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Die einen meinen, mit Alice Schwarzer werde auch die Frauenbewegung alt. Die anderen sehen Frauenbeauftragte, Forscherinnen in Sachen Geschlechterpolitik, Riot-Girls oder Alphamädchen und sind überzeugt: Die Töchter und Enkelinnen der zweiten Frauenbewegung gehen viele Wege und verfolgen doch immer noch das alte Ziel.

Alice Schwarzer kommt in die Jahre. Anfang Dezember feiert die „Frontfrau des Feminismus“, wie sie oft genannt wird, ihren siebzigsten Geburtstag, und aus diesem Anlass werden die Zeitungen voll sein mit Würdigungen, Kritiken und Überlegungen zum Stand der

Frauenpolitik heute. Wo immer die umstrittenste und daher prominenteste Vertreterin des deutschen Feminismus bisher auf die Bühne trat, waren auch die Medien da und berichteten. Diese Prominenz einer Einzelnen ist verheerend für die Sache der Frauenbewegung,

schreibt die Historikerin und Journalistin Miriam Gebhardt in ihrem gerade erschienenen Buch „Alice im Niemandsland“. Die Kritik ist nicht neu. Schon früh bemängelten Frauenrechtlerinnen den Personenkult um Alice Schwarzer und stießen sich daran, dass sie beansprucht, für alle Frauen zu sprechen. So entstand ein Zerrbild, Alice Schwarzer wurde zum öffentlich wirksamen Symbol, aber auch zu einem Pappkameraden des Feminismus; in seinem Schatten – und oft unbemerkt von der Öffentlichkeit – haben viele

Entwicklungen der Frauenfrage stattgefunden. Alice Schwarzer kommt in die Jahre, müsste man sagen, der Feminismus aber noch lange nicht. Doch was hat sich in den letzten Jahren eigentlich verändert und wohin geht die Reise?

AUS „FRAU“ WIRD GESCHLECHT

Seit den großen Tagen der sogenannten „zweiten Frauenbewegung“, die in den späten 1960er-Jahren begann, hat sich die Gesellschaft gewandelt und mit ihr auch die Frauen und ihre Emanzipation. Obwohl man eigentlich gar nicht von dem einen, einheitlichen „Feminismus“ sprechen kann, lassen sich doch grob zwei Tendenzen einer Entwicklung unterscheiden: Die Frauenpolitik ist in den letzten Jahrzehnten einerseits bürokratischer und akademischer, andererseits aber auch leichter und verspielter geworden.
Spätestens seit Mitte der 1980er-Jahre wuchsen Teile der Frauenbewegung aus ihren autonomen Kinderschuhen heraus. Gleichstellungsfragen wurden nun offiziell auch zu einer Sache der Institutionen, und Frauenbeauftragte gehören heute so selbstverständlich zu jeder öffentlichen Einrichtung wie auch das sogenannte „Gender-Mainstreaming“ – also institutionelle Verfahren zur Gleichstellung der Geschlechter. Dies ist sogar in den EU-Verträgen festgehalten.
An den Universitäten etablierten sich seit den 1990er-Jahren die „Frauen- und Geschlechterstudien“ langsam, aber unaufhaltsam als akademisches Fach. Kaum eine Universität kommt heute ohne „Gender Studies“ aus, und die Masse an wissenschaftlichen Veröffentlichungen auf dem Feld ist nicht mehr zu überblicken.
Es vollzog sich auch ein wichtiger inhaltlicher Wandel, denn der Schwerpunkt liegt jetzt nicht mehr auf dem Wort „Frau“, sondern auf dem Wort „Geschlecht“ – aus der Frauenforschung wurde eine „Geschlechterforschung“. Das ist sinnvoll, denn Frauen und Männer bilden ja ein System. Die „Gender Studies“ verstehen dieses Verhältnis nicht als ein biologisches, sondern als ein gesellschaftliches Phänomen, und sie bringen bewusst alle unsere Vorstellungen vom Geschlechtsunterschied erst einmal ins Wanken.

MANCHMAL GEHT ES WILD ZU
Jenseits der öffentlichen Einrichtungen ging es mitunter wild zu. Das englische Wort „riot“ bedeutet „Aufstand, Aufruhr“, und es ist nicht verwunderlich, dass die jüngeren Feministinnen erstens lieber internationales Englisch benutzen und sich zweitens „Riot“ nennen. Anfang der 1990er-Jahre bekam der Feminismus neue Impulse aus der Musikszene, es bildete sich die sogenannte „Riot-Girl-Bewegung“. Die wilden „Girls“ reagierten darauf, dass es trotz angeblicher Emanzipation kaum Frauen in der Rock- und Punkmusik gab, denn die war und ist immer noch zum großen Teil von Männern bestimmt. Jetzt gründeten Frauen zunächst in den USA, aber auch in Großbritannien ihre eigenen Bands, die harte Musik spielten und sich „Bikini Kill“ oder „Sisters of Revolution“ nannten. Eine Band aus Hamburg hieß „Die Braut haut ins Auge“. [Auch die russische Gruppe „Pussy Riot“, die gerade für Schlagzeilen sorgt (s. Seite #), gehört in diese Tradition.] Die „Riot Girls“ – nicht zu verwechseln mit den zahmen und konventionellen „Spice Girls“ – brachten mit ihrer Girl-Power einiges in Bewegung. In den USA sprach man auch von einem „third wave feminism“, also einer dritten Welle des Feminismus. Zu ihr gehörte neben der Girl-Power, dass man die individuellen Unterschiede zwischen den Frauen betonte, viel stärker schwarze und farbige Frauen einbezog, den Kampf gegen Rassismus zu einem selbstverständlichen Teil der feministischen Politik machte und neue Positionen zu den Themen Sexualität und Pornografie entwickelte.

