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Mira Lobe wäre 100 und ist unsterblich
Verlagschefin Hildegard Gärtner führt den Jungbrunnen-Verlag in Wien. „Das kleine Ich bin ich“ hat sie für Welt der Frau auf Russisch herausgebracht. Dessen Autorin Mira Lobe ist im Verlag in der Wiener Rauhensteingasse allgegenwärtig.

Am Besprechungstisch im Dachzimmer der Verlagschefin blüht eine prächtige Christrose. Der langjährige Druckpartner hat sie als Vorweihnachtsgeschenk gerade vorbei gebracht. Auch sonst war der ruhig geplante Vormittag alles andere als beschaulich. Eine Autorin, die gerade in Wien ist, schaute vorbei, ein Buch musste für den Druck fertig gemacht werden – und die beiden Manuskripte, die am Tisch auf ihre Begutachtung warten, werden das noch länger tun. Denn nun bin ich neugierig. Der Verlag hat viel gefeiert: 90 Jahre Verlag, 40 Jahre Kleines Ich bin ich und jetzt auch noch 100. Geburtstag der prominentesten Autorin des Hauses Mira Lobe. Welche Häufung von Jubiläen.

Also, das Kleine Ich bin ich. Ein Bestseller seit Jahren, unverbraucht, geliebt von Generationen. Was gibt es da noch Neues? Zum Beispiel: Die originellste Ausgabe des „Kleinen Ich bin ich“. Die produzierte Hildegard Gärtner vor einigen Jahren. Da entstand die Idee, das Buch viersprachig zu machen und an Migrantenkinder in Oberösterreich zu verteilen. Wie sollte aber nun so viel Text in die von Susi Weigel so unverwechselbar gestalteten Illustrationen eingefügt werden? Ausklappbare Textflappen, das war die Lösung! Sie fügen sich wie selbstverständlich in das Buch! Hildegard Gärtner ist noch heute stolz auf diese Lösung.

Im Vorjahr, anlässlich des 90. Geburtstages des Jungbrunnen-Verlages, wurde der Kinderbuchklassiker erstmals auf Russisch übersetzt. 5000 Stück wurden bisher an Kinder in Weißrussland, Russland und Moldavien verschenkt. Die Pädagoginnen in den Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen bekamen zusätzlich tolle Unterlagen, um mit dem Buch zu arbeiten. Ein voller Erfolg, wie Sigried Spindlbeck bestätigt. Sie hat als Mitarbeiterin der Caritas Linz die Aktion koordiniert und abgewickelt. Dieser Tage hat sie weitere 3000 Bücher bei Hildegard Gärtner geordert. Die Spenden der Welt der Frau-LeserInnen für das ungewöhnliche Projekt machen das möglich.

Mira Lobe ist im Dachgeschoß des Verlagshauses in der Rauhensteingasse allgegenwärtig. Heuer wäre die begnadete Autorin 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass hat der Verlag die Buchhändler gefragt, welches der zahlreichen Lobe-Bücher sie gerne neu aufgelegt haben möchten. Die Buch-Dealer entschieden sich für „Lollo“, die Geschichte einer Puppe, die auf dem Müll landet und daraus sich und andere rettet. „Lollo“ steht im Regal neben dem größten Erfolg der Saison: „Manchmal ist ein Fasan eine Ente“. Ein Comic-Bilderbuch, das Peter Turrinis Gespräche mit Theresa, einem kleinen Mädchen, erzählt. In Szene wurden die beiden gesetzt vom Zeichner Gerhard Haderer.

Die Germanistin Hildegard Gärtner leitet den Verlag seit 21 Jahren. Zehn Bücher werden meist pro Jahr neu verlegt. Um die hundert Manuskripte langen im Lauf des Jahres unverlangt bei ihr ein. „Wenn eines davon produziert wird, ist das schon viel“, sagt sie. Die meisten Texte kommen von Autorinnen und Autoren, die „zum Haus“ gehören. Wie Mira Lobe, wie Heinz Janisch, wie Michael Roher, wie Linda Wolfsgruber oder Helga Bansch.

„Wir machen keine Fantasy und keine Detektivgeschichten“ erzählt Hildegard Gärtner. Geschichten, die ihr gefallen, haben einen literarischen Anspruch, sind künstlerisch bebildert und haben einen Bezug zur Realität. Immerhin will der Verlag „Kinder in ihren Lebenswelten ernst nehmen“. Wie ein kleines Boot steuert der Wiener Verlag mit nur vier Mitarbeiterinnen im weiten Meer der Bücherwelt. Zahlreiche Preise und eine erfolgreiche Backlist bestätigen den Kurs der Frauencrew.

Als ich gehe, greift Hildegard Gärtner noch nach einem Stofftier mit langen Ohren, langer Nase und langen Schlenkerbeinen, das am Sideboard sitzt und auf seinen Auftritt wartet. „Das ist eine Schliefernase“ sagt sie und knuddelt das seltsame Wesen. Es ist, wen wundert es, einem Bilderbuch entstiegen. Gerade so wie das Kleine Ich bin ich, das rot und weiß, blau, grün und gelb kariert schon viele Leben absolviert hat. Sogar im fernen Russland.

Mehr Infos: www.jungbrunnen.co.at