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„Mogscht mitgehen?“

Über Jahrhunderte gingen Bergbauernkinder aus Vorarlberg, Tirol und Graubünden nach Schwaben auf Saisonarbeit. Manche waren nicht älter als acht Jahre. Der Dornbirner Hilare Nenning, 92, ist einer der Letzten, die noch davon erzählen können, wie es war, als „Schwabenkind“ in der Fremde zu arbeiten.

Die Mutter war froh, dass ein Esser weniger am Tisch gesessen ist. „Und ich bin natürlich ein starker Esser gewesen mit zwölf, 13“, erinnert sich Hilare Nenning. Sie waren drei Brüder zu Hause, die Mutter arbeitete als Weberin. Die alleinerziehende Frau und ihre drei halbwüchsigen Buben kamen mehr schlecht als recht über die Runden. Der Vater war ein paar Jahre zuvor gestorben – an einem Schlangenbiss im brasilianischen Dschungel, wohin Hilare Nennings Eltern nach dem Ersten Weltkrieg von ihrem Vorarlberger Heimatort Dornbirn aus emigriert waren, um ein Stück Land im Regenwald urbar zu machen. „Mama hat gesagt, am 26. Juni 1923 sei ich geboren. Kann sein, kann nicht sein. Kalender hat’s keinen gegeben im Urwald, dafür viele Schlangen“, sagt Hilare Nenning, zieht an seinem Zigarillo und lächelt.

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Hilare Nenning, 92, ehemaliges Schwabenkind

Wie 92 wirkt er nicht, der heitere Mann mit dem sonnengebräunten Gesicht und dem vollen, gewellten Grauhaar, der so gerne und fesselnd erzählt. Fast ein Jahrhundert umspannt seine Erinnerung. Da wären die ersten acht Lebensjahre im brasilianischen Dschungel, dann die Zeit im Waisenheim nach der Rückkehr nach Dornbirn – „Uns drei Buben hat ja niemand wollen“ –, bevor die Mutter genug Geld für eine gemeinsame Wohnung hatte. Später war er achteinhalb Jahre als Soldat im Krieg, darunter 16 ewige Stunden allein als Schiffbrüchiger im Meer nach einem Bombardement auf der Überfahrt an die Afrikafront 1941. „Das wünsch ich meinem ärgsten Feind nicht“, sagt Hilare Nenning. Fronteinsätze, Lungenriss, Belagerung von Leningrad, drei- oder viermal vorm Kriegsgericht. „NVW“ – „nicht vertrauenswürdig“ – stand mit Wasserdruck in seinem Wehrmachtssoldbuch, weil er aufgrund seiner exotischen Geburtsumstände keinen Tauf- und Geburtsschein vorweisen konnte und den Nazis als unsicherer Geselle galt. Dann kamen Kriegsgefangenschaft und Zwangsarbeit in einem sibirischen Kohlebergwerk. Er überlebte nur knapp, mithilfe einer russischen Ärztin.

Nach dem Krieg machte Nenning in Vorarlberg Karriere als Textilmaschinenmechaniker, Ausbildungsleiter beim Textilunternehmen Hämmerle und schließlich – nachdem er mit 42 die Matura nachgeholt hatte – fast vier Jahrzehnte lang als Lehrer: „Mit 3.500 Schilling Gehalt bin ich bei Hämmerle weg und hab in der Schule mit 1.300 Schilling angefangen. Aber ich hab gesehen, wie wenig die Menschen können, und hab mir gedacht: Einer muss es machen.“ 

IN DIE FREMDE GESCHICKT
Doch bevor das alles kam, brachte er als Zwölf- bis Dreizehnjähriger noch ein weiteres einschneidendes Kapitel seines an Erlebnissen so reichen Lebens hinter sich. „Ich dürfte wahrscheinlich eines der letzten lebenden Schwabenkinder sein“, sagt er. Und tatsächlich gehört Hilare Nenning zu den ganz wenigen, die noch aus erster Hand davon berichten können, wie es war, als Kind armer Leute in die Fremde geschickt zu werden zum Arbeiten. „Heute muss ich sagen: Alle haben gewusst, dass das Kinderarbeit ist. Das war dazumal genauso verboten, aber man hat es toleriert“, sagt er.

