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Mit den Rollen einer Frau

Sie war eine Art „Working Mum“ und hat ihre Firma grundlegend modernisiert: Maria Theresia, die einzige Frau, die Österreich bisher regiert hat. Ausgerechnet eine französische Feministin, die Historikerin Élisabeth Badinter, würdigt die Ausnahmestellung dieser Herrscherin.

Was interessiert eine französische Feministin an ­Maria Theresia, wo sich bisher nicht einmal österreichische besonders für sie interessiert haben.
Élisabeth Badinter: Isabella von Bourbon-­Parma, die erste Frau Josefs II., spricht in ihren Briefen in einer Art über ihre Schwiegermutter, die meine Aufmerksamkeit erregt hat. Sie spricht von der Mutter, der Gattin, der Musikerin. Maria Theresia war auf ihre Art ungewöhnlich, weil sie viele Rollen gelebt hat. Sie hat das größte Reich ihrer Zeit geleitet, sechzehn Kinder geboren und Krieg geführt. Sie hat sich für ihre Kinder interessiert und war sehr mit ihrem Mann beschäftigt, den sie verehrt hat. Es hat mich interessiert, was sie mit der heutigen Zeit verbindet. Sie war einzigartig, und trotzdem ist ihr Leben für uns heute sehr vertraut als berufstätige Frau mit Mann und Kindern.

Hat Maria Theresia irgendetwas mit dem Feminismus des 20. Jahrhunderts zu tun, ist sie eine Vorläuferin?
Das würde ich nicht sagen. Als sie an die Macht kam, war sie auch eine Gefangene des damaligen Rollenverständnisses von Frauen. Sie meinte, Frauen sollten sich nicht in die Politik und die Angelegenheiten der Männer einmischen. Frauen waren mit öffentlicher Macht nicht vertraut, sie blieben auf ihrem vorherbestimmten Platz. Aber nach vielen Jahren an der Macht schrieb Maria Theresia in einem Brief: Es sei ungerecht, dass man Frauen anders behandle als Männer, ihnen nicht vertraue und meine, sie seien nicht in der Lage, Macht auszuüben. Das könnte sie in die Nähe von Feminismus rücken.

Olympe de Gouges hat während der Französischen Revolution die ersten Frauenrechte ­deklariert und sie Marie Antoinette, der Tochter Maria Theresias, gewidmet. Lag so etwas wie Feminismus in der Luft?
Nein. Es gab während der Französischen Revolution einige Frauen, die die Rechte der Frauen verteidigten, aber das war eine verschwindende Minderheit, und sie haben dafür sehr teuer bezahlt. Sie wurden verfolgt und zum Tod verurteilt. Die Revolutionäre waren sehr frauenfeindlich. Sie wurden von den Ideen Jean-Jacques Rousseaus beeinflusst, und dieser hat Frauen klar den Platz zu Hause bei den Kindern zugewiesen. Die Frauen sollten nichts anderes sein als Mutter und Hausfrau.

In Ihrem Buch beschreiben Sie Maria Theresia als große Schauspielerin, die zwischen ihren Rollen als Herrscherin, Mutter und Gattin immer wieder gewechselt hat. Haben Frauen in patriarchalen Gesellschaften auch Vorteile, 
wenn sie Macht wollen?
Ich glaube, es ist ein Vorteil für die Macht, wenn man mit Rollen spielen kann. Sie hat ihre Rolle als Frau und Mutter manchmal mit übertriebenem Eifer gespielt, auch die der armen, vom schrecklichen Friedrich II. verfolgten Frau. Sie hat ihre Möglichkeiten weidlich genützt. Sie hat die männlichen und weiblichen Seiten gespielt und hatte damit vermutlich einen Vorteil gegenüber Männern.

Ein venezianischer Gesandter hat über Maria Theresia geschrieben, sie habe eine „männliche Seele“ und das „Herz einer Frau“. Worin könnte die „männliche Seele“ bestanden haben?
Ich glaube, sie hatte einen starken Charakter. Sie hat nicht etwas vorgetäuscht oder versteckt. Sie hatte eine andere Vorstellung als ihr Vater, wie Österreich zu regieren sei, aber sie war sehr jung, 21 Jahre, als sie an die Macht kam. Der venezianische Gesandte hatte verstanden, dass sie den Willen besaß, aus Österreich eine große Macht zu formen. Das war für eine junge Frau ihrer Zeit höchst ungewöhnlich.

Lesen Sie das vollständige Interview in der Printausgabe.

Élisabeth Badinter ist eine renommierte französische Historikerin und Feministin. Seit Langem beschäftigt sie sich in ihren Forschungen mit der Kulturgeschichte der Mutterschaft. Ihr Buch „Maria Theresia. Die Macht der Frau“ ist im Zsolnay Verlag erschienen.

Erschienen in „Welt der Frau“ 10/17

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