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Mir schmeckt mein Leben wieder

Über 200.000 Mädchen und Frauen in Österreich leiden an Essstörungen wie Bulimie und Magersucht. Tendenz steigend. Was ist der Hunger, den weder Völlern noch Fasten stillt?

Entschlossen bestellt Martina Ennikl einen Milchkaffee mit Schaumkrone und Zucker. Dazu ein Glas Apfelsaft. Macht in Summe rund 200 Kalorien. Nach unserem Treffen wird sie ihr Lebensgefährte zum Dinner ausführen. Ergibt mit Dessert geschätzte 800 Kalorien. Bis vor einigen Jahren hielt sich die 30-jährige Sekretärin solche Genüsse strikt vom Leib. Damals war sie anorektisch, also magersüchtig, wog 32 Kilo und aß nicht mehr als ein Diätjoghurt und eine Scheibe Brot pro Tag. Kaffee, Tees, Suppen und andere flüssige Nahrung zählten für sie zu den unnötigsten Kalorien. „Wohl hätten sie mich gewärmt. Aber lieber fror ich, als nur ein Gramm zuzunehmen“, gesteht die Oberösterreicherin.

SIGNALE IGNORIEREN
Sogar im Sommer trug sie Schals und dicke Pullover. Nachts hüllte sie sich in drei Decken, so sehr lechzte ihr ausgemergelter Körper nach Energie. Je erschöpfter und nervöser sie wurde, umso mehr ignorierte sie seine Signale. Jagte sie der Hunger um vier Uhr früh aus dem Bett, schrubbte sie Böden oder lief um den Block. Jede Verbrennung war ihr recht. Das Wissen, mit Willenskraft ihren Körper beherrschen zu können, verschaffte ihr Befriedigung. Mit glänzenden Augen erzählt sie von ihren sichtbaren Rippen und ihrem „Thigh Gap“ – dem Spalt zwischen ihren Oberschenkeln, der immer breiter wurde. Es ist schwer zu sagen, ob da restlicher Stolz aus ihr spricht oder Selbstmitleid. Vermutlich beides. „Das knurrende Loch im Magen war das geilste Gefühl. Nur dann war alles in Ordnung, dachte ich.“

Dass sie heute reflektiert über ihre Sucht sprechen kann, habe sie nur mit therapeutischer Hilfe geschafft, gesteht sie. Jeder Betroffene könne wieder zu essen beginnen, doch das destruktive „Terrorprogramm im Kopf“ schalte keiner aus, solange er nicht die psychologischen Mechanismen und Dynamiken dahinter verstehe. Ennikl ist es gelungen, selbst auferlegte Suchtgesetze als Betäubung gegen unliebsame Emotionen zu entlarven. Und sie hat erkannt, dass permanente Beschäftigung mit Mahlzeiten, Nahrungsbeschaffung et cetera Betroffenen nur vermeintlich Struktur, Halt und Zufriedenheit bietet. 

WEIBLICHER, ERWACHSENER
Die Pubertät gilt als Nährboden für Essstörungen. 90 bis 97 Prozent aller Betroffenen sind Gesundheitsberichten zufolge Mädchen und junge Frauen. Der weibliche Körper verändert sich in der Adoleszenz stark. Viele junge Frauen sind unsicher in dieser Zeit und orientieren sich daher an gesellschaftlich diktierten Körpernormen und Schönheitsidealen. Wie verzerrt hierdurch die Selbstwahrnehmung werden kann, zeigt eine aktuelle Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO. Darin weisen bereits Zehnjährige erste Symptome von Essstörungen auf! Jedes zweite befragte 15-jährige Mädchen gibt an, sich „zu dick“ zu finden, obwohl nur elf Prozent tatsächlich übergewichtig sind. Weitere 24 Prozent haben eine Diät hinter sich.

Martina Ennikl war 16, als sie entschied, alles Weiche an ihr müsse hart werden. Unbewusst wollte sie sich aus bedrückenden Stimmungen herausstehlen. Gerade hatte sie ihr erster Freund per SMS abserviert. Zudem konkurrierte sie mit größeren Klassenkameradinnen, die „schlanker, weiblicher und erwachsener wirkten“. Schon als Kind litt die 1,53 Meter große Steyrerin darunter, zu den Kleinen zu gehören. Sticheleien erlebte sie als verletzend und diskriminierend. Aber das behielt sie für sich. Ihre Mutter habe nach der Scheidung genug um die Ohren gehabt mit Haushalt und drei Kindern, schildert sie. Und ihr Vater sei entweder arbeiten gewesen oder betrunken. 

