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Mittags bei der Vollwert-Pionierin
Johanna Wolfsberger hat schon anders gekocht, als Bio und Vollwert noch was für Spinner waren. Ihr neues Kochbuch war Anlass für einen Hausbesuch.

Johanna Wolfsberger winkt mir entgegen. Sie steht in der Tür ihres kleinen Appartements, das sie in einer Seniorenresidenz im 3. Wiener Gemeindebezirk bewohnt. „Nach meinem vierten Herzinfarkt bin ich hierher gekommen“, erzählt sie. Immerhin, heuer wird sie achtzig Jahre alt, an ein Alleinleben war nicht mehr zu denken. Ich nehme Platz. Johanna Wolfsberger hat gekocht. Als ersten Gang gibt es eine Frühlingskräutersuppe. Früher hätte sie die Kräuter natürlich selbst gesammelt, jetzt verlässt sie sich auf die Bauern, die am nahen Rochusmarkt verkaufen.

Als Johanna Wolfsberger in ihrem Bücherschrank kramt, erinnere ich mich, vor Jahren schon von ihr gehört zu haben. Sind es zwanzig Jahre? Damals hatte sie eine erfolgreiche Radiosendung in Radio Burgenland. Eine Einführung in die Vollwertküche, die mit einer Rezeptesammlung im Ringordner abgeschlossen wurde. Der Ordner war, meine ich, auch in der Redaktion gelandet. Jetzt ist alles anders. Der renommierte Löwenzahn Verlag in Innsbruck, spezialisiert auf Kochbücher, hat Johanna Wolfsteiner entdeckt. Das erste Buch heißt „Vollwertküche für jeden Tag. Rezepte einer Bio-Pionierin.“ Auch dieses Buch landete in unserer Redaktion. Ich blätterte es durch und war angetan. Das würde ich auch nachkochen können, dachte ich. Kein komplizierter Schnickschnack, aber doch anregende Rezepte. Anhand der Erläuterungen zu Zutaten und Zubereitung merkte man sofort die Praktikerin. „Außerdem hat Frau Wolfsberger eine interessante Lebensgeschichte“, versuchte mir der Verlag die Autorin noch schmackhafter zu machen.

Noch während der Suppe legt mir Johanna Wolfsberger die Koordinaten ihres Lebens aus. Geboren in Wien, Mutter einst Köchin in der Schweiz, persönlich geschult vom Bio-Pionier Bircher-Penner. Ja, der mit dem Müsli. Dann vollwertig aufgewachsen, trotz Krieg und Lebensmittelmarken. Schließlich selbst dreifache Mutter geworden und die Tradition fortgeführt. Zuerst hatte die Familie immer einen Schrebergarten. Aber an weitere berufliche oder kulinarische Ambitionen war nicht zu  denken. Johanna pflegte beide Eltern und dann noch eine Tante. Die vermachte ihr ein bisschen Geld. Genug, um im Südburgenland ein altes Bauernhaus zu kaufen. Wochenendpendeln, Haus sanieren, Garten anlegen. „Das wirklich Gute an dem Haus war ein großer Obstgarten“. Der wurde wieder aufgemöbelt, gepflegt und schließlich zur Quelle auch wirtschaftlichen Ertrags. Was nicht selbst gebraucht wurde, kam in den Verkauf, wurde eingekocht. Johanna bot Kindern Ferien am Bauernhof an. Mit ihnen kamen interessierte Mütter. Rezepte wurden angefordert. Schließlich ist Johanna, wie sie es ausdrückt, ihrem Mann „davon gelaufen.“

Wir halten bei der Hauptspeise. Es gibt Salat, köstlich mariniert. Ich erfrage sofort ihre Bezugsquellen für gutes Öl. Sie gibt sie großzügig weiter. Zum Grün serviert sie gebratene Getreidepuffer. Früher hat sie alles Getreide selbst geschrotet. In der kleinen Garconniere hat ein so großes Gerät nicht mehr Platz.  Was sie nicht ganz glücklich macht, denn gemahlenes Getreide verliert relativ rasch seinen Geschmack, findet sie.

Zurück zur Geschichte. Weg vom geliebten Hof. Johanna bezieht eine Wohnung, hält Kochkurse, schafft sich einen Namen.  Sie ist eine Pionierin mit Bodenhaftung, ohne missionarischen Eifer. Das macht sie verträglich. Sie redet gerne, mag die Menschen und kann auch über sich selbst lachen.

