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Morgen pflanzen wir eine Pfingstrose

Milos und Ljubinka Valetic, ein altes serbisches Ehepaar, waren Teilnehmer an einem EU-Programm für Rückkehrer in die alte Heimat Kosovo. Erst im Jahrt 2000 flohen sie aus dem Kosovo nach Belgrad: Jetzt wollten sie heim, nicht länger ihrer Tochter auf der Tasche liegen, das Programm klang vielversprechend und sicher. Milos war früher engagierter Lehrer für Latein- und Griechischlehrer, er hat seine SchülerInnen zu begeistern gewusst und war nie korrupt. Daher empörte er sich in seinen zahlreichen Briefen darüber, wie die Angehörigen der albanischen Minderheit aus ihren Ämtern und Posten gedrängt wurden. Ja, er, Milos war Serbe, damit hätte er die allerbeste Qualifikation gehabt, um Direktor des Gymnasiums ins Pristina zu werden. Mehr wurde und war nicht gefragt, Milos lehnte ab. Doch jetzt dieses Haus im Kosovo: Sein Sohn hatte doch empfohlen, bei diesem Programm mit dabei zu sein, es gäbe ein Haus, die EU und die serbische Regierung würden dafür sorgen, dass die UmsiedlerInnen sicher seien. Endlich wieder eine Heimat? Milos und Ljubinka Valetic werden durch Genickschüsse in diesem zugigen, aus wenigen Mauern bestehenden und keine Fenster habenden Haus hingerichtet: Wem war Milos auf die Füße gestiegen? Wen hatten die beiden alten Leute gestört?

Milena Lukin eilt durch Belgrad, sie ist auf dem Weg zu ihrem Onkel, der im Krankenhaus liegt: Sie trägt schwere Taschen, so gut ist die Versorgung im Krankenhaus nicht und auch die Verwandten wollen Onkel Miodrag nicht ohne Hochprozentiges und Fettes im Krankenhaus wissen. Es ist Onkel Miodrag, der seine Nichte, die hochqualifizierte Wissenschaftlerin, auf die Hinrichtung der beiden alten Leute im Kosovo hinweist: Ljubinka sei einst seine große Liebe gewesen, so ganz anders als seine jetzige Frau.

Milena muss sich gerade auf der Uni mit Einreichungen herumschlagen, weiß, wie diese am Institut für Kriminalistik und Kriminologie ablaufen – ganz und gar nach dem Motto „Papier ist geduldig“ – Milena ist es eben nicht!

Frau Lukin, wir reden hier vom Kosovo. Was für Fakten brauchen Sie? Das Kosovo ist ein von Verbrechern gegründeter Staat, ein Verbrecherstaat. Wir Serben sind da unten Freiwild. Die Rentner hätten nie einen Fuß ins Kosovo setzen dürfen. (S. 32)

Kosovo-Serben sind Menschen ohne Lobby, verhasst bei den Albanern, unerwünscht in Serbien und ein großes Problem für die EU und deren Auftrag. Milena beginnt, in alten Akten zu stöbern, ruft ihre zwei besten Freunde, einen Anwalt und eine Schönheitschirurgin zu Hilfe. Gleichzeitig muss sie sich mit dem Vater ihres Sohnes Adam wieder um fällige Unterhaltszahlungen fetzen: Gern denkt sie an ihre Zeit in Deutschland zurück. Vera, ihre Mutter, liebt und verwöhnt ihren Enkel, sie ist eine alte Partisanin und erzählt von den Auswanderungsfantasien Onkel Miodrags: Überall sei es damals besser gewesen als in der Heimat. So nimmt Milena eine Spur auf, die heiß und gefährlich ist. Immerhin führt sie zum serbischen Staatssekretär, einem Aufsteiger mit dem Charakter einer Teflon-Pfanne, der eine Schwäche für junge Mädchen, Tennismatches und seine Familie hat. Bald feiert er seinen 50-er und bald werden die Tageszeitungen ihn und seine Schönheitschirurgen-Schönheit von Frau als „Kennedy von Serbien“ bezeichnen. Teure Hobbys hier, alte Häuser dort, Menschen, die sich nach Heimat sehnen und nach Frieden. Hier wird um einen Reisepass gelogen, geschlagen und intrigiert; hier punktet, wer die richtige Nationalität hat, egal, ob es um ein neues Hüftgelenk oder eine Wohnung oder auch nur um einen Pass geht.

Dazwischen Alltag, Witze, Flirts, kleine Gerechtigkeiten und bizarre Abgänge aus diesen Lebenskämpfen. Übrigens: Pfingstrosen sind die Nationalblumen des Kosovo, sie sollen deshalb in derart intensivem Rot blühen, weil ihre Erde vor Jahrhunderten mit Blut getränkt worden ist.

Milenas Reise in den Kosovo konfrontiert sie mit Hass und den Lügen derer, die mit Rücksiedlungsprojekten Geld machen wollen: Ganz oben wird hoch gepokert, gelogen und hier werden entsprechende Akten schnell vernichtet. Der Krimi ist der neue Gesellschaftsroman: Skandinavische Krimis führen in die dunklen Abgründe der Menschen, Regionalkrimis zerpflücken die ländlichen Idyllen. Doch dieser Krimi hier leistet politiische Bildung, provoziert und macht nachdenklich.

Und jetzt hätte ich vor lauter Eifer Ihnen auch noch das Ende verraten; aber was ist hier das Ende? Ich habe die letzten Zeilen jetzt trotzdem gelöscht.

 

Was Sie versäumen, wenn Sie den Roman nicht lesen: Einblick in das Leben im Kosovo, Einblick in das Leben der Serben im Kosovo sowie der Kosovo-Albaner, Einblick in Krieg und Trauma, Einblick in das Gefühl der jungen Generation „Flüchtlingskinder“ zu sein, Einblick in korrupte Politiker, die beinahe immer gewinnen, Alltag einer engagierten Wissenschaftlerin, die einst die Welt retten wollte. Der Krimi ist der neue Gesellschaftsroman, nun macht er uns neugierig auf ein Stück Geschichte, das noch lange nicht aufgearbeitet ist.

 

Der Autor Christina Schünemann lebt in Berlin und hat in Moskau sowie in Bosnien-Herzegowina gearbeitet.

Die Autorin ist in Belgrad geboren, wo sie Neuere Deutsche Literatur und Kulturgeschichte lehrt; sie ist laut Klappentext sowohl in Belgrad als auch in Berlin zuhause und mit ihrem Co-Autor seit fünfundzwanzig Jahren befreundet.

 

 

Christian Schünemann; Jelena Volic:

Pfingstrosenrot.

Ein Fall für Milena Lukin.

Roman.

Zürich: Diogenes 2016.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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