Ihre Erinnerung an diese Jahre ist verblasst. Nur eines hat sie genau vor sich: Papas Eintrag in ihr Freundschaftsbuch. „Du bist mein Augenstern“, stand dort. Für ihn wie für alle anderen war sie eben die „liebe kleine Martina“. Doch genau solche Verniedlichungen trafen ihren wunden Punkt. Deshalb wollte sie als Teenager unbedingt als „knackige Frau“ wahrgenommen werden. Um das „runde Mondgesicht, Speckringe und alles Süße an mir“ schnell loszuwerden, entwickelte sie ein Konzept von ihrem neuen Ich. Das alte hatte sie satt.

WELT DER ENTHALTSAMKEIT
Ihr „verbissener Ehrgeiz“ half der ehemaligen Einserschülerin beim Kasteien. Zuerst cancelte sie Naschereien, dann auch das Abendessen. „Hey, hast du schön abgenommen! Schaust super aus!“, schwärmten ihre FreundInnen. Diese Komplimente erlebte Ennikl „wie eine Ehrung auf dem Siegerpodest“. Sie wollte mehr davon. In Windeseile hungerte sie sich auf „size zero“ herunter. „Das war ein Schrei nach Anerkennung“, sagt sie heute und meint nicht Lob damit. Gelobt und geherzt sei sie genug worden. Sie wollte Überlegenheit demonstrieren, Stolz und Stärke: „Seht her, wie ich mich zügeln kann und wie schwach ihr alle seid!“

Mit ihren Verboten bezwang die Anorektikerin nicht nur „überflüssige Kilos“, sondern auch Traurigkeit, Grant, Frust und jedes Verlangen. Konditionierte Leitsätze wie „Ich darf nicht, ich darf nicht“ beschallten den ganzen Tag über ihre Zwangsgedanken und sogen sie immer tiefer in ihre Welt der Enthaltsamkeit. Ein Konstrukt, in der Disziplin als Meisterleistung galt, die Zahl auf der Waage als Erfolgsmesser und Bewunderung als einziger Garant dafür, gesehen zu werden. Unersättlich darbte sie weiter. Sogar dann noch, als sie von der angestrebten Weiblichkeit längst meilenweit entfernt war. Die Menstruation ausblieb. Ihr Mund faulte. Ein dunkler Babyflaum ihre Haut übersäte. 

GEÄNDERTE PERSÖNLICHKEIT
„Lanugo-Behaarung heißt das“, erklärt sie und streicht über ihren Unterarm. Ein paar Härchen dieses schützenden Wollflaums, den sonst nur Ungeborene und Babys haben, sind ihr geblieben. Wär es nur das! „Diese Sucht zerstört das Leben. Man wird ein anderer Mensch“, seufzt sie und meint damit ihre krasse Persönlichkeitsveränderung. Ihre Mutter sei damals knapp davor gewesen, sie in eine Nervenklinik „einweisen“ zu lassen. Bis heute ist sie ihr dankbar, dass sie es nicht tat. Dass sie sie einfach nur sein ließ und darauf vertraute, dass ihre Tochter allein den Weg zurückfindet. „Alles andere wäre mein Tod gewesen. Ich wollte nicht mehr leben, hätte niemandem zuliebe mit dem Hungern aufgehört. Trotzdem darf man Magersüchtige nie aus den Augen lassen. Sonst verschwinden sie.“

NEUE WORTE WÄHLEN
Dass nicht alles tödlich endete, verdankt Ennikl auch einer Freundin, die ihr nur zuhörte, sie nie verurteilte. Und ihrem Partner Christian, der mit ihr durch alle Tiefen ging und sie nie aufgab. Stattdessen machte er ihr das Leben wieder schmackhaft. Erinnerte sie daran, wie erfüllend es ist, zu genießen. So kamen nach und nach ihr Appetit wieder und die Freude am Sein. Dass Ennikl ihre Einstellung geändert hat, zeigt sich an ihrer bewussten Wortwahl. „Ich darf nicht“ und „Ich muss“ ersetzt sie durch „Ich brauche nicht“. Auch über ihre lang geheim gehaltene Leidensgeschichte und Diättricks spricht sie heute offen. Alle sollen Bescheid wissen. Das sei der beste Schutz, um nicht eines Tages zu kippen, sagt sie. Denn eines ist ihr klar: „Essstörungen kann man nie ganz besiegen, die verzerrte Wahrnehmung bleibt.“

