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Mit dir will ich wachsen
Zuerst die Verschmelzung, dann der Machtkampf. Wer u?ber die ersten beiden Phasen der Beziehung hinauskommt, hat gute Chancen auf eine Partnerschaft, in der jeder auch fu?r sich erblu?hen kann.

Die Ehe funktioniert am besten, wenn beide Partner ein bisschen unverheiratet bleiben“, behauptete einmal die italienische Schauspielerin Claudia Cardinale. Ein bisschen Single bleiben, ist das das Geheimnis einer funktionierenden Beziehung? PsychologInnen und PaartherapeutInnen sind sich einig: Eine gute Balance zwischen Ich und Wir ist die Voraussetzung fu?r eine lebendige und lang währende Partnerschaft. Allerdings will diese Balance immer wieder neu erforscht, verhandelt und erprobt werden. Ob mehr das Ich oder das Wir im Vordergrund steht, hängt von der Beziehungsphase ab. Da ist zunächst die Zeit der Verliebtheit, der rosaroten Brille und der Schmetterlinge im Bauch. Wir genießen die Verschmelzung, die Grenzen des Ich lösen sich auf, und wir glauben, dass dieser Zustand fu?r immer anhalten wird. Doch spätestens nach 18 Monaten gehören die Schmetterlinge definitiv der Vergangenheit an. In dieser Phase der Ernüchterung rutscht die rosa Brille von der Nase, und wir entdecken Eigenschaften und Verhaltensweisen am anderen, die uns so gar nicht gefallen. Plötzlich taucht die bange Frage auf: „Auf wen habe ich mich da bloß eingelassen?“ Viele Paare trennen sich in dieser Zeit.

BELOHNUNG FÜRS DURCHHALTEN
Diejenigen, die zusammenbleiben, verstricken sich in der nachfolgenden dritten Phase in Macht-, Revier- und Konkurrenzkämpfe. Das Ich, das zuvor bereitwillig dem Wir geopfert wurde, will sich nun wieder behaupten. Am Ende winkt jedoch die vierte Phase und mit ihr die Belohnung fu?rs Durchhalten: Mann und Frau sehen sich als Paar, aber beide nehmen sich auch Raum fu?r sich und die Entfaltung des eigenen Ich. Projektionen lösen sich auf, der beziehungsweise die andere wird als eigenständige Person wahrgenommen und nicht nur als jemand, der einem den Schmerz ersparen, die Einsamkeit vertreiben oder alle Bedu?rfnisse erfu?llen soll. Beide Partner sind eigenständig, und doch gehört man zusammen.

UNGESTILLTE BEDÜRFNISSE
„Unsere Beziehungen sind kein Zufall, wir ziehen genau jene Menschen an, die zu unseren eigenen psychischen Strukturen passen“, weiß die Autorin und Beraterin Ernestina Sabrina Mazza. „Wir nähren unbewusst die leise Hoffnung, dass wir mit unserem Partner endlich die Verbundenheit, die wir uns als Kind so sehr gewu?nscht haben, erfahren du?rfen. So betrachtet könnte die Bewusstwerdung unserer ungestillten Bedu?rfnisse und ihre Projektion auf das Gegenu?ber einen enormen Beitrag zu unserer Selbsterkenntnis leisten.“ Zu erkennen, dass die Beziehung nicht alle Wunden heilen und alle Bedu?rfnisse stillen kann, ist schmerzhaft und heilsam zugleich. Denn dadurch sind wir gezwungen, in Beziehung mit uns selbst zu treten und uns gut um uns und unsere Bedu?rfnisse zu ku?mmern, anstatt all das vom Partner oder der Partnerin zu verlangen.

JA ZUM ICH
„Um wachsen zu können, bedarf es zunächst der inneren Bereitschaft, sich in seinen eigenen Bedu?rfnissen, Wu?nschen und Träumen ernst und wichtig zu nehmen“, raten die Psychotherapeutin Elisabeth Gatt-Iro und der Coach Stefan Gatt (siehe Interview). „Geben Sie sich daher zuallererst ganz bewusst die Erlaubnis fu?r mehr Selbstreflexion und Selbstmitgefu?hl!“ Wenn wir lernen, uns selbst bedingungslos anzunehmen, dann können wir aufhören, ständig Bestätigung vom Partner oder von der Partnerin zu erwarten. Erst dann kann es ein echtes Ja zum Wir geben. Ganz Unrecht hatte Claudia Cardinale mit ihrem Ausspruch nicht. Doch das Geheimnis einer guten Beziehung liegt nicht in erster Linie darin, ein bisschen Single zu bleiben, sondern darin, zweimal Ja zu sagen: zuerst zu sich selbst und dann zum Partner.

