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„Mi nanüt.“: Mund-Art<br>ab 5 Jahren

„Wos´n des?“ – „Geh, du kannst keinen Mundart“, hat unlängst ein Freund zu mir gesagt, „Nimm es endlich zur Kenntnis.“ Eine harte Aussage. Sie setzt aber voraus, dass Mundart zu sprechen etwas mit Können zu tun hat. Kunst kommt ja bekanntlich – auch – von Können. Mich hat das getroffen. Ich mag regional gefärbte Sprache. Ausdrücke wie Kukuruz, Paradeiser und Kriecherl ganz besonders und benutze sie bewusst und gern. Das Wort „Erdäpfel“ schmeckt mir besser als „Kartoffeln“. Aber Mund-Art im Sinne von Kunst, die mit den Sprechwerkzeugen produziert wird, klingt meist nur dann wirklich authentisch, wenn sie quasi unreflektiert mit der Muttermilch aufgesogen worden ist. Nachträglich erlernen? Schwierig. Das „Sprich ordentlich, Veronika!“ im Lehrerhaushalt meiner Eltern hab ich noch gut im Ohr. Und so dürfte mein Bemühen um Dialekt-Äußerungen halt tatsächlich irgendwie bemüht klingen. Auch wenn ich dankbar bin, dass für mich als Kind bald klar war: „Brün“ reimt sich zwar genial auf „grün“, wird aber doch gänzlich anders geschrieben: Brille. Das erleichtert den Erwerb der Schriftsprache. Das bewusste Nebeneinander von Mundart und Standardsprache ist für Kinder die erste zweisprachige Kompetenz und unermesslich bereichernd. „Was heißt das genau?“ und „Wie sagt man da noch dazu?“ stoßen Gespräche über Sprache an und erweitern Ausdrucksmöglichkeiten. Jetzt gibt es ein Bilderbuch, das dazu einlädt, genau mit diesen Varietäten zwischen gesprochener Standardsprache, Mundart und Kunst- oder Fantasiesprache vergnügt zu spielen. Als spannendes Kreativmaterial präsentiert sich Sprache darin mit all ihrer Vielfalt.

Erstaunlicherweise funktioniert das Vorlesen der scheinbaren Nonsens-Wörter im Dialekt viel geschmeidiger und sinnhafter als beim akkuraten Aussprechen, treu den durch die Buchstaben bezeichneten Phonemen. Ähnlich wie beim Lesen von Mundart-Lyrik mit der nützlichen Hemmschwelle zwischen lautlosem Probieren und stimmhaftem Produzieren ist es mir beim Vorlesen von Carson Ellis „Wazn Teez?“ gegangen. Mit leger entspannten Sprechwerkzeugen fällt vieles leichter. Und wen stört es, wenn ich nicht exakt das lese, was hier steht? Nur akribisch mitlesende Schulkinder würden vielleicht Anstoß nehmen.

Das faszinierende Buch – „Du Iz Tak“ im Original – wurde in drei Schritten von Fantasie-Englisch auf Standard-Englisch, dann in Standard-Deutsch und Fantasie-Deutsch übersetzt und erschien im heurigen Frühjahr bei Nord-Süd. Mit viel Gespür für witzig klingende Dialoge hat der deutsche Kabarettist und Autor Jess Jochimsen, zusammen mit der Kölner Theaterregisseurin Anja Schöne, den Text in die Fantasiesprache übertragen.

Uns erwartet ein „fantastisches Sprachabenteuer“ und abenteuerlich geht es auch auf der Handlungsebene zu. Zwei elegante Libellen bewundern den ersten Spross. Drei quirlige Käfer, Knipsis, werden aktiv, krabbeln zuerst die junge Pflanze empor, leihen sich dann eine Leiter von den Izzis, dem betagten Assel-Pärchen, das im hohlen Baumstamm haust, um die Pflanze komfortabler in Besitz zu nehmen.