DAZWISCHEN ZERRISSEN
Als „Spiegel fehlender Selbstakzeptanz und Selbsttreue“ sieht Stefanie Sonnleitner, 36, ihre Essstörung. Sie begann, als Sonnleitner zehn Jahre alt war, verschlimmerte sich fünf Jahre später zur manifesten Magersucht und schlug, als Sonnleitner 20 war, in Bulimie um. Dieses Krankheitsbild zeichnet sich durch einsame Essorgien mit anschließendem Erbrechen oder forcierten Stuhlgang aus – selbst induziert durch Abführmittel und Darmspülungen. Sonnleitner plagte die Sucht zehn Jahre lang so sehr, dass sie sich in ihrer Wut und Ohnmacht selbst schnitt und ritzte. Ihr rechter Oberarm ist tätowiert, der linke vom Hand- bis zum Schultergelenk mit Narben gepflastert. Diese Schmerzen ertrug sie lieber als ihre Machtlosigkeit. Schon als Kind lähmte sie die Angst. Ungern verließ sie das Haus. Fremde Leute und unberechenbare Situationen waren der Kärntnerin unheimlich. Nie wusste sie: „Was könnte man diesmal von mir erwarten? Werde ich den Anforderungen der Erwachsenen entsprechen? Und was, wenn ich das nicht will? Diese innere Spannung war irre.“ Sogar banale Alltagssituationen brachten sie in den Zwiespalt. So zum Beispiel verstand sie nicht, warum alle wollten, dass sie Zöpfe und Kleider trägt, obwohl sie mit Kurzhaarschnitt und Bubenklamotten viel glücklicher war!

IM TROTZ STECKENGEBLIEBEN
In ihrer kindlichen Unbeholfenheit forderte sie damals stets das Gegenteil. Diesen Trotz hat sie kultiviert. Bis sie sich zerrissen fühlte zwischen Ex­tremen und nur noch Essen sie beruhigte. Als Zehnjährige vertilgte sie locker acht Marillenknödel, obwohl sie längst satt war. In ihrem Kopf schuf eben nur ein Speckgürtel den nötigen Abstand und schützte sie vor den „Übergriffen der anderen“. Als Stefanie Sonnleitner 15 war, eskalierte ihr Essverhalten. Burschen hänselten sie ob ihres jungenhaften Aussehens. Das verstärkte ihren Verdacht, nicht okay zu sein. Komplexbehaftet passte sie sich an, strafte sich mit Nahrungsentzug. Nur so hatte sie Kontrolle! Mit 17 wurde sie stationär therapiert. Nach der Matura ließ sie Stress und Heimat zurück, fühlte sich im Ausland „frei“. Bis sie beim Studium in Schultracht gepresst wurde. Ins nächste Korsett. In die nächste Essstörung: Bulimie.

Jahrelang hatte das Fasten in der Magersucht ihren „Geist geklärt und sie dem Himmel näher gebracht“. Das Völlern bewirkte nun das Gegenteil: die gewünschte „Erdung“. Aber eine gesunde Körperbalance gab es nach wie vor nicht. „Erst seit ich veganes Essen für mich entdeckt habe und mich sportlich betätige, fühle ich mich emotional stabiler“, sagt Stefanie Sonnleitner. Zu ihrer inneren Ausgeglichenheit tragen Meditationsübungen bei, viel Zeit in der Natur und Gespräche, in denen sie sich immer erlaubt, ganz sie selbst zu sein. 

GROSSES THEMA FRAUENBILD
Ihre Erfahrungen hat sie als Gastronomin inzwischen zu ihrer Profession gemacht. Mit ihrer Mutter Sissy führt sie ein Haubenrestaurant und hält Ernährungsseminare. Dass Essstörungen in ihrer Familie gehäuft vorkommen, verschweigt sie nicht. Auch ihre drei Schwestern leiden daran, ihre Mutter habe „eine gewisse Abhängigkeit von Zucker“, verrät sie. Nicht nur diese dürfte Stefanie Sonnleitner von ihr geerbt haben.

Durch Psychotherapie erkannte sie, dass vieles mit ihrem „falschen Frauenbild“ zusammenhänge. „Beim Generationswechsel unseres Wirtsbetriebs waren meine drei Tanten stark genug, Nein zu sagen. Meine Mutter hingegen stellte sich zur Verfügung und gab ihren Berufswunsch als Floristin auf. Mit dieser Entscheidung arbeitete sie gegen ihre Natur. Unbewusst dürfte ich Mamas Verhalten übernommen haben.“ Seit Stefanie Sonnleitner dies bewusst ist, ruht der Kampf in ihr. Ebenso die Frage, wie Frauen sein und aussehen sollten.

