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Mit 17 Jahren steht einem noch die Welt offen. Welche Träume und Wünsche hatte beziehungsweise hat man als junge Frau ans Leben? Mütter blicken zurück, ihre 17-jährigen Töchter blicken in die Zukunft.

Weltschmerz und Selbstbewusstsein

Mag.a Dagmar Nötzl, 54, Biologielehrerin, Alleinerzieherin, und Tochter Klara, 17

 

MUTTER DAGMAR ?

Dagmar Nötzl hat zurückgerechnet: 17 Jahre alt war sie im Jahr 1974 ? »und damals noch mitten in der pubertären Missstimmung und in dunkler Einsamkeit«. Wütend auf alle LehrerInnen, zornig auf die Familie und unglücklich mit sich selbst. Aufmüpfig bis revoltierend in der Schule und daheim gegen zu enge Strukturen. Ihren »Weltschmerz« hat die 17-Jährige damals nur dem Tagebuch anvertraut. Und nicht ihrer Mutter.
Ihr Symbol für Freiheit und Unabhängigkeit war das alte Klapprad, das sie zur Firmung geschenkt bekommen hatte. »Damit bin ich jeden Tag in der Gegend herumgefahren.« Klar war aber: Im Familienbudget ist kein neues Fahrrad enthalten. Fixpunkt der Woche war der Discobesuch mit FreundInnen am Samstag. Eintritt 10 Schilling, inklusive Getränk. Um Mitternacht musste sie aber zu Hause sein.
Die 54-Jährige erinnert sich an die Einführung der Gratisschulbuchaktion und Schülerfreifahrt. »Da hat sich meine Mutter auf einmal mehr als 1.000 Schilling sparen können.«
Obwohl Dagmar Nötzl als 17-Jährige genau gewusst hat: »Ich will Matura machen, um aus der Kleinstadt herauszukommen«, die besten Freundinnen ihren Berufswunsch bekräftigt haben: »Dagmar, du musst Lehrerin werden, du kannst alles so gut erklären«, gehörten ein schwarzhaariger Mann und Kinder ebenso zu den Träumen vom Erwachsenenleben. Eine beständige Berufstätigkeit war ihr erklärtes Ziel, doch Karriere wollte sie nie machen. Dass man als Frau unabhängig seinen Weg macht, hat Dagmar Nötzl, die ohne Vater aufgewachsen war, im »Frauenhaushalt« daheim gelernt.

Mit 17 war ich wütend auf alle Lehrer, zornig auf die Familie und unglücklich mit mir selbst. Aufmüpfig bis revoltierend in der Schule und daheim gegen zu enge Strukturen. 

 

TOCHTER KLARA ?

Klara fühlt sich zurzeit »als echtes Zwischending, zwischen Erwachsensein und Kindsein«. Die große, zarte 17-Jährige leidet seit frühester Kindheit an einer Erkrankung ihrer Wirbelsäule, die nach wie vor Arzttermine und Therapien erfordert. »Bauarbeiterin oder Bäuerin kann ich aufgrund meiner Krankheit nicht werden«, meint Klara selbstbewusst. Ihren Berufswunsch hat sie aber schon in der Volksschule formuliert. Sie will Journalistin werden. Derzeit besucht die Gymnasiastin außerschulisch einen Kurs zum Thema »Journalistisches Schreiben«. In ihrem Kopf geistert die Idee einer neuen Schülerzeitung herum, in der neben den Themen Bildung, Emanzipation und Familie auch Mode ihren Platz haben soll.
Klara geht gerne »shoppen«. Doch für ein perfekt geschminktes Gesicht ist sie im Gegensatz zu vielen Schulkolleginnen nicht bereit, am Morgen früher aufzustehen. Sie will nicht nur ihr Aussehen nach Lust und Laune bestimmen. Sondern auch wann, wie lange und wie oft sie am Abend ausgeht. Am liebsten ins Theater. Natürlich in Absprache mit ihrer großzügigen Mutter. Klara geht sehr ungern in der Nacht alleine nach Hause. Da leistet sie sich lieber eine sichere Taxifahrt. Statt Alkohol und Zigaretten. Mit großer Begeisterung ist Klara dabei, den Führerschein zu machen, um noch unabhängiger zu werden.
Trotz ihrer Krankheit fühlt sich Klara so »beschwingt und leicht, als ob mir die Welt zu Füßen liegen würde«. Nach der Matura will sie Theaterwissenschaften studieren, schreiben, in einer Großstadt leben und später einmal Kinder kriegen.
Zurzeit ist die 17-Jährige damit beschäftigt, die Hürden der 7. Klasse zu überwinden.

