12

17

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Mit Mama abhängen

Wie unterscheiden sich Orang-Utan-Mütter von menschlichen Müttern? Und warum sollte man unsere nächsten biologischen Verwandten vor der Ausrottung schützen? Eine Begegnung mit der Primatenforscherin Signe Preuschoft.

Haben Menschen­affenmütter, konkret die Orang-Utans, ein anderes Verhältnis zu ihrem Nachwuchs als Menschenmütter?
Signe Preuschoft: Ich sehe zunächst die Gemeinsamkeiten. Die sogenannte Affenliebe haben die Menschenmütter auch, nämlich dass sie für ihre Kinder durch das Feuer gehen würden. Ein Unterschied ist, dass Menschen so gerne eine Idealvorstellung von jemand haben, besonders wenn er ihnen nahesteht. So möchte ich, dass mein Kind einmal lebt, so soll es werden, in der Hinsicht möchte ich mein Kind fördern. Dabei gerät manchmal in Vergessenheit, was dieses Kind möchte oder wohin dieser werdende Mensch sich selbst entwickeln will. Das scheint mir eine relativ neue Entwicklung zu sein, auch bei Menschen. Menschen in eher traditionellen Lebensweisen haben nicht diesen extremen Ehrgeiz entfaltet, die Zukunft für jemand anderen zu planen, sondern lassen eher kommen, was man fördern kann.

Orang-Utan-Mütter sind entspannter mit ihrem Nachwuchs?
Ich habe keinerlei Anzeichen festgestellt, dass die wollen, dass ihr Kind einmal etwas Besonderes wird. Natürlich kann man davon ausgehen, dass jede Mutter möchte, dass ihr Kind in irgendeinem Sinne erfolgreich ist. Aber sie fördern ihre Kinder, indem sie Gelegenheiten zum Lernen schaffen. Man kann vermuten, dass sie bestimmte Verhaltensweisen fördern, um die Aufmerksamkeit ihrer Kinder zu steuern. Bei Orang-Utans dreht sich vieles darum, was man essen kann, was es wo gibt, wie man an Nahrung, die sich in Früchten versteckt, herankommt. Kinder richten ihre natürlichere Aufmerksamkeit auf das, worauf auch schon andere sie richten. Ich saß einmal unter einer Rattanpalme.

Signe Preuschoft

Daneben waren zwei Orang-Utan-Kinder. Das jüngere wollte sehen, wie das ältere an das Mark der Rattanpalme herankommt. Dieses Rattan ist furchtbar stachelbewehrt, und auch da, wo die Stacheln nicht so lang sind, sind viele kleine Dornen. Man muss sie aufspleißen, aber wissen, wo man anpacken kann, um keine Stacheln anzufassen. Das fing damit an, dass das jüngere Otang-Utan-Kind die Nahrungsreste des älteren untersuchte, auch in den Mund steckte und aß. Dann kam das ältere Mädchen zurück und arbeitete weiter an der Ranke. Wenn die einmal offen ist, ziehen die Affen die Lippen ganz zurück und reißen sie mit den Zähnen ab. Das können die Jüngeren noch nicht, weil ihnen die Kraft fehlt. Das jüngere Kind beobachtete das ältere eine Weile, aber wenn es da nichts abbekommt, dann geht es wieder weg. Mütter geben in dieser Situation etwas ab, nicht unbedingt das Beste, aber sie lassen immer wieder Bröckchen fallen, das hält die Kinder aufmerksam. Oft ziehen sich die Mütter von einer solchen Nahrungsressource zurück, bevor sie erschöpft ist, sodass die Kinder noch ein bisschen spielen können.