Dort, wo Hilare Nenning herkam, hatte das „Schwabengängertum“ eine lange Tradition. Es war eine „massenhafte Verdingung noch im schulpflichtigen Alter stehender Kinder nach Schwaben, darum ‚Schwabenkinder‘“, konstatiert eine Bevölkerungsgeografie des 19. Jahrhunderts trocken die Fakten. Genaue Zahlen gibt es nicht, wohl aber lokale Aufzeichnungen, aus denen hervorgeht, dass in manchen Dörfern gleich halbe Jahrgänge der Schulkinder nach Schwaben auf Saisonarbeit gingen und zu diesem Zweck von der Schule freigestellt wurden. 

Schon seit dem 17. Jahrhundert schickten arme, kinderreiche Bergbauernfamilien aus dem Alpenraum, vor allem aus Vorarlberg, Tirol und dem schweizerischen Graubünden, ihre Söhne und Töchter nach Oberschwaben und ins Allgäu zur Saisonarbeit. Daheim nährte die kleinräumig strukturierte alpine Feldwirtschaft die vielköpfigen Familien kaum. Jeder Esser weniger bedeutete echte Erleichterung. Im Schwabenland hingegen, wo die großen Einödhöfe mitsamt Grund und Boden nie als Erbe zerstückelt, sondern immer als Ganzes dem ältesten Sohn hinterlassen wurden, waren die Bauern wohlhabender, und ihr Bedarf an Arbeitskräften war groß – vor allem und gerade auch an jungen Hütebuben und Mägden.

Ein Bericht aus dem Jahr 1821, der im Sammelband „Die Schwabenkinder“ (Thorbecke Verlag 2012) zitiert ist, erzählt davon, dass die wenig verwöhnten Bergbauernkinder aus dem Alpenraum in Schwaben nicht nur als besonders anspruchslos gelten, sondern auch „härteste Arbeit nicht scheuen“, sich „mit schlechter Kleidung, geringer Kost und kleinem Lohn“ begnügen und man sie noch dazu „ganz nach Wunsch und Willen des Bauern abrichten“ könne. 

MARSCH ÜBERS GEBIRGE
Das Durchschnittsalter dieser „Schwabenkinder“ lag zwischen acht und 14 Jahren, mitunter gingen aber auch schon jüngere weg. Zumeist brachen sie Mitte, Ende März von zu Hause auf und kehrten erst zu Martini, dem 11. November, zurück. Die achtjährige Regina Lampert verließ im März 1864 zum ersten Mal ihr Heimatdorf Schnifis im Vorarlberger Walgau. Ihre autobiografischen Erinnerungen „Die Schwabengängerin“ sind eins der wenigen autobiografischen Dokumente über das an sich gut erforschte Massenphänomen der wandernden KinderarbeiterInnen, das erst in den späten 1930er- und frühen 1940er-Jahren sein endgültiges Ende fand. „Auch beim Zehrpfennigsammeln habe ich mitgeholfen“, schreibt Regina Lampert, „es war erlaubt, dass die Kinder, die ins Schwabenland müssen, in den Nachbargemeinden Geld sammeln dürfen, damit sie nicht den ganzen langen Weg zu Fuß machen müssen.“

Denn ihre langen Reisen zur Saisonarbeit legten die Kinder größtenteils zu Fuß zurück. Sie gingen in Gruppen, meist begleitet von einem Erwachsenen. Manchmal nahmen Fuhrwerke sie ein Stück mit. Oft ging es per Schiff ein Stück über den Bodensee. In späteren Zeiten konnten sie teilweise auch per Eisenbahn oder Bus fahren. Vor allem die Tiroler Kinder hatten bei ihren tagelangen Wanderungen in die Fremde hohe Gebirgspässe zu überwinden, auf denen mitunter sowohl im März als auch im November winterliche Verhältnisse mit tiefem Schnee herrschten. Es war ein Aufbruch auf der Flucht vor der Not und Armut zu Hause.

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Die Vorarlbergerin Regina Lampert, hier als alte Frau in den 1930er-Jahren. ging als Achtjährige erstmals zum Arbeiten ins Schwabenland.

17 STUNDEN ARBEIT
„Wenn du nicht folgst, dann kommst ins Schwabenland“, das war angesichts der durchziehenden Kindergruppen eine gängige Drohung an widerspenstige Kinder. Denn was einen dort – außer der harten Arbeit von früh bis spät – erwartete, hing ganz davon ab, wohin man kam. „Die einen hatten’s gut, die anderen wieder weniger“, schreibt Regina Lampert verhalten. Aber auch sie, die es eigentlich ganz gut getroffen hatte mit der Bauernfamilie, bei der sie in drei aufeinanderfolgenden Jahren arbeitete, berichtet davon, wie sie „so umeinandergeschupft“ wurde und „oft noch Schläge von den groben Knechten“ bekam.

