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Mit Vergangenem versöhnt
Margaretha, 74, hat nicht vergessen, wie ihre Mutter von Soldaten in die Scheune gezerrt wurde. Damals war sie sechs Jahre alt.

Jetzt“, sagte ich zu mir, „setzt du dich endlich hin und schreibst dir alles Belastende von der Seele. Du hast deine Vergangenheit lange genug verdrängt.“

Nach meiner Pensionierung als Reinigungskraft stiegen viele Bilder aus meiner Kindheit in mir auf. Im Nu hatte ich sie auf 40 Seiten niedergeschrieben. Für mich, für meine beiden Kinder und meine Enkeltochter.

Ich bin Sudetendeutsche. Es war im Mai 1945, als wir innerhalb einer Stunde Hof, Weinberge, Tiere und vor allem die Heimat verlassen mussten. Mein Vater war aus dem Krieg noch nicht heimgekehrt. Ich sehe heute noch, wie tschechische Soldaten in den Hof gestürzt kamen und die Tür zum Stall aufstießen. Mutter war gerade beim Melken. Mit gezückten Gewehren schrien sie uns an, den Hof sofort zu verlassen. Mich rissen die Männer von meiner Mutter weg. „Geh hinaus und bleib draußen“, flehte sie mich an. Als Kind war mir nicht klar, warum. Heute weiß ich, dass sie in der Scheune vergewaltigt wurde. Die Angst, die ich damals verspürte, ist mir bis heute unvergessen geblieben. Jahrelang ließ ich meine Mutter keinen Augenblick mehr alleine. Panisch machte ich um jeden uniformierten Mann eine großen Bogen. Als mein Vater in Uniform in der Tür stand, lief ich schreiend davon.

Bis heute kann ich mir keine Kriegsfilme anschauen.

Man kann es ja bis zum Schluss nicht glauben, dass man gezwungen wird, zu gehen. Die Hoffnung, doch bleiben zu können, hegt man bis zuletzt. Doch ein Wehren wäre tödlich gewesen. Mutter konnte noch einen Polster, eine Tuchent und für uns Kinder einige Kleidungsstücke in einen Kartoffelsack stopfen. Die paar eingepackten Lebensmittel wurden ihr sofort abgenommen. Ein Kaffeehäferl von damals, darauf ein Bub und ein Mädchen mit Roller, hüte ich bis heute wie einen Schatz.

An der Grenze zu Österreich winkte ein russischer Offizier unseren mit Frauen und Kindern voll besetzten Leiterwagen durch. Damit waren nicht nur unsere paar Habseligkeiten gerettet, sondern auch die paar Familienfotos in der Kitteltasche meiner Mutter. Von der Vertreibung der über drei Millionen Deutschen aus der Tschechoslowakei hörten wir später entsetzliche Grausamkeiten.

Im Stall eines niederösterreichischen Bauern durften wir gegen Mithilfe auf dem Feld schlafen. Auf einem elektrischen Kocher bereitete die Mutter die Kartoffeln, die sie sich nehmen durfte. Gegen den Hunger gingen mein Bruder und ich von Haus zu Haus, um Brot zu erbitten. „Ihr G’sindel, schauts, dass weiterkummts“, schrie uns einmal eine Frau nach. Die kleinen, harten Brotstücke, die sie uns nachwarf, klaubten wir alle zusammen, und die Mutter weichte sie in Wasser ein.

Vater konnte uns mithilfe des Roten Kreuzes ausfindig machen. Mit einem alten Lastwagen holte er uns zu sich, er hatte Arbeit in einem Dorfgasthaus gefunden.

Ich weiß, was es heißt, flüchten zu müssen. Ich weiß aber auch, wie es sich anfühlt, in einem fremden Land willkommen zu sein. Das sollte keinem Flüchtling verwehrt werden. Es gibt für jeden von uns die Verpflichtung, zu helfen.

Dreimal fuhr ich als erwachsene Frau noch an den Ort, wo unser Hof mit dem großen Garten gestanden hatte. Ich erinnere mich sogar an die handgearbeiteten Richelieu-Vorhänge an den Küchenfenstern. Die Suche nach Verwandten gebe ich nicht auf.

Erschienen in „Welt der Frau“ 10/2013 – von Michaela Herzog