Menschenmütter legen sehr viel Wert auf eine emotionale Bindung zum Kind, die bis weit ins Erwachsenenalter hineingeht. Es ist ihnen meist wichtig, vom Kind geliebt zu werden. Haben das Orang-Utan-Mütter auch?
Ich habe schon Affenmütter gesehen, die vollkommen von ihren Kindern fasziniert waren. Zum ersten Mal ist mir das bei einem Makakenweibchen aufgefallen, das ihr erstes Kind mit einer Bewunderung und Hochachtung behandelte, es war entzückend, das zu sehen. Dieses Kind ist auch ein selbstbewusstes Mädchen geworden. Ich glaube, die Frage der Bindung stellt sich bei den Menschenaffenmüttern aber in der Regel nicht so, weil sie ja das nächste Kind bekommen. Wenn eines das Alter des Selbstständigwerdens erreicht, bei Orang-Utans liegt das zwischen fünf und acht Jahren, hört die Stillphase auf, der Hormonzyklus setzt wieder ein, das Weibchen wird empfängnisbereit, hat Interesse am Sexualverhalten. Wenige Monate später hat sie wieder empfangen und ist schwanger mit dem nächsten Kind. Wenn das nächste Kind da ist, ist das ältere schon relativ selbstständig. Bei Orang-Utans, die nicht in Gruppen leben, streift ein junges Männchen dann schon sehr weit herum, eine ältere Tochter wird versuchen, sich in der Nachbarschaft der Mutter zu etablieren. Man sieht sich nicht mehr so häufig, die Mutter ist beschäftigt mit dem nächsten Kind. Bei Schimpansen wird das letzte Kind der Mutter, wenn sie sich dem Ende der Reproduktion nähert, meist besonders intensiv betreut und entwickelt sich zu einem Nesthäkchen.

Lesen Sie das gesamte Interview in der Printausgabe.

„Wir können doch nicht unsere nächsten Verwandten ausrotten!“

Der Urwald wird knapp und damit der Lebensraum für Menschenaffen. Signe Preuschoft engagiert sich in Indonesien für Orang-Utan-Waisenkinder, die ausgewildert werden sollen.

Die „Waldschule“ der Orang-Utan-Kinder hat eine für menschliche Maße komfortable Größe: Sie umfasst 100 Hektar. In dieser Waldschule sollen Orang-Utan-Kinder, die ohne Mutter aufwachsen, lernen, wie es ist, als Orang-Utan zu leben. Ein schwieriges Unterfangen für die Biologin Signe Preuschoft und ihre MitarbeiterInnen, denn der kleine Unterschied von Mensch zu Menschenaffen ist entscheidend. Unsere evolutionär nächsten Verwandten lernen schnell von uns und können sich an Menschen anpassen. Aber sie lernen nicht von uns, wie man in Bäumen lebt, wie man Nahrung findet und dass Menschen auch Feinde sind. In den Urwäldern Indonesiens siedeln sich immer wieder Menschen auf der Suche nach Land und einer Existenzgrundlage an. Aber auch Goldminen und Palmölplantagen minimieren den Lebensraum der Primaten und erhöhen die Zahl der Konflikte – denen die Menschenaffen in der Regel nicht gewachsen sind. „Erst kürzlich wurden in einem Dorf drei Orang-Utans bei lebendigem Leib verbrannt, weil sie in die Gärten der Menschen eingedrungen waren“, erzählt Preuschoft. Durch den Zusammenstoß von Menschen und Menschenaffen steigt die Zahl der Waisenkinder bei den Orang-Utans. Nachdem diese manchmal bis zu ihrem achten Lebensjahr auf die Fütterung und die Begleitung ihrer Mütter angewiesen sind, brauchen sie fürs Überleben besondere Unterstützung. Im Projekt von Signe Preuschoft, das von der Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ betrieben wird, versucht man, diese Jungtiere zu versorgen und auf ein Leben im Urwald vorzubereiten.

Buchcover meine wilden Kinder

Signe Preuschoft:
Meine wilden Kinder.
Ein Leben für die letzten Orang-Utans.
Brandstätter Verlag,
19,90 Euro

Erschienen in „Welt der Frau“ 0708/17