Von Kindheit an plagen sie Krankheiten. Mit acht Jahren verbringt sie 17 Monate im Krankenhaus. Am Ende erkennt sie ihre Eltern kaum wieder, diese durften nur durch eine Glasscheibe auf das kranke Kind blicken. Sprechen die vielen Krankheiten nun für oder gegen die vollwertige Ernährung, will ich wissen. „Ein Arzt hat mir gesagt, ohne diese konsequente Ernährung hätte ich das alles nicht so lange geschafft“, meint sie. Daher rät sie auch anderen zu. Vollwertige Ernährung sei nicht kompliziert. Lesen Sie ihr Buch. Ich bin geneigt, es auch zu glauben.

Buchtipp: Johanna Wolfsberger „Vollwertküche für jeden Tag. Rezepte einer Bio-Pionierin“
Löwenzahn Verlag, 300 Seiten
24,90 Euro

Kommentare

One thought on “Mittags bei der Vollwert-Pionierin”

  1. Johanna Wolfsberger sagt:

    Liebe Frau Dr. Haiden!

    Endlich habe ich Ihren Artikel zu meinem Buch im Internet gefunden, wovon mir schon Freunde erzählten. Leider haben Sie sich nicht so genaue Notizen gemacht, dass sich Fehler eingeschlichen haben.
    Mein 18-monatiger KH-Aufenthalt fiel in die Jahre 1936 – 1938 – ich war nicht ganz vier, als ich heim kam und tuberkulös war, was gleich 1 Jahr Grimmenstein anhängte.
    Die Grundlage zum ORF-Kochbuch war eine 15-teilige Fernsehserie 1990…..
    Radiointerviews zu bestimmten Bio-Themen waren vor dieser Serie und heuer hatte ich wieder ein Interview im Rahmen der Sendung „Mahlzeit Burgenland“ im Sender Eisenstadt.
    Neueste Nachricht: Ich stehe jeden Samstag am neuen, kleinen aber feinen Bio-Markt in der Lange Gasse im 8. Bezirk, biete mein Kochbuch an, gebe Tipps zu Kochen und Gärtnern, und ich koche für den Bio-Gemüsehändler eine Suppe und einen Gemüseeintopf – jede Woche. Zusätzlich jetzt in der kalten Jahreszeit auch Kräutertee von einem Produzentenpaar aus Brixen im Tale.
    Traumqualität.

    Denke oft an Sie und Ihre Arbeit für die Zeitschrift.

    Spannend: Mitte November gibt es in der Evang. Akademie in der Schwarzspanierstraße in Wien eine Art „Kochen in oder mit anderen Kulturen“, was sicher sehr spannend sein wird und mich reizt, aber ich muss noch schauen, ob ich die Zeit dazu habe oder schon einen wichtigen Termin an diesem Tag.
    Pensionisten haben meist sehr wenig Zeit, zumindest trifft das auf mich zu, da ich immer noch neugierig bin, unternehmungslustig in meinem Rahmen und Möglichkeiten, lese, Freunde treffe, etc. etc.
    Im Sommer war ich mit einer Freundin 1 Tag in Ödenburg/Sopron, wo ich schon lange hin wollte. Es war ein wunderschönes Erlebnis.

    Den 80er habe ich mit 20 Freunden in Hainburg gefeiert, wo man mir die Küche und den Gemeindesaal der neuen Evang. Kirche zur Verfügung stellte. Es war ein sehr schönes, intimes und harmonisches Fest, aber ich sagte den Freunden, es ist das letzte Mal, dass ich sie bekoche, solche Feste werden mir schon zu viel, das musste ich erkennen. Sie nahmen es zur Kenntnis und ich denke, sie glauben es nicht so ganz.

    Am 14. bekomme ich aus dem Burgenland frische Bio-Perlhühner, da koche ich dann für meinen „besten aller Schwiegersöhne“ sein Geburtstagsessen. Er hat noch nie solch eine Köstlichkeit gegessen, also muss ich mich ins Zeug legen, dass es auch ein Festtagsbraten wird.

    Wäre nett, bei Gelegenheit von Ihnen zu hören und – vielleicht kommen Sie ja wieder einmal nach Wien und kommen wieder auf ein kleines Mittagessen.

    Herzlichst – J. Wolfsberger

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