Porträts dazu finden Sie in „Welt der Frau“ 05/16

Bildschirmfoto 2016-05-16 um 23.01.51

Ernestina Sabrina Mazza:
Der Weg zur emotionalen Selbständigkeit.
Emotionale Verletzungen heilen und erfu?llende Beziehungen leben.
akademie bios® verlag, 19,00 Euro

 

„Ich liebe dich, aber ich brauche mich!“

Psychotherapeutin Elisabeth Gatt-Iro und Coach Stefan Gatt u?ber den Tanz zwischen Ich und Wir.
ich liebe dich aber ich brauche mich

Coach und Bergführer Stefan Gatt (45) und Psychotherapeutin und Psychologin Elisabeth Gatt-Iro (48) begleiten Paare auf der Abenteuerreise der Liebe. | © Ulli Engleder

Sie kennen eine Formel fu?r den sicheren Beziehungstod. Wie lautet sie?
Stefan Gatt: „Amefi“ – das steht fu?r „Alles mit einem fu?r immer“. Wenn das Wir zu stark im Vordergrund steht, kommen die Ichs der beiden Partner unweigerlich zu kurz. Daran scheitern viele Beziehungen.

Wie viel Ich braucht es in einer Beziehung, damit das Wir auf gesunde Weise gedeihen kann?
Elisabeth Gatt-Iro: Jeder braucht Zeit fu?r sich, fu?r Sport, Kultur oder Hobbys, fu?r Freundschaften und fu?rs Alleinsein. Es ist wie ein Tanz. Manchmal braucht man mehr Zeit mit sich selbst, um offen fu?r den anderen zu werden, dann wieder eine starke Verankerung in der Beziehung, um das gemeinsame Glu?ck spu?ren zu können. Vor allem wenn Kinder da sind, sind die Partner gefordert, die eigenen Bedu?rfnisse, die der Kinder und die der Paarbeziehung auszubalancieren.

Wie finden Sie persönlich diese Balance?
Elisabeth Gatt-Iro: Fru?her habe ich meine Bedu?rfnisse noch sehr wenig wahrgenommen. Heute fahre ich zum Beispiel jedes Jahr eine Woche zum Fasten ins Kloster. Es hat lange gedauert, bis ich mich wichtig genug genommen habe, um mir diese Auszeiten zu nehmen. Schwierig war es auch, mir einzugestehen, dass ich Zeit zu Hause alleine brauche. Als Stefan und unsere Töchter sich dann zusammengepackt haben und weggefahren sind, konnte ich das fast gar nicht annehmen. Inzwischen kommuniziere ich aber ganz klar: „Ich liebe euch, aber ich brauche jetzt Zeit mit mir alleine.“ Je ehrlicher ich bin und je mehr ich gut fu?r mich sorge, desto mehr kann sich mein Herz auch wieder fu?r meinen Partner öffnen.

Stefan Gatt: Als Seminarleiter bin ich meist drei Tage pro Woche weg, manchmal auch einige Wochen am Stu?ck in den Bergen. Dass ich dabei viel Zeit fu?r mich selbst habe, birgt ein gewisses Konfliktpotenzial. Denn wenn ich nach Hause komme, gehe ich davon aus, dass es jetzt wieder ums Wir geht. Aber Elisabeth, die in der Zwischenzeit allein mit den Kindern war, braucht als Erstes Zeit fu?r sich. Diese Übergänge waren fru?her oft schwierig. Heute klären wir am Telefon ab, was jeder von uns braucht. Hier macht es Sinn, einen konkreten zeitlichen Rahmen zu definieren, etwa „Ich brauche jetzt zwei Stunden fu?r mich“ oder „Ich möchte einen Tag lang alleine sein“.

Viele Frauen beklagen sich daru?ber, dass sie diejenigen sind, die die Hauptverantwortung fu?r das Wir u?bernehmen.
Elisabeth Gatt-Iro: Zu dieser Dynamik gehören immer zwei. Wenn die Frau die alleinige Verantwortung fu?r die Beziehungsqualität u?bernimmt, hat sie – bewusst oder unbewusst – auch Vorteile davon. Zum Beispiel kann sie vermeiden, sich mit ihren eigenen Themen auseinanderzusetzen. Oder sie leidet unter einem Mangel an Selbstwert und kann gar nicht annehmen, dass ihr Partner sich um sie und die Beziehung ku?mmert.

Bildschirmfoto 2016-05-16 um 22.58.48

 

Elisabeth Gatt-Iro/ Stefan Gatt:
Unverschämt glu?cklich.
Wie ich und unsere Liebe in der Beziehung erblu?hen.
Goldegg Verlag, 19,95 Euro

 

Erschienen in „Welt der Frau“ 05/16 – von Laya Kirsten Commenda