„Selbstmitgefühl darf sein“

Psychiaterin Dr.in Gudrun Fremut leitet im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Wien ein stationäres Therapieprogramm für Menschen mit Essverhaltensstörungen.

Ihr Angebot gibt es seit 25 Jahren. Wie sieht es konkret aus und wer nutzt es?

Gudrun Fremut: Das Gros der Patienten sind Frauen zwischen 18 und 30 Jahren. Die Störungen des Essverhaltens, meist Bulimie und Magersucht, sind bereits schwer ausgeprägt. Sowohl der tagesklinische als auch der stationäre Turnus dauert jeweils acht Wochen. An Ersterem nehmen meist Frauen teil, die körperlich in der Lage sind, den anstrengenden Wechsel zwischen Alltag und intensiver Therapie zwischen 8.30 Uhr und 16.00 Uhr zu bewältigen. Manche haben auch soziale Verpflichtungen, wie Versorgung von Kindern oder Haustieren. Den stationären Turnus nutzen Frauen, die aufgrund von schlechtem Gesundheitszustand intensivere medizinische Betreuung brauchen, oder solche, bei denen ein Abstand zu ihrem sozialen Umfeld wichtig ist. Manchen wird eine Verlängerung angeboten, sie bleiben dann vier Monate bei uns. Im Anschluss empfehlen wir immer eine Fortsetzung der Therapie beim niedergelassenen Psychotherapeuten, da die Problematik tief liegend und komplex ist. 

Gearbeitet wird gruppentherapeutisch. Warum?

In der Therapie werden die Patientinnen ermutigt, sich mit ihren meist sehr schwierigen Entwicklungsgeschichten auseinanderzusetzen. Häufig sind diese geprägt von Verlassenheit, Mangelversorgung, früher emotionaler Überforderung, Leistungsdruck und Entwertung, bis hin zu körperlicher oder sexualisierter Gewalt. Da hinzuschauen macht Angst, tut weh und ist sehr schambesetzt. In einer vertrauensvollen Atmosphäre in der Gruppe fällt es den Frauen oft leichter, sich diesen schwierigen Themen anzunähern. Sie erkennen, dass sie sowohl in ihrem Leid als auch in ihrer Essstörungssymptomatik nicht alleine sind und endlich einmal verstanden werden. Oft ist es auch leichter, über den Umweg von Mitgefühl für andere das eigene Leid anzuerkennen und sich dafür nicht zu entwerten. 

Wie zeigt sich dieses Entwicklungsdefizit in der Therapie?

Die Patientinnen können Gefühle oft wenig differenziert wahrnehmen und benennen, weil sie das nie gelernt haben oder von starken Gefühlen überschwemmt werden. Andere versuchen, sogenannte „negative Gefühle“, wie zum Beispiel Wut, Angst, Traurigkeit, Scham oder Unsicherheit, zu unterdrücken, da dies in ihrer Erfahrung immer zu negativen Reaktionen vonseiten ihrer Bezugspersonen geführt hat. Das zeigt sich häufig in der Maltherapie beim Thema „Mein Gefühlshaus“, wo sie diese Gefühle meist in den Keller verbannen. Ein breites Spektrum an Gefühlen gehört aber zum Leben. Gefühle sind wichtig, um Konflikte auszutragen, um für Wünsche einzutreten, um Nähe und Distanz zu regulieren und vieles andere mehr. Gemeinsam ist vielen Patientinnen eine tiefe Selbstunsicherheit bis hin zu ausgeprägtem Selbsthass. 

Vor allem Anorektikerinnen lieben Kontrolle. Warum?

Kontrolle über das Essen vermittelt ihnen Sicherheit und Orientierung, macht sie stolz und gibt ihnen ein Gefühl von Macht. Sie haben häufig, zumindest am Beginn der Erkrankung, wenig Leidensdruck und sind daher oft schwer zur Therapie motivierbar. 

Bulimikerinnen haben eine schlechte Impulskontrolle. Welche Funktion erfüllt die Sucht für sie?

Essanfälle wirken vorübergehend beruhigend, nehmen Spannung und betäuben starke Gefühle, die schwer ausgehalten werden können. Das Erbrechen dient meist der Gewichtskontrolle, bei manchen dient es auch zur Abfuhr von Spannung und Aggression. Dieses unkontrollierte, impulshafte Verhalten ist sehr schambesetzt. Die Geheimhaltung führt zu Schuldgefühlen und Selbstentwertung und dies oft unmittelbar zu neuen Ess-Brech-Anfällen. Sie fühlen sich qualvoll in diesem Kreislauf gefangen. 

