklich ich bin, dass ich dich festhalten darf.“ Die Zeit wird bestimmt kommen, in der das ganz anders sein wird, und schon heute hoffe ich, dass ich sie nicht aufhalten werde, wenn sie nicht mehr um meine Hand bittet und ich sie am liebsten auf den Mond katapultieren möchte.

RAKETENSTART…
Mein ganzes Leben hatte ich immer viel und gern mit Kindern zu tun, ob als Onkel, Lehrer, schauspielender Musiker oder Zirkusdirektor, der ich bei der Kinderklangwolke 2014 war. Kinder zogen mich immer magisch an, was auf Gegenseitigkeit beruhen dürfte. Und ich habe geglaubt, dass ich ahnen könnte, wie es ist, selbst Vater zu sein. Aber das Unvorstellbare ist eben nicht vorstellbar. Man(n) ist schlichtweg Anfänger, wenn das junge Leben und damit das eigene undenkbar neu beginnt. Aber die Kinder fangen einen schnell ein und auf. Manches lernt man mit der Zeit, vieles ist wie ein Raketenstart in eine unvorhersehbare Form des Daseins, und schnell mutiert man vom Anfänger zum Fortgeschrittenen. Aber dessen will ich mir gar nicht so sicher sein, zu groß sind die täglichen Überraschungsmomente. Und schon gar nicht will ich mich ums Staunen oder pure Sprachlossein bringen.

… INS MÖGLICHKEITSLAND
„Heute liest mir die Mama von Johann Sebastian Bach Pippi Langstrumpf vor!“, teilte mir Anna vor einem halben Jahr mit. Ich glaubte immer, dass meine Welt eine offene, sich ständig weiter eröffnende sei. Meine Töchter lehren mich täglich, wie eingeschränkt mein Möglichkeitsdenken und meine Fantasie eigentlich sind. Aber ich lasse mich herausfordern und nehme es mit ihnen auf. Wir kommunizieren oft in einer eigenen Fantasiesprache. Ohrenzeuginnen und -zeugen wu?rden es als Nonsenssprache bezeichnen, aber wir sind nicht einzuschu?chtern, denn wir wissen immer, worum es geht, auch wenn es um nichts geht. Die Eroberung des Nutzlosen ist mindestens so wichtig wie die Langeweile, durch die man letztlich erst selber zur Erfinderin, zum Erfinder wird. Fad ist uns nie. Das Kind kennt Bach, da bei uns daheim auch seine Musik gehört wird oder gelegentlich sogar live erklingt. Bachs Mutter ist mir bei meinen Beschäftigungen mit dem Gottvater der Musik noch nie in den Sinn gekommen. Wenn Herkunft, Zeit und Raum keine Rolle spielen, dann leben wir in einem eben grenzenlosen Möglichkeitsland. Das Undenkbare und Denkbare, das erst gedacht ist, wird möglich.

Meine Kinder zeigen mir, zu wem und wohin ich gehöre, ohne dass sie mir gehören. „Papa, ich höre dich eh“, ruft Anna beim Einschlafen immer wieder aus ihrem Zimmer und meint damit auch, dass ich sie höre. Ich habe ihr dies immer wieder zu bestätigen. Wir Menschen gehören eben zueinander, in dem wir uns hören, in dem wir voneinander hören und damit umeinander wissen. Dies macht mir meine Tochter täglich wieder bewusst.

DIE VERSTEHT MICH
Trotz aller Herausforderungen haben mich meine Töchter unendlich beruhigt. Sie haben mich erweitert und mir gleichzeitig Verstärkung und festeren Grund unter den Fu?.en geschenkt. Dabei sei auch lautstark erwähnt, wie dankbar ich meiner Frau bin, dass sie rund um die Uhr fu?r uns drei Spontane da ist und fu?r uns sorgt. Die Kinder sind mir Komplizinnen im zweckfreien Denken und Handeln, im Hineingreifen in die nutzfreien Töpfe der Fantasie oder im hemmungslosen Ausgelassensein: Sich auslassen und dabei u?ber sich selber stolpern und einfangen ist ein wundersamer Zustand. Ich traue meinen Kindern, traue ihnen vieles zu, was auch mich jenseits des fu?r mich Möglichen fu?hren wird. Und ich traue meiner eigenen Fantasie und Intuition noch viel mehr, seit sie da sind.

Als Anna zwei Tage alt war, haben wir gemeinsam den langsamen Satz aus Mendelssohns Violinkonzert angehört. Neun Minuten hat sie mir ganz wach und unentwegt ruhig in die Augen geschaut. Spätestens bei den Übergangstakten in den dritten Satz, die zum Schönsten gehören, was ich kenne, war mir klar: Die versteht mich, nimmt mich, wie ich bin, ohne dass ich es selber so genau weiß. Eine Komplizin. Mittlerweile sind es schon zwei.

Norbert Trawöger

ist spielender, lehrender, schreibender und gestaltender Musiker, seit 2013 Salonintendant des Linzer Kepler Salons, ab 2017 persönlicher Referent des designierten Chefdirigenten Markus Poschner und Leiter der Kommunikation des Bruckner Orchesters. www.ente.me

Erschienen in „Welt der Frau“ 12/16 – von Norbert Trawöger