Ein Arbeitstag von fünf Uhr früh bis zehn, elf Uhr abends war auch für die Jüngsten und Schwächsten in der Gesindehierarchie eher die Regel als die Ausnahme. Die viele Arbeit sei oft kaum zu bewältigen, schreibt Regina Lampert in ihren Erinnerungen. Immer wieder weint das kleine Mädchen bitterlich und fühlt sich „so grausam unglücklich und einsam“. Schweinefutter kochen und tragen, auf Pfannen, die so schwer sind, dass sie ihr ein anderer vom Herd heben muss, das Essen kochen, die Zimmer machen, die Gänse hüten, bei der Ernte helfen, das Essen aufs Feld führen und nebenher immer auch auf die kleinen Kinder am Bauernhof aufpassen sind nur einige wenige ihrer vielen Aufgaben. Todmüde und erschöpft ist sie fast immer. In ihrem dritten Sommer ist sie mit ihren knapp zehn Jahren fast schon eine Erwachsene und gilt als vollwertige Küchenmagd. Sie hat so viel erlebt, gesehen, geschuftet und durchlitten, dass für sie klar ist: „Es ist mir wirklich verleidet, ich möchte nicht mehr kommen.“ 

KURZE HOSEN UND EIN RAD
Hilare Nenning erinnert sich auch noch genau an den Tag, als er – über sieben Jahrzehnte nach Regina Lampert – Ende Mai 1936 im Schwabenland ankam. „In Ravensburg auf einem Viehmarktplatz sind wir aus dem Bus ausgestiegen“, sagt er. Ravensburg, Friedrichshafen und Wangen in Schwaben waren die drei Städte, in denen es über Jahrhunderte Kindermärkte gab, auf denen die Bauern sich die Kinder aussuchten und mit deren erwachsener Begleitperson den Lohn vereinbarten.

Der sah fast immer so aus: ein „doppeltes Häs“, also ein Gewand von Kopf bis Fuß in zweifacher Ausführung, und dazu ein bisschen Bargeld. Offiziell existierte der letzte „Markt für Hütekinder und Dienstboten“ in Ravensburg schon seit 1914 nicht mehr. Inoffiziell aber wurden hier auch noch 20 Jahre später Kinder wie Hilare Nenning an ihre Arbeitgeber vermittelt. „Ich weiß noch genau, da war eine alte Frau mit so einem weißen, steifen Spitzenkragen und ein Mann, der einen Vatermörderkragen gehabt hat, und die alte Frau hat mich gefragt: ‚Mogscht mitgehen?‘“ Hilare Nenning ging mit. Zwei verlängerte Sommer hindurch arbeitete er bei einem wohlhabenden Bauern im schwäbischen Roggenzell bei Wangen. „Kühe melken hab ich müssen, Kühe hüten, heuen, zusammenrechen, die Milch mit einem Zweirädler nach Neuravensburg in die Molkerei führen. Das war anstrengend.“ Er sagte „Vatta“ zum Altbauern, der immer mit ihm in den Stall ging und ihn – hinter dem Rücken der Bäuerin – zwei Eier austrinken ließ. Zur Altbäuerin musste er „Ihr“ sagen. Das war damals so üblich.

Er hatte es gut, sagt er, aber er habe schon auch gehört, dass „andere viel geweint haben, nix zum Essen gekriegt haben oder geschlagen worden sind“. Als Lohn für seine zwei mal vier Monate Arbeit auf dem schwäbischen Bauernhof bekam Hilare Nenning „eine kurze Hose und ein Fahrradl“.

Bücher:

Joachim Marte: Wille zum Überleben. Ein Schicksal zwischen den Zeiten. Das Leben von Hilare Nenning. Eigenverlag. Über
www.amazon.com zu beziehen. 

Regina Lampert: Die Schwaben-gängerin. Erinnerungen einer jungen Magd aus Vorarlberg 1864–1874. Limmat Verlag, 26,60 Euro

Bauernhaus-Museum Wolfegg (Hg.): Die Schwabenkinder. Arbeit in der Fremde vom 17. bis 20. Jahrhundert. Süddeutsche Verlagsgesellschaft im Jan Thorbecke Verlag, 15,30 Euro

Elmar Bereuter: Die Schwabenkinder. Roman. Piper, 10,30 Euro

Erschienen in „Welt der Frau“ 03/15 – von Julia Kospach