Was lernen Betroffene bei Ihnen in erster Linie?

Mir ist es sehr wichtig, ihnen einen freundlicheren, verständnisvolleren Blick auf vergangenes und gegenwärtiges Leid zu vermitteln, weg von Selbstentwertung und Selbsthass, hin zu mehr Selbstmitgefühl und Selbstfürsorge. Dazu gehört natürlich auch, dass sie zu verstehen lernen, welche Funktion in diesem Kontext ihr Essverhalten hat, und dass ihr Versuch, ihren Selbstwert über den „idealen Körper“ zu stabilisieren, eine Sackgasse ist. Wichtig ist mir auch, sie zu ermutigen, Geduld zu haben und die Hoffnung nicht zu verlieren, da der Weg aus der Krankheit meist ein langer und mühsamer ist. Ich denke, es lohnt sich, für ein selbstbestimmtes, gesünderes und glücklicheres Leben zu kämpfen.

6-Schritte Programm

Zwei bis drei Jahre dauert die Behandlung von Essstörungen. Die Wiener Gesundheitspsychologin Sabine Kern plädiert für eine ganzheitliche Auseinandersetzung mit der Krankheit.
  1. Bedürfnisse wahrnehmen: In der Kindheit haben Bezugspersonen häufig Bedürfnisse nicht korrekt interpretiert und adäquat beantwortet. Folge: Betroffene haben nicht gelernt, ihre Gefühle zu regulieren, und versuchen es mithilfe von Diäten. Kontrolle soll die Angst vor dem Gefühlswirrwarr eindämmen. Kern hilft Betroffenen, ihre Wünsche ernst zu nehmen und zu artikulieren. Oft muss sie erst eine Palette an Gefühlsbezeichnungen anbieten, weil Betroffene zwischen Wut, Trauer und Ohnmacht nicht unterscheiden können.
  2. Selbstwirksamkeit erarbeiten: Betroffene leiden häufig unter mangelndem Selbstwert und geringer Selbstempathie. Sie definieren sich über Leistung und Erfolg. Beides muss hervorragend sein, sonst empfinden sie ihr Handeln als Scheitern. Kern vermittelt, wie man mit Imperfektem umgeht, in einen liebevollen Dialog mit sich selbst tritt und sich eine tröstende, fürsorgliche, wertschätzende Freundin wird. Unabhängig von Leistung!
  3. Über Nebenwirkungen aufklären: Transparente „Psychoedukation“ ist wichtig. Kern klärt Betroffene über metabolische, also den Stoffwechsel betreffende Mechanismen auf. Je mehr die Nahrungsaufnahme gezügelt wird, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit einer darauf folgenden Essattacke.
  4. Körper und Geist aussöhnen: Nach dem Motto „Der Wille ist stark, aber das Fleisch ist schwach“ betrachten Betroffene ihren Verstand als stark, ihren Körper als triebgesteuert. Sie wollen ihn disziplinieren. Sie tolerieren nicht, dass er ein Eigenleben hat. Durch einen perfekten Körper glauben sie, sich vor Kritik und Kränkungen schützen zu können. Kern zeigt ihnen, dass Gewicht nicht ausschlaggebend ist für das Wohlgefühl. Achtsamkeits- und Entspannungsübungen sowie sinnliche Körperpflege wecken angenehme Gefühle. Der abgelehnte Körper wird wieder angenommen und zum heilsamen Wohlfühlraum.
  5. Eigene Weiblichkeit definieren: Essstörungen sind soziokulturell bedingt. Kern rät, die stereotype Normierung „So muss Frau sein“ infrage zu stellen. Bulimikerinnen wollen dem sehr entsprechen, sähen oft aus wie aus dem Ei gepellt. Anorektikerinnen persiflieren das Schönheitsideal. Kern ermutigt, sich mit dem Frausein auseinanderzusetzen. Jede Frau könne zu jeder Zeit selbst entscheiden, welche Rollen sie leben will.
  6. Begleitung durch FachärztInnen und ErnährungsberaterInnen: Essstörungen können schwere somatische Beschwerden nach sich ziehen, bei Magersüchtigen sogar zum Tod führen. Elektrolythaushalt und Blutwerte gehören daher regelmäßig geprüft. Wichtig ist auch das Erlernen von normalen Portionierungen und gesunden, bekömmlichen Ernährungsgewohnheiten.

Erschienen in „Welt der Frau“ Ausgabe 2/15 – von Petra Klikovits