ALPHAMÄDCHEN BLEIBEN OBERFLÄCHLICH
Diese „dritte Welle des Feminismus“ ist in Europa nie richtig angekommen, außer in kleineren Zirkeln. In Deutschland sprach man lieber vom Ende des Feminismus („Postfeminismus“), von der „F-Klasse“ starker Frauen oder den „Alphamädchen“. Im Jahr 2008 wollten Bücher wie „Neue deutsche Mädchen“ und „Alphamädchen“ die Frauenfrage noch einmal neu aufrollen. Natürlich arbeiteten die Autorinnen sich an dem alten Emanzen-Schreckbild von Alice Schwarzer ab, und sie betonen, dass der neue Feminismus sexy sei, schön mache und dass er gemeinsam mit den Männern arbeite. Zentrale Begriffe sind „Spaß“ und „Knallersex“. Die alte, verbissene Ernsthaftigkeit in Sachen Emanzipation ist offenbar vorbei. Damit ist etwas gewonnen, aber auch etwas verloren. Denn wer vermutet, dass die öffentliche Diskussion um Feminismus zwar leichter, aber auch ziemlich oberflächlich wird, hat nicht ganz Unrecht.

MITHILFE VON MUSIK UND KUNST
Eigentlich greifen die verschiedenen feministischen Strategien wie eine Zange von oben und von unten zu. „Oben“ konnten Frauen auf institutioneller Ebene viel erreichen; dass ihre Belange heute an Universitäten und in Organisationen zumindest offiziell verankert sind, wird früher oder später auf weite Bereiche der Gesellschaft zurückwirken.
Die neuen, lebendigen Impulse für den Feminismus kommen aber auch aus dem „Untergrund“, der sogenannten Sub- und Populärkultur. Viele der feministischen Diskussionen finden heute im Internet statt, auf Blogs oder in diversen kleinen Zeitungen, die wie „Fanzines“, also „Zeitschriften von Fans für Fans“, funktionieren. Ganz leicht zu verstehen sind diese Texte für Außenstehende nicht. Der „gelebte Feminismus“ drückt sich in der Kunst- und in der Musikszene aus. Große Tradition haben auch in Österreich die „Ladyfeste“, bei denen nur Frauenbands auftreten. In Wien organisiert das Kollektiv „Die Quote“ seit zehn Jahren regelmäßig Partys und legt Lieblingsplatten und CDs auf. In Wiener Neustadt fand auch heuer im August wieder ein einwöchiges „Girls Rock Camp“ statt, bei dem junge Mädchen Instrumente ausprobieren, proben und Bands gründen können.

DIE JUDO-TAKTIK
Eines muss man verstehen, um den neuen Bewegungen zu folgen: Die Form des Protestierens hat sich verändert. Vermutlich weil in der verspielten und doppeldeutigen Welt der Werbung und des Konsums eine eindeutige politische Empörung fast unmöglich geworden ist, wenden die Frauen eine Taktik an, die man aus dem Judo kennt. Kann man den Gegner nicht direkt bezwingen, sollte man dessen Kraft umlenken und gegen ihn wenden. So benutzen die jungen Feministinnen Elemente aus der Populärkultur, um diese Kultur zu verändern, sie benutzen Schimpfwörter wie „Schlampen“ oder eben „Pussy“ oder das englische Wort „Queer“, mit dem Homosexuelle diskriminiert wurden, als stolze Bezeichnung. Man kann nämlich die Bedeutung der Begriffe neu definieren, wenn nur genug Menschen mitmachen.
[Diese Taktik gab es auch schon in früheren Bewegungen, etwa wenn die Feministinnen sich bewusst selbst als „Hexen“ bezeichneten. Doch heute ist sie zum gängigen Mittel geworden.] Das Ziel ist es, die öffentliche Meinung, den „Mainstream“, wie in einer Guerilla zu unterwandern.

DIE NEUEN THEMEN SIND AUCH ALT
Doch was fordern eigentlich die neuen Feministinnen? Gibt es überhaupt noch viel zu tun? Eigenartigerweise bleiben trotz aller Erfolge die alten Themen der Frauenbewegung auch die neuen. Die heutigen Feministinnen nennen Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen, Beteiligung an der Erziehungs- und Hausarbeit, Aufstiegschancen, sexuelle Selbstbestimmung und das Schönheitsdiktat als die Kernprobleme für Frauen. Die Ungleichbehandlung ist subtiler und weniger sichtbar geworden, der Blick auf Zahlen zeigt aber, dass sie immer noch existiert. Ungleichheit gibt es aber nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern auch zwischen Schwarz und Weiß, zwischen oben und unten. Dagegen kämpfen die jungen politischen Feministinnen heute.