Zurzeit fühle ich mich als echtes Zwischending, zwischen Erwachsensein und Kindsein.

 

Selbstständigkeit und Heimat

Gertrude Kranawetter, 42, Bäuerin, verheiratet, und Tochter Johanna, (fast) 17

 

MUTTER GERTRUDE ?

»Einen Bauern heirate ich sicher nie.« Gertrude Kranawetter hatte mit 17 Jahren bereits konkrete Vorstellungen von ihrem Leben als Frau. Matura machen, vielleicht Ernährungswissenschaften studieren, arbeiten, eigenes Geld verdienen und eine Familie. »Wozu brauchen Mädchen eine Ausbildung? Sie heiraten ja eh«, bekam Gertrude Kranawetters Vater immer wieder zu hören. Doch er war da anderer Meinung und förderte die Tochter. »Da haben meine Eltern nicht gespart.« Mit diesem »unbeschreiblichen Gefühl, für niemanden außer für sich selbst verantwortlich zu sein«, durfte die damals 17-jährige Internatsschülerin Gertrude gemeinsam mit einer Freundin in eine Wohnung ziehen. Groß war das Vertrauen der Eltern in die bescheidene, sehr selbstständige Tochter. Sie hat es auch nie missbraucht. Obwohl sie bereits mit 17 Jahren einen festen Freund hatte, ihren späteren Ehemann, den Erben eines Hofes.
»Ich bin für damalige Verhältnisse sehr frei aufgewachsen«, erinnert sich die heute 42-jährige Bäuerin. »Doch wenn ich auch am Samstag spät heimgekommen bin, bin ich am Sonntag pünktlich mit meinen Eltern in der Messe gesessen.« Ihre Entscheidung, auf einen Bauernhof zu heiraten, hat sie niebereut. »Ich weiß, ich bin auf dem richtigen Platz gelandet.« Und das wünscht sie auch ihrer 17-jährigen Tochter Johanna.

 

Dieses unbeschreibliche Gefühl damals mit 17, für niemanden außer für sich selbst verantwortlich zu sein, hatte ich später nie wieder.

 

TOCHTER JOHANNA ?

Johanna will Bäuerin werden und den elterlichen Betrieb übernehmen. Das weiß sie von klein auf. Mit ihrem Vater diskutiert sie oft über die Auswirkungen der EU auf die Landwirtschaft. Über die Unsicherheiten im Bauernstand und über die niedrigen Schweinepreise. Um sich ein zweites berufliches Standbein aufzubauen, ist Johanna Internatsschülerin in einer landwirtschaftlichen Fachschule. Dort hat sie das Modul »Ernährungs- und Gesundheitsmanagement« gewählt, mit Schwerpunkt Massage. Weil für sie feststeht: »Ich will mich nach der Schule als Masseurin selbstständig machen.« Schließlich sind ihre Eltern noch viel zu jung, um bald zu übergeben.
Das furchtbare Heimweh im ersten Internatsjahr ? »Ich hänge so an daheim« ? hat Johanna aber nicht veranlasst, die Schule abzubrechen. »Auf eigenen Füßen stehen und finanziell unabhängig sein« lautet ihr selbstbewusstes Ziel für die Zukunft. Und eine eigene Familie. »Die Mama hat immer voll als Bäuerin gearbeitet und war trotzdem immer für uns Kinder da.« Johanna möchte eine junge Mutter werden »und nicht erst mit dreißig das erste Kind kriegen«.
Johanna hätte viele Freiheiten und nützt sie nicht. Weder beim Fortgehen noch was modische Accessoires betrifft. Jeans und T-Shirt genügen ihr. Das Angebot der Eltern, ins Ausland zu gehen, reizt sie auch nicht. Denn die totale Freiheit spürt sie dann, »wenn ich draußen am Feld stehe und der Wind bläst mir ins Gesicht«. Und das Wissen, wo sie daheim ist.

Total frei fühle ich mich,
wenn ich draußen am Feld stehe
und der Wind bläst mir ins Gesicht.