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Mitgefühl gibt Trost
Gerlinde, 43, muss mit dem Traumaleben, dass der Vater ihre 18-jährige Schwester, ihre Mutter und sich selbst erschossen hat.

Schon wieder Vater am Telefon. „Es wird alles gut, Gerlinde, und liebe Grüße an deinen Mann.“ Ich war sehr distanziert am Telefon, weil er mich ständig um Geld bat und ich deshalb nur wenig Kontakt mit ihm haben wollte. Eine Stunde später schluchzte meine jüngere Schwester ins Telefon: „Vater hat Mutter, unsere Schwester und sich erschossen.“ Sein Vorhaben, das Anwesen anzuzünden, war ihm nicht mehrgelungen. Die Feuerwehr traf zu schnell ein. Die Leichen hatte er ins Wohnzimmer geschleppt und sich zwischen den beiden toten Frauen liegend erschossen.

„Nichts darf nach außen dringen“, hat es bei uns in der Familie immer geheißen. Der Schein musste gewahrt werden. Was hinter der Fassade vor sich ging, sollte niemand erfahren: Dass meine Mutter Alkoholikerin war und unter der dominanten Schwiegermutter litt. Dass mein Vater, der Familientyrann, ein großes Liegenschaftsvermögen total verspekulierte.

Vater wollte uns drei Mädchen nicht gehen lassen. Ich als Älteste zog ein paar Mal während meiner Studienzeit aus und wurde wieder zurückgeholt. Wie an Papas Gummiband. „Ich brauche dich im Betrieb. Deiner Mutter geht es sehr schlecht.“ Für die Nachzüglerin – ich war 17 Jahre, als sie auf die Welt kam – musste ich die Mutterrolle übernehmen. Erst die Liebe zu einem Freund machte meinen Absprung von daheim möglich. Damals war ich schon 31 Jahre alt. Und Papas Gummiband endlich überdehnt und ausgeleiert.

Ich habe mir einneues Zuhause geschaffen und es mit dem Herzen begreifen gelernt.

Gemeinsam mit einem Priester traten meine Schwester und ich dann vor die drei Leichen. Wir verabschiedeten uns sehr feierlich, trotz der tragischen Umstände. Die gesamte Verwandtschaft trug uns durch dieses so schwere Leid, packte an und fühlte mit. Ich war total im Schockverfangen. Meine Therapeutin führte mich behutsam heraus, sodass ich weinen und trauern konnte. Denn mit dem Schock erstarren sämtliche Gefühle. Dass meine kleine Schwester ermordet worden war, hatte mich gelähmt. Sie war wie mein Kind gewesen, der Sonnenschein in unserer Familie.

Ich wollte die Geschichte dahinter verstehen, um nicht zu verzweifeln oder verrückt zu werden. Familienrekonstruktionen und unzählige Therapiestunden haben mich gerettet. Das erste Trauerjahr war nicht das schlimmste, die folgenden Jahre waren ärger. Ich muss heute noch am Jahrestag gut auf mich aufpassen.

Lässt sich so eine Tatverzeihen? Ich versuche es immer wieder. Gemeinsam mit meiner Schwester und meiner Exschwägerin bin ich auf der Suche nach Kraft und Trost nach Lourdes gefahren. Glauben heißt für mich, in schweren Zeiten Gott zu spüren. Trotz dieser Wahnsinnstat. Denn da hast du nur zwei Möglichkeiten: Entweder du vergräbst dich in Selbstmitleid ein ganzes Leben lang oder du stehst auf und beginnst um dein Leben zu kämpfen. Warum Mutter und Schwester gehen mussten? Ich glaube, es war Bestimmung, er konnte nicht alleine aus dem Leben scheiden. Die Frage nach dem Warum löst sich mit den Jahren auf.

Wenn ich jetzt an meinen Vater denke, spüre ich sehr viel Liebe. Um das aus vollem Herzen sagen zu können, musste ich einen langen Weg gehen. Doch die Zeit arbeitet für mich.


Erschienen in „Welt der Frau“ 6/2013 – von Michaela Herzog