„Miwi bam buudi an Forzung!“ taucht im Käferköpfchen ein großer Plan auf, kaum hat sich Kollege Kartoffelkäfer mit seiner Lektüre niedergelassen. (Klar dass er ein Bücherwurm … äh…-Käfer ist, erinnern seine gestreiften Flügel doch an die linierten Seiten eines Schulheftes, das nur auf „Beschriftung“ wartet.) Emsig tragen die drei Freunde allerhand Material zusammen, ganz wie Kinder beim Bau eines Lagers oder einer Höhle im Wald. Sie errichten ein stattliches Baumhaus, ja, eine Festung. Zum Schrecken der Bewohner bedroht ein titti Schroxxler, eine monströse Tarantel mit acht Augen, das junge Glück im Eigenheim und beginnt ein horrendes Netz darüber zu spannen. Unverhofft und sehr plötzlich sorgt die Nahrungskette für Gerechtigkeit und Frieden im Käferreich: Ein riesenhafter Vogel taucht aus dem Nichts auf und schnappt sich den haarigen Leckerbissen. Er verdeckt dabei fast die ganze rechte Buchseite. Gerade rechtzeitig werden die Kerlchen im Blumenhaus mit den Aufräumarbeiten fertig, ein paar Spinnfäden kleben noch an den Blättern.

Nach dem Umblättern spreizt die unbeschreiblich schöne Wunderblüte ihre Kelchblätter, fächert sie weit und breit auf: „An mirobelli Freuenschuh!“ ruft die versammelte Schar verzückt im Chor. Und dass es eine seltene Blume namens „Frauenschuh“ gibt, ist im Vorlesekreis Anlass für fantasievolle Neuerfindungen von Blumennamen. Im Insektenreich heißt es unterdessen langsam Abschied nehmen vom Sommer. Die einst blühende Behausung zerfällt, neigt sich zur Erde. Knipsis, Izzis und Uugi (Ameisen) sagen Ade und verkriechen sich ins Winterquartier: „Ba baa!“

„Ba baa!“ war auch der Gruß des Rauperichs mit kessem Ziegenbärtchen ganz zu Beginn, auf der zweiten Doppelseite, kurz vor seiner Verpuppung. Gut im Kokon verborgen transformiert er sich in eine filigrane Schönheit. Grazil schwebt in einer sternenklaren Winternacht ein Nachtfalter-Fräulein in eleganten Loopings über die gesamte Doppelseite. Unter ihr die fahlen Überbleibsel der stolze Forzung, trockene Blätter verweht der Wind. Aus ihrem engen Gehäuse gelockt haben sie zirpenden Geigenklängen eines fiedelnden Nachfalter-Männchens.

Die Geschichte, die Ellis durch die frischen Wortwechsel ihres Insektenvölkchens zum Ausdruck bringt, dreht sich um das einzig Verlässliche in unserem Erdendasein: die Vergänglichkeit und das sichere Wiederkehren von Aufbruch im Kreislauf der Natur. Darauf können wir besonders während der dunklen Jahreszeit vertrauen. Nach jedem Winter stehen wir staunend vor einem grün-saftigen Spross: „Wazn Teez?“ – und die Antwort im Insektenreich könnte durchaus „Mi mori an Plumpse“ lauten. Woran würde dich diese grüne Erscheinung aus dem Erdreich erinnern? Was würdest du vielleicht dazu sagen, wenn du als Knipsi leben würdest?

 

P.S.: Noch eine allgemeine Weisheit am Rande: Was wir natürlich längst wussten, nur war es uns nicht richtig bewusst – Des Marienkäfers Leibgericht kann eindeutig nur der Fliegenpilz sein!

Und auch wenn ich keine Mundart „kann“, ich bleib stolz bei meinen verbalen Schmankerln, bei meinem Euzerl Mundart mit kostbaren sprachlichen Zniachtln und Zwutschgerln!

Carson Ellis:

Wazn Teez?

Übersetzt von Jess Jochimsen und Anja Schöne

NordSüd Verlag 2017

 

Grandios ist auch Carson Ellis Bilderbuch „Zuhause“, im Vorjahr bei NordSüd erschienen.

Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren und lebt als Buchhändlerin in Ottensheim (OÖ). Als Mitarbeiterin des „Kleinen Buchladens“ sieht sie sich als Vermittlerin – als Leseanimateurin für Kinder besucht sie Bibliotheken und Kindergärten. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ während ihrer dritten Karenz war ein Glücksfall. Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus“ gaben neue Ausrichtung und inspirierten zu Referententätigkeit übers Bilderbuch. Mit ihrer schauspielenden Freundin teilt sie neuerdings die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und tritt fallweise als Grille oder sogar Meerjungfrau auf.