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Menschen, die ihr Leben zerschweigen

Zwei Frauen und ein Mann bewegen sich aufeinander zu, Entrinnen gibt es keines. Vielleicht wären sie einander auch nie begegnet, wenn Beba nicht in einem Lokal Klavier gespielt hätte, Isa nicht zu einer politischen Aktivistin geworden wäre und Innensenator Otten einige Entscheidungen anders getroffen hätte.

Der Roman setzt mit Ottens Beerdigung ein, Beba ist dort, geladen von der Familie. Ja, die Frau und die zwei erwachsenen Kinder des Innensenators wissen, dass sie als Hure arbeitet und auch nicht anders bezeichnet werden will. Doch genau genommen liegt das hinter ihr, sie ist schwanger von einem netten jungen Musiker. Aber jetzt der Reihe nach. Ursula Fricker lässt die drei Charaktere direkt aufeinander los, wobei Isa und Beba einander in der Not begegnen und helfen, da weiß ja Beba noch nicht, dass Isa Zeisler heißt, so wie der Freier, der etwa vor einem Jahr aufgetaucht ist. Alles gutbürgerlich, bis eben auf Beba, die geflüchtet ist, einfach daheim abgehauen ist, nachdem ihr Vater in den Flammen des Bauernhofs umgekommen ist. Ja, angezündet, zuvor hat er noch auf dem alten Klavier gespielt, Jazz, ja auch das. Die Kleine hat Sehnsucht nach diesem Vater und schuftet jetzt als Hure, um die unersättliche Mutter und Großmutter daheim zufrieden zu stellen. Doch ihr Eigenes, ein ganz gutes, wie ihr ihre Lehrerin versichert, hat sie sich auch schon zusammengespart.

Dazwischen Bildungsbürger, die mit Beba über ihre Arbeit und über ihre Heimat reden wollen. Nein, man will nicht diskriminieren, nur ein wenig reden halt. Auch Isa will das in der Refugee wellcome-Bewegung: Sie hat noch das Auto, das die Eltern bezahlen und gibt gern noch Geld für teure Lederjacken aus, aber damit will sie bald aufhören. Jetzt zuerst der Hungerstreik. Sie würde gut zu Ottens Tochter passen, die Pferde kauft, aber nicht pflegt, die nach Afrika will, den Armen dort helfen und dann doch wieder nicht.

„Sind wir, dachte Isa, nicht alle Kinder von Eltern, die alles besser machen wollten? So frei, wie sie erzogen wurde, sollte sie längst frei sein. Nie wurde dem Kind Zwang angetan, eigenmächtig durfte es seine Entfaltung bestimmen, wann, wo und wie, so war es gedacht.“

Doch jetzt ist Isa ausgebrochen, hat sich radikal für die Flüchtlinge und deren Bleiberecht eingesetzt und greift zu immer drastischeren Mitteln, um Otten einzuschüchtern. Aber auch der erinnert sich an besser Zeiten, linksintellektuell war er, jetzt überlegt er Zwangsräumungen und versteht nicht, warum die FlüchtlingsfreundInnen einfach einen Obdachlosen verprügeln, der im warmen Zelt Zuflucht suchte. Lag er falsch? Was machte seine Frau stundenlang im Reiterhof in der Box ihres Pferdes? Was will er selbst noch vom Leben: noch mehr Geld, seine Macht spielen lassen? Ottens Überdruss, Bebas Sehnsüchte und Isas Widerstände treffen aufeinander, wie gesagt: Wohlstandssorgen treffen auf eine Beba, die nicht zimperlich ist, wenn es um sie geht, die einfühlend ihrer Freundin beisteht, die weiß, dass man auf sich achten sollte und dabei hinreißend Klavier spielt. Noten sollte sie aber schon noch lernen.

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Zynismus der besten Art, Spannung, differenziert geschilderte Charaktere, Idyllen und Antiidyllen, Verlogenheit, stringente Handlungsführung, hinreißende Nebencharaktere, die Rehbraten servieren, Bestürzung, Orientierung inmitten einer schrägen Welt, Verzweiflung in unterschiedlicher Intensität, kleine Hoffnungen, Brutalität Frauen gegenüber, Banalität in so manchem Engagement des Bildungsbürgertums.

 

Die Autorin, 1965 in Schaffhausen geboren, studierte Sozialarbeit, arbeitete in einem Heim für geistig behinderte Menschen sowie als Theaterpädagogin; sie arbeitet als Journalistin und veröffentlichte bis jetzt drei Romane.

 

 

Ursula Fricker:

Lügen von gestern und heute.

Roman.

München